DHB-Team nervt Super-DänenDeutschlands Gang durch die Hölle tut diesmal anders weh

Schon wieder Herning, schon wieder Dänemark, schon wieder verloren: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft macht unter gleichen Voraussetzungen ganz neue Erfahrungen. Schmerzhaft, aber es tut nicht ganz so weh.
Dieser verdammte Pfosten, dieser verdammte Hallensprecher, dieser verdammte Emil Nielsen - diese verdammten Dänen ... Am Ende eines hochintensiven Handballspiels brennt die Jyske Bank Boxen, diese 15.000 Zuschauer fassende "Hölle von Herning", während Dänemarks Handballhelden, von einem harten Fight gezeichnet aber enorm erleichtert, ihre Ehrenrunden drehen. Die Deutschen stehen in ihren schwarzen Trikots in diesem Epizentrum des dänischen Handballs daneben, ermattet und mit gesenkten Köpfen. 26:31 (12:13) hatten sie verloren gegen den Olympiasieger und Topfavoriten.
Sie hatten in diesem Hauptrundenspiel, in dem der Einzug ins EM-Halbfinale lange greifbar nah war, alles investiert und am Ende nichts bekommen. Weil die Dänen eben die außerirdischen Dänen sind, weil es im Welthandball scheinbar ewige Gesetzmäßigkeiten gibt und der Weg durch eine "Todesgruppe" eben mit Leid verbunden ist.
Die deutsche Mannschaft war mit einer gewaltigen Überraschung in das Spiel gestartet: Statt des in aller Welt und auch auf dem Planeten Dänemark gefürchteten Andreas Wolff, der kurz zuvor noch die spektakulärste Paradenshow des Turniers gezeigt hatte, startete David Späth. Bundestrainer Alfred Gislason begründete das mit Späths größerer Qualität gegen Distanzwürfe. Der Schlussmann der Rhein-Neckar Löwen kaufte den Dänen im Verbund mit einer rigorosen Abwehr schnell mehrere Bälle ab und hätte es diese verdammten Pfosten nicht gegeben, das DHB-Team hätte Hernings Handball-Hölle in den ersten 30 Minuten merklich erkalten lassen.
Dieser verdammte Pfosten
Denn fünfmal trafen Marko Grgic und Co. alleine in der ersten Hälfte das Gebälk. Der deutsche Angriff bekommt in diesem Turnier nichts geschenkt, umso schmerzhafter ist es, wenn der verdiente Lohn am Holz zerschellt. Die meisten Gewaltwürfe hatte Dänemarks Torwart überhaupt nicht gesehen, bevor sie an seinem Tor einschlugen.
Und doch feierte der Hallensprecher dann immer und immer wieder Emil Nielsen für eine vermeintliche Heldentat und es gab Momente an diesem Abend, da fühlte sich das wie Betrug an der glücklosen deutschen Mannschaft an. Denn die Deutschen waren dran, sie ließen sich trotz zahlreicher realer Glanzparaden von Nielsen lange nicht abschütteln und wenn sich die Nervosität durch die rot-weißen Ränge frisst, spürt man das in der Halle. "Wir spielen sehr gut nach vorne", rief Gislason seinen Spielern in einer Auszeit beim Stand von 9:11 (24.) zu. Da hatte alleine Grgic schon dreimal Pfosten oder Latte getroffen.
Diesmal gibts keine Abreibung
Dänemark wankte, weil Deutschland lange eine beeindruckende Abwehr gegen die Stars um Welthandballer Mathias Gidsel stellte. Dänische Würfe zerschellten am massiven deutschen Mittelblock oder oft genug an David Späth. Beim 13:13 kurz nach der Halbzeit hatte das DHB-Team zum ersten Mal seit Langem wieder ausgeglichen, bis zum 15:17 (42. Minute) war das Duell völlig offen. Dann lud mal wieder Superstar Mathias Gidsel das Spiel auf seine Schultern, Dänemark zog auf 21:15 davon, weil sie die beste Mannschaft ihrer Generation sind. In der Hölle brannte es spät doch noch lichterloh.
Beinahe auf den Tag genau vor einem Jahr war es bei der WM an gleicher Stelle anders schlimm. Und zwar viel schlimmer: Auch da machte das deutsche Team gar kein so kein schlechtes Spiel, durfte aber nur staunender Zeuge sein, wie sich die dänischen Hochgeschwindigkeitsspieler in einen Offensivrausch zauberten. 30:40 verlor die deutsche Mannschaft damals, das Spiel war schon Mitte der ersten Hälfte entschieden.
In Dänemark staunten Spieler, Experten und Fans "über die beste Offensivleistung aller Zeiten", wie es Spielmacher Rasmus Lauge nannte. Deutschland wurde überrannt und konnte sich hinterher nicht mal richtig ärgern. Das war diesmal anders. Weil sie die Dänen heute vielleicht hätten packen können.
"Es fühlte sich besser an"
"In der zweiten Halbzeit haben wir einige schlechte Entscheidungen getroffen, als wir zwei Mann weniger auf dem Feld hatten", sagte Linksaußen Rune Dahmke zu den neuralgischen paar Minuten, als den aufopferungsvoll kämpfenden Deutschen auf gnadenlose Art vor Augen geführt wurde, dass alles zu geben nicht bedeutet, auch alles zu bekommen: "Unser Wurf war nicht so gut und plötzlich gelang es ihnen, drei oder vier Tore in Folge zu erzielen. Dann sind wir ein wenig eingebrochen, was sehr schade ist. Wir haben lange gekämpft, aber nicht lange genug."
Weil dieser verdammte Hallensprecher zunehmend auch wieder immer mehr echte Heldentaten von Weltklassetorwart Emil Nielsen verkünden durfte, wurde es dann doch noch deutlich. "Wir haben im Vergleich zu den letzten Spielen gegen Dänemark eine solide Leistung gezeigt. Es fühlte sich besser an", erinnerte sich Deutschlands Kapitän an den bitteren Waschgang von vor einem Jahr oder die Demütigung im Olympiafinale von Paris (26:39). "Es ist bitter – wir wären gerne als Sieger vom Platz gegangen und hätten uns bereits für das Halbfinale qualifiziert." Bundestrainer Gislason freute sich über "ein sehr gutes Spiel von den Jungs."
Der Schmerz ist wieder da, aber er ist anders. Bittersüß vielleicht, denn: "Wir können erhobenen Hauptes hier rausgehen und wissen, dass wir jetzt das Finale in zwei Tagen gegen Frankreich haben", sagte Kapitän Golla mit Blick auf das letzte Hauptrundenspiel gegen den Europameister (Mittwoch, 18 Uhr/ZDF und im Liveticker auf ntv.de).
Im vergangenen Jahr lernten sie gedemütigt, dass sie an einem normalen Tag meilenweit von der Weltspitze entfernt sind. Nun weiß die deutsche Mannschaft, dass sie an normalen Tagen auch Außergewöhnliches schaffen kann. Ein Punkt gegen Frankreich reicht und Deutschland wäre durch die "Todesgruppe" ins Halbfinale gewandert Das wäre angesichts der "Albtraum"-Auslosung (Andreas Wolff) ein Coup. Die Schmerzen wären spätestens dann vergessen.