Sport

Warum gute Handballer nicht spielen Deutsche Talente im Abseits

weltmeister.jpg

Die deutschen Handball-Junioren wurden 2009 Weltmeister. Ein großer Karrieresprung war das für die einzelnen Spieler aber nicht.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Platz elf bei der Handball-WM in Schweden ist definitiv ein Tiefpunkt in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft. Neue Heilsbringer sind nicht in Sicht. Und nicht wenige geben den Bundesliga-Vereinen die Schuld dafür. Die setzen lieber auf Stars aus dem Ausland statt auf die eigene Jugend.

Der aktuelle Kader der deutschen Handball-Nationalmannschaft ist gespickt mit Spielern, die sich bei der Heim-WM 2007 sensationell zum Weltmeistertitel kämpften, als Anführer erwiesen hat sich 2011 jedoch keiner von ihnen. Heiner Brand konnte vor vier Jahren mit Florian Kehrmann, Markus Baur sowie Christian Schwarzer auf echte Leitfiguren bauen. Michael Kraus spielte zwar ein überragendes Turnier, wurde gar ins Allstar-Team gewählt. Führen kann er eine Mannschaft jedoch nicht.

bob.jpg

Bob Hanning gilt unter anderem als Entdecker von Florian Kehrmann, einem der weltbesten Rechtsaußen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Doch selbst wenn Kraus, Dominik Klein oder Lars Kaufmann noch in die Häuptlings-Rolle hineinwachsen sollten, stellt sich die Frage, ob ihnen in den nächsten Turnieren genügend Indianer zur Seite stehen werden. Denn der deutsche Handball hat ein Nachwuchsproblem. Und das trotz scheinbar überragender Nachwuchsarbeit. Jürgen Heuberger, Co-Trainer der A-Nationalmannschaft, gewann mit den Junioren 2006 die Europameisterschaft und führte sie 2009 zum WM-Titel. Das Problem ist, dass den Talenten im Verein die Spielpraxis fehlt. Bob Hanning, Manager der Füchse Berlin und als Nachwuchsförderer berüchtigt, gesteht gegenüber n-tv.de, dass Talente "trotz einer sehr guten Jugendarbeit" Proleme hätten, Anschluss zum Kader zu bekommen.

Die Erfolge der A-Nationalmannschaft, allen voran der Europameister-Titel 2004 und der Erfolg bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land verdeckten ein Problem, mit dem man schon lange zu kämpfen hatte. So schlug Bundestrainer Brand schon vor über fünf Jahren Alarm. "Beim Supercup-Endspiel vor einer Woche zwischen dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt waren ja phasenweise nur zwei Deutsche auf dem Parkett. Das ist schon sehr bedenklich und kann so nicht weitergehen. Ich denke, dass diese Entwicklung gestoppt werden muss", hieß es in der "Handballwoche".

Vereine sind Egoisten

Die Bundesliga (HBL) schmückt sich nur zu gerne mit der allgemeinen Feststellung, die Spielwiese für die Besten der Welt zu sein. Ohne Frage, Stars aus Frankreich und Polen sind ein Augenschmaus für den Zuschauer. Nur liegt im Prestige der Liga das Problem der Nationalmannschaft. Denn wie rekrutiert man geeigneten Nachwuchs, wenn der in den Klubs nicht an fertigen ausländischen Spielern vorbeikommt?

stiebler.jpg

Auch Magdeburgs Steffen Stiebler, rechts, bemängelt die Chancenlosigkeit junger deutscher Spieler.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Horst Bredemeier, Vizepräsident des Deutschen Handball Bundes, sandte jüngst einen deutlichen Gruß an die Profiklubs: "Das sind Egoisten, weil jeder nur an seinen Erfolg denkt." Ähnlich sieht das Steffen Stiebler, Manager des ins Mittelmaß abgerutschten SC Magdeburg. "Viele Positionen, die für die Entwicklung junger Spieler notwendig wären, sind mit internationalen Topstars besetzt", so Stiebler gegenüber dem Radiosender "MDR Info". Zumindest in der Elbestadt ist ein Umdenken erkennbar: Da vermeldet man auf der Vereins-Homepage, sicher nicht ohne Stolz, einen Ausländeranteil von 40 Prozent. Bei den Rhein-Neckar Löwen liegt der Anteil deutscher Spieler dagegen bei lediglich 31 Prozent. Beim THW Kiel, der wohl besten deutschen Mannschaft, stößt man auf lediglich vier einheimische Spieler. Da tröstet es  nur bedingt, dass drei von ihnen, Dominik Klein, Christian Sprenger und Christian Zeitz, auch zu den Etablierten gehören.

Vordenker Heiner Brand

Ein Lösungsvorschlag, den Brand damals in der "Handballwoche" machte, war die Einführung einer "Deutschen-Quote". Und die wird derzeit wieder heiß diskutiert. Allerdings nicht durchweg ernsthaft. Reiner Witte, Präsident der Bundesliga, warf den großzügigen Vorschlag in die Runde, ab der Saison 2012/2013 (!) vier deutsche Spieler pro Mannschaftskader vorzuschreiben. Diese Auflage würden die Teams allerdings heute schon erfüllen.

"Wenn sich eine Mannschaft mit zehn ausländischen Top-Spielern verstärkt und diese vier Spieler dann auf die Bank setzt, ist das auch kein Fortschritt", betont der ehemalige Welthandballer Daniel Stephan im Interview mit n-tv.de. Anstelle einer Deutschen-Quote schlägt Bob Hanning gegenüber n-tv.de vor, "vier deutsche U23-Spieler auf den Spielberichtsbogen zu kriegen". Dann hätte die Jugend größere Chancen auf Spielpraxis als bei einer Ausländerbeschränkung. "Was nützt mir eine Deutschen-Quote, wenn ich dann 30-jährige einsetze?", fragt Hanning.

Falsches Training?

Bei all der Kritik an den auf den schnellen Erfolg bedachten Profi-Klubs stellt sich trotzdem die Frage, ob der deutsche Nachwuchs nicht auch selbst verantwortlich für sein wenig erbauliches Schicksal ist. Eine abwegige Frage, könnte man meinen. Abgehobene Jungspunde sind doch eher ein Phänomen des Fußballs. Und Kritik am System der Nachwuchsförderung entbehrt doch allein beim Blick auf die Erfolge der Junioren jeglicher Grundlage. Oder doch nicht? Gerade die Junioren-Titel bringen Experten in Grübeln und dem DHB Kritik.

omeyer.jpg

Thierry Omeyer sieht das französische Nachwuchssystem als günstiger für den Männerbereich.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Bei uns in Frankreich ist es nicht so wichtig, im Nachwuchsbereich Titel zu gewinnen. Uns ist es wichtiger, dass die Spieler körperlich stark sind", sagte jüngst Thierry Omeyer, wohl derzeit weltbester Torhüter und in Diensten des THW Kiel. "Fakt ist, dass die Franzosen der deutschen Nationalmannschaft körperlich überlegen sind. Die Ergebnisse sind gut, aber trotzdem nur zweitrangig. Man muss die individuelle Klasse der Spieler fördern", bemerkt Daniel Stephan im n-tv.de-Interview. Von einer verfehlten Jugendarbeit möchte der derzeitige Sportdirektor des Zweitligisten HSG Düsseldorf jedoch auch nicht sprechen. Wer früh um Ttiel kämpft, lernt schließlich auch früh "mit Druck umzugehen". Zudem dürften besonders Wettkämpfe Zusammenhalt und Zusammenspiel eines Teams fördern.

Die Mischung macht's

Was ist nun zu tun? Der DHB sollte sein Jugendkonzept zwar nicht grundlegend überdenken, muss jedoch einen Weg aus der körperlichen Unterlegenheit seiner Talente finden. Dass dabei auch die ausbildenden Vereine gefragt sind, versteht sich von selbst.

Fakt ist, dass in der spanischen Liga die Ausländerbeschränkung bereits Realität ist und die Nationalmannschaft der Iberer im Halbfinale steht. Nicht zuletzt das bestärkt die Verfechter einer solchen Quotenregelung in ihrer Forderung. Auch wenn Spaniens 13. Platz in Kroatien 2009 sogar noch die diesjährige deutsche WM-Mannschaft ein wenig glänzen lässt. Nichtsdestotrotz: Ist der Einsatz einheimischer Spieler in einer Liga garantiert, steigt auch die Chance auf Hochkaräter aus dem eigenen Nachwuchs. Der Plan Bob Hannings, der indirekt auch eine Quotenregelung vorsieht, scheint ambitioniert genug, um Abhilfe zu schaffen. Talente, die einen Platz im Kader sicher haben, dürfen Tag für Tag von den Besten lernen – von den Franzosen, Polen und Schweden der Bundesliga.

Quelle: n-tv.de, mit dpa/sid

Mehr zum Thema