"Ich will Revanche!"Deutsches Handball-Wunder steckt noch tief in Frankreichs Köpfen

Frankreich erlebt gegen die deutsche Handball-Nationalmannschaft eine der schlimmsten Niederlagen seiner Sport-Geschichte. Ausgerechnet bei den Olympischen Spielen in der Heimat. Nun will das Team eine Revanche.
59 Minuten und 47 Sekunden standen auf der Uhr, als sich im Fußball-Stadion von Lille ein deutsches Handball-Wunder vor den Augen von 27.000 fassungslosen Menschen auf den Rängen entfaltete. 13 Sekunden fehlten Frankreich nach einem dramatischen, hochintensiven Spiel zum Einzug ins olympische Halbfinale von Paris 2024. 29:27 führten sie, Deutschland schien inmitten des französischen Rausches niedergekämpft und besiegt.
Doch die nächsten 13 Sekunden bis zur Sirene sind eine Winzigkeit, die ewig bleibt. "Einige tragen noch immer die Narben dieses Spiels", sagte Frankreichs Kapitän Ludovic Fabregas. Heute wollen sie gegen Deutschland Revanche - und mit einem Sieg nicht nur ins Halbfinale der EM einziehen, sondern auch das eigene Trauma heilen (18 Uhr/ZDF, Dyn und im Liveticker auf ntv.de).
13 Sekunden vor dem Ende trat damals Renars Uscins zum Siebenmeter an. Der U21-Weltmeister traf zum 28:29, doch die Augenblicke rannen dahin, Frankreichs Trainer Guillaume Gille nahm die Auszeit. Mit sechs verbleibenden Sekunden hatte Frankreichs Superstar Dika Mem den Ball im Mittelkreis in der Hand und anstatt ihn in die Luft, auf die Tribüne, aufs deutsche Tor oder an beinahe jeden anderen Ort im Stadion zu werfen, warf er ihn in die Arme von Deutschlands Julian Köster. Der leitete ihn geistesgegenwärtig zum durchgestarteten Uscins weiter, mit der Schlusssirene schlug es im französischen Tor zum Ausgleich ein.
"Es war schwer für mich"
Frankreich kollabierte, Deutschland eskalierte und das Stadion schrie vor Entsetzen. In der Verlängerung wurde das bittere Schicksal der Franzosen besiegelt: Das DHB-Team gewann 35:34, später holten Uscins und Co. die Silbermedaille. Es war eines der verrücktesten Spiele der Handball-Geschichte.
Besonders der unglückselige Mem, der die Chance auf den heiß ersehnten Heimtriumph wenige Monate nach dem Gewinn der Europameisterschaft, in seinem schwärzesten Moment weggeworfen hatte, war Zielscheibe von Wut und Spott. "Nach den Olympischen Spielen war es schwer für mich", sagte der Linkshänder vom FC Barcelona nun vor der Neuauflage des traumatischen Duells. "Mental habe ich etwas Zeit gebraucht, um mich zu erholen."
Spielmacher Aymeric Minne, der nach der Saison nach Flensburg in die Bundesliga wechseln wird, räumte ein: "Natürlich ist das eine zusätzliche Motivation. Die Wunde der Olympischen Spiele ist für diejenigen, die dieses Spiel gespielt haben, noch offen. Ich habe diesen Moment wirklich nicht genossen. Natürlich werden wir vor dem Spiel darüber nachdenken."
"Es ist Geschichte"
Negative Energie soll aus der Erinnerung aber nicht ins französische Team kriechen: Die Niederlage habe "uns wehgetan, aber wir haben uns seitdem weiterentwickelt", sagte Gille. "Wir haben die Kurve bekommen. Es ist einfach Geschichte. Eine brisante Geschichte natürlich, aber Geschichte."
Der bisherige Turnierverlauf war für die Franzosen, die im dänischen Herning ihr fünftes EM-Gold jagen, ein Auf und Ab. Den Rekordsiegen mit jeweils 46 (!) Treffern gegen die Ukraine (46:26) und Portugal (46:38) stehen zwei Niederlagen gegen Gastgeber Dänemark (29:32) und Spanien (32:36) gegenüber.
Das deutsche Team hatte mit ihrem Olympia-Coup die große Karriere eines der besten Spieler aller Zeiten beendet: Für den vierfachen Weltmeister Nikola Karabatic war nach dem Schock Schluss, auch andere Legenden verabschiedeten sich nach goldenen Jahren aus dem Nationalteam.
"Darauf kannst du dich verlassen"
"Beide Mannschaften haben sich in der Zwischenzeit stark verändert, nach dem Rücktritt einiger wichtiger Spieler sind wir inzwischen eine jüngere Mannschaft", sagte der enorm torgefährliche und nur schwer zu stoppende Minne. Die Jungen, wie der Rückraumhüne Thibaud Briet und eben Minne, übernehmen bei diesem Turnier immer häufiger das Ruder, während Superstar und Anführer Mem mit Formschwankungen kämpft.
Mem, der gegen Spanien einen schwachen Tag erwischte und keinen seiner vier Wurfversuche versenkte, ist in seiner Herangehensweise an das für ihn "besondere Spiel" aber dennoch sehr klar: "Ich möchte Revanche, ich möchte gegen Deutschland gewinnen. Wenn ich das Siegtor werfen kann, um das Kapitel abzuschließen, werde ich es tun. Wenn ich in den letzten Minuten die Würfe nehmen muss, wenn es darauf ankommt, dann werde ich es tun. Darauf kannst du dich verlassen."
"Zählt gar nichts"
Die Vorzeichen sind klar: Gewinnen die Franzosen, stehen sie im Halbfinale. In jedem anderen Fall werden die langsam verheilenden Narben mit voller Kraft wieder aufreißen - schon bei Remis ist Deutschland weiter. Der Europameister hat sich durch eine überraschende 32:36-Niederlage gegen schon ausgeschiedene Spanier in diese Lage manövriert, immerhin bekamen sie ihr Schicksal durch Dänemarks Sieg über das DHB-Team (31:26) wenige Stunden später zurück in die eigene Hand. "Nach dem Sieg der Dänen waren wir begeistert, wir hatten unsere Energie und unsere Freude wiedergefunden", verriet Minne.
Der Respekt im deutschen Lager ist jedenfalls gewaltig: "Natürlich erinnert man sich an das Spiel, aber das wird nicht nochmal so vorkommen", sagte Olympiaheld Uscins, der in Lille 14 Tore warf: "Das wird ein ganz anderes Spiel, ein richtig heißer Fight." Die Franzosen seien nach den übermächtigen Dänen die "zweitstärkste Mannschaft des Turniers", sagte Bundestrainer Alfred Gislason. Das deutsche "Wunder von Lille" sei zwar "ein wichtiger Meilenstein" für das DHB-Team gewesen, meinte Gislason. Aber: "Diese letzte Begegnung zählt gar nichts. Das, was wir morgen machen, ist das, was zählt."