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Grausames Leiden vor dem Tor Der finnische "Elefant" entnervt DEB-Team

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Alle gegen Olkinuora.

(Foto: dpa)

Dann eben Bronze! Eine große Chance auf das WM-Finale ließ das deutsche Eishockey-Nationalteam ungenutzt. Endet das Turnier in Lettland dennoch mit dem größten WM-Erfolg seit 1953? Was gegen die USA dafür unbedingt besser werden muss: Die Verwertung der Chancen.

Der Weg zum Ziel, der Weg zum Pokal führt bei der Eishockey-Weltmeisterschaft in Riga über Juho Olkinuora. Das klingt irgendwie sehr nett. Kann aber auch ziemlich grausam sein. Denn Juho Olkinuora ist eine Wand, eine Wand, die (fast) alles schluckt. Zum zweiten Mal in diesen Tagen von Riga hat Juho Olkinuora Deutschlands beste Eishockeyspieler um den Verstand gebracht. Zum zweiten Mal hat der Torwart der Finnen verhindert, dass der Titelverteidiger gegen die furiose Mannschaft von Bundestrainer Toni Söderholm als Verlierer vom Eis ging. Mit der Niederlage in der Vorrunde kann Deutschland in der Rückschau sicher gut umgehen, mit der Niederlage im Halbfinale am Samstagabend dagegen weniger. Historisch groß war die Chance, noch größer nur Juho Olkinuora.

In einem Turnier, das aus deutscher Sicht nicht arm an Dramen war, an knappen Niederlagen in der Vorrunde und an leidenschaftlich erkämpften und erspielten Siegen gegen Lettland (im letzten Gruppenspiel) und gegen die Schweiz (im Viertelfinale), lieferte das DEB-Team nun die nächste epische Schlacht. Opferte sich gnadenlos auf. Wie Tom Kühnhackl, der sich in Unterzahl in einen mörderischen Schlagschuss von Oliwer Kaski geworfen hatte. Der Puck knallte auf eine ungeschützte Stelle am Knöchel. Kühnhackl kroch und humpelte vom Eis, kam aber nur wenige Minuten später wieder und schonte sich nicht. Es ist nur eine Geschichte, die dieses Spiel erzählt. Eine andere ist: Nach einem starken Start ins Spiel kassierte Deutschland in den Minuten 14 und 19 eine Blitz-Ernüchterung. Beim 0:1 durch Iiro Pakaranien ist der bislang überragende Goalie Mathias Niederberger nicht von jeder Schuld freizusprechen. Der Schuss war zwar hart und aus eher kurzer Distanz, aber nicht unhaltbar.

Finnland - Deutschland 2:1 (2:0, 0:1, 0:0)

Tore: 1:0 Pakarinen (13:50), 2:0 Björninen (18:55), 2:1 Plachta (31:03)
Finnland: Olkinuora - Sund, Koivisto; Määttä, Kaski; Ohtamaa, Pokka; Lindbohm, Nousiainen - Mäenalanen, Björninen, Anttila; Ruotsalainen, Lundell, Ojamäki; Innala, Kontiola, Pakarinen; Sallinen, Ruohomaa, Turunen. - Trainer: Jalonen
Deutschland: Niederberger (Eisbären Berlin/49 Länderspiele) - Moritz Müller (Kölner Haie/167), Seider (Rögle BK/15); Jonas Müller (Eisbären Berlin/54), Holzer (Awtomobilist Jekaterinburg/79); Wagner (ERC Ingolstadt/33), Nowak (Düsseldorfer EG/50); Gawanke (Manitoba Moose/12) - Reichel (Eisbären Berlin/11), Noebels (Eisbären Berlin/93), Pföderl (Eisbären Berlin/50); Plachta (Adler Mannheim/102), Kahun (Edmonton Oilers/67), Eisenschmid (Adler Mannheim/35); Kühnhackl (Bridgeport Sound Tigers/14), Loibl (Adler Mannheim/35), Rieder (Buffalo Sabres/48); Krämmer (Adler Mannheim/60), Kastner (Red Bull München/18), Peterka (Red Bull München/9); Tiffels (Kölner Haie/56). - Trainer: Söderholm
Schiedsrichter: Björk, Nord (beide Schweden)
Strafminuten: Finnland 8 - Deutschland 6

Nun braucht man sich nicht lange mit dieser Szene aufzuhalten. Weil Niederberger bislang so viel Schaden von der Mannschaft abgehalten hatte und weil er später noch mehrfach herausragend parierte und das DEB-Team somit lange vom historischen Einzug in ein WM-Finale, dem ersten seit 1953, träumen ließ. Beim zweiten Gegentreffer war es wieder ein individueller Fehler, der Finnland das Tor ermöglichte. Lukas Reichel spielte den Puck ohne Not mitten ins eigene Drittel. Da war niemand. Außer Hannes Björninen.

Finnisches Abräumkommando

Die Geschichte dieses Spiels fing aus deutscher Sicht jetzt aber erst an. Mit der vermutlich besten Leistung in diesem Turnier wurde Finnland mehrfach im eigenen Drittel festgespielt. Der Titelverteidiger war nur noch darauf bedacht, Schüsse abzuwehren (oder gar nicht erst zuzulassen), vor dem Tor mit aller erlaubter Härte aufzuräumen oder aber den Puck einfach nur aus der Gefahrenzone zu bringen. Wann hat es so etwas schon mal gegeben? Ein deutsches Team dominiert Finnland. Zwingt sie zu Undiszipliniertheiten. Zu Strafen. Nach zuvor elf Hinausstellungen in acht Spielen gab es nur vier in einer Partie. Ein ganze Mannschaft wankte. Nur eben dieser Olkinuora nicht. Sport1-Experte Rick Goldmann nannte ihn in aller Bewunderung "einen Elefanten". Tatsächlich war es absolut anerkennend gemeint, mit seiner Größe von knapp 1,90 Meter nimmt der 30-Jährige viel Raum ein, spielt aber auch clever mit, kommt dem Schützen entgegen und bietet ihm kaum Fläche für den Schuss.

Wie es geht, zeigte Matthias Plachta in der Mitte des zweiten Drittels. Weil Markus Eisenschmid den finnischen Goalie beschäftigte, weil er ihm die Sicht nahm, hatte Plachta plötzlich die Chance. Er nutzte sie. Indes auch mit einem gewaltigen Schuss von der blauen Linie. Dass sich Deutschland nicht häufiger in diese Situation bringen konnte, lag an den "Bodyguards" von Olkinuora. Atte Ohtamaa und seine Kollegen räumten vor dem Tor wuchtig ab und auf. Abpraller waren für das deutsche Team kaum zu bekommen. Erst recht nicht zu verwerten. Und wenn einer, wie Nobels, mal durch war, dann kümmerte sich Olkinuora eben höchst selbst um Klärung der Lage. Dass die Finnen die Mannschaft mit den wenigsten Gegentoren im Turnier sind - es wundert niemanden. Und dennoch gab es für Deutschland die Riesenchance zum Last-Minute-Ausgleich. Wie schon gegen die Schweiz. Doch der spektakuläre Pass von Dominik Kahun auf den am langen Pfosten völlig freistehenden Eisenschmid wurde von Ohtamaas Schläger gerade noch entscheidend abgefälscht. Eisenschmid haute am Puck vorbei.

Die Enttäuschung groß, natürlich. "Wir wollten Weltmeister werden. Wir waren heute die bessere Mannschaft, die Kleinigkeiten haben eben entschieden", urteilte Kapitän Moritz Müller. Der Stolz aber noch ein bisschen größer: "Diese Mannschaft hat einen sehr, sehr großen Teil meines Eishockey-Herzens gewonnen. Die Jungs haben zu 99 Prozent alles umgesetzt, was im Plan stand", lobte der oft eher sachliche Söderholm: "Wir haben viele unserer Stärken ins Spiel gebracht, sehr gute Torchancen kreiert, vieles gemacht, das eigentlich auch einen Sieg hätte bringen können."

Zeit für Frust bleibt indes nicht. Schon am Mittag (ab 14.15 Uhr im Liveticker bei ntv.de) gibt es die zweite Chance auf die historische Medaille. "Wir werden uns Bronze holen, ganz einfach", sagte der gegen Finnland wieder einmal überragende Abwehr-Routinier Korbinian Holzer. "Da werden wir noch einmal alles rausholen. Wir lassen keinen Tropfen mehr im Tank." Am Mittag wartet das Team aus den USA, gegen das es in der Vorrunde eine enge 0:2-Niederlage gab. Auch da war Deutschland überlegen. Auch da scheiterte Deutschland oft knapp. An einem Mann, der Cal Petersen heißt. Der Weg zum Ziel, der Weg zur WM-Medaille, er führt wieder über einen Goalie...

Quelle: ntv.de

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