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Historische Ehre für Deutschen Die NHL staunt über Sensationstalent Seider

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Moritz Seider verblüfft die NHL.

(Foto: imago images/Icon SMI)

Das gab’s noch nie: Ein Deutscher wird in der NHL zum "Rookie of the year" gewählt. Moritz Seider von den Detroit Red Wings erhält die Auszeichnung für seine herausragende Premieren-Saison. Sein Erfolg ist Genugtuung für den Manager.

Als Moritz Seider noch keine 1,93 Meter maß und noch keine 90 Kilogramm auf die Waage brachte, sondern nur eines von vielen Kindern im Eishockeyteam des EHC Erfurt war, hatte er einen großen Traum: "Oberliga spielen, für die Black Dragons." Nun, der einst große Traum des kleinen Moritz hat sich nicht erfüllt. Traurig ist er deshalb jedoch keineswegs. Denn anstatt für die Erfurt Black Dragons in der Oberliga Nord zu spielen, steht er seit dem vergangenen Herbst für die Detroit Red Wings in der stärksten Eishockeyliga der Welt auf dem Eis, der NHL. Und hier hat der Verteidiger bereits in seinem ersten Jahr Historisches geschafft.

Etwas, das nicht mal Detroiter Legenden wie Nicklas Lidström, Steve Yzerman oder Sergej Fedorow gelungen ist. Seider wurde als bester Neuling der Liga geehrt. Der Sieger dieser Wahl erhält die Calder Memorial Trophy, einen großen, silbernen Pokal, der auf einem edlen Holzsockel angebracht ist. Seit der Saison 1932/33 zeichnet die NHL ihren "Rookie of the year" aus, seit 1936/37 gibt’s für den Gewinner die Trophäe. Auf den Silberplaketten am Holzsockel sind die Namen von 60 Kanadiern, zwölf Amerikanern, acht Russen, vier Schweden, zwei Finnen, einem Slowaken und einem Briten eingraviert - und nun auch der des ersten Deutschen: Moritz Seider. "Das ist verrückt", meinte der 21-Jährige. "Manchmal muss ich mich kneifen, um alles zu realisieren."

Adrett im dunkelblauen Anzug und mit Fliege gekleidet stand der Verteidiger bei der NHL Award-Show auf der Bühne in Tampa. In der Heimat des aktuellen Meisters, Tampa Bay Lightning, der gerade in den Endspielen um den Stanley Cup der Colorado Avalanche gegenübersteht, nutzte die Liga den spielfreien Tag zwischen der dritten und vierten Finalpartie zur großen Feierstunde für ihre Besten, Wertvollsten und Torgefährlichsten. Von den 195 stimmberechtigten Mitgliedern der Professional Hockey Writer's Association votierten 170 für Seider als Rookie des Jahres. Der dunkle Lockenkopf galt für viele als Favorit und setzte sich letztlich auch klar gegen Trevor Zegras (Anaheim) und Michael Bunting (Toronto) durch. Wenn er daheim sei, bei seinen Eltern, dann werde das alles mal reflektieren, betonte Seider.

Große Skepsis bei Draft

Er ist nach Olaf Kölzig (2000, bester Torwart) und Stürmer Leon Draisaitl (2020, Topscorer, wertvollster Spieler, herausragender Spieler) der dritte Deutsche, der eine individuelle NHL-Auszeichnung gewonnen hat. Vergangene Saison war Seider bereits zum besten Verteidiger der Schwedischen Liga sowie der anschließenden WM gewählt worden.

Vor drei Jahren hatte er erstmals bei einem großen NHL-Event die Blicke auf sich gezogen. Bei der Verteilung der Talente auf die Vereine, der so genannten Draft, hatten sich die Red Wings am 21. Juni 2019 an sechster Stelle für den deutschen Nachwuchsspieler entschieden. Als Detroit-Manager Steve Yzerman auf der Bühne stehend Seiders Namen bekannt gab, ging ein Raunen durch das Publikum in der Rogers Arena von Vancouver.

Niemand hatte damit gerechnet, dass der damals 18-Jährige so früh gezogen werden würde. Auch die Experten zeigten sich überrascht. Und Seider selbst hielt sich erstaunt die Hände vor’s Gesicht. "Wir glauben, er hat einen ausgezeichneten Eishockey-Verstand. Er ist, unübersehbar, ein großer Junge und ein sehr guter Schlittschuhläufer. Unserer Meinung nach ist er einer der top Verteidiger dieser Draft", betonte Yzerman.

Die Talenteschau ist immer eine Art Glücksspiel. Verbunden mit der Hoffnung, dass der ausgewählte Nachwuchsspieler sich denn auch tatsächlich so entwickeln wird, wie von vielen prognostiziert. Eine Garantie gibt es natürlich nicht. Und so mancher Manager hat im Nachhinein schon seinen Job verloren, weil er eben am Draft Day komplett daneben lag und somit die nahe Zukunft des Vereins verspielt hat.

Neuaufbau dauert länger als erwartet

Steve Yzerman war an jenem 21. Juni 2019 der Druck anzumerken, unter dem er stand. Denn der Neuaubau in Detroit dauert länger als erwartet. Die Red Wings haben zwar mit elf Stanley Cups so viele Meisterschaften gewonnen, wie kein anderes NHL-Team der USA. Allerdings stammt der letzte Titel aus dem Jahr 2008. Die letzte gewonnene Playoff-Serie lag schon sechs Jahre zurück. Und in den vorangegangenen drei Spielzeiten hatte der Traditionsverein die Ko-Runde sogar verpasst.

Der nordamerikanische Sport ist, im Gegensatz zur Fußball-Bundesliga, so angelegt, dass - zumindest theoretisch - alle Vereine irgendwann mal die Chance haben sollen, Titel zu gewinnen. Um eine derartige Parität zu erzielen, dürfen die schwächsten Klubs der Vorsaison als erstes auf die größten Talente zugreifen. Detroit war an sechster Stelle dran - und Yzerman entschied sich ausgerechnet für diesen unbekannten Seider.

Es ist diese gewisse Mischung aus Voreingenommenheit und Arroganz, mit der Nordamerikaner Akteuren begegnen, die nicht in einer der Juniorenligen in den USA oder Kanada gespielt haben. Wo hat der gespielt? Was kann er? Kann er überhaupt was? Seider bildete da keine Ausnahme. Er hatte, im Gegensatz zu den Gleichaltrigen in Nordamerika, zwar schon Männereishockey gespielt und nicht nur Junioren gegenübergestanden. Er war sogar mit den Mannheimer Adlern Deutscher Meister geworden und zugleich zum "Rookie der Saison" gewählt worden. Allerdings in Deutschland. Nun ja …

Hätte Yzerman Seider nicht so früh ausgewählt, dann würde, davon war er sofort überzeugt, der Deutsche heute nicht in Detroit spielen. Denn als nächstes hatten die Red Wings erst wieder ein Zugriffsrecht auf den 35. Spieler dieser Draft. "Da wäre er nicht mehr da gewesen", meinte Yzerman. Der Manager war am Dienstagabend nach Tampa geflogen, um Seider zu überraschen, als der seine Auszeichnung bekam.

Heute Leistungsträger, künftig Eckpfeiler

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Die Zweifel der Fans sind längst verflogen. Seider hat sich bereits in seiner ersten Saison zum Leistungsträger entwickelt und gilt als Eckpfeiler für die Zukunft. Er spielt trotz seiner jungen Jahre bereits äußert ruhig, souverän und mit großer Übersicht. Er absolvierte alle 82 Saisonpartien, war an 50 Red Wings-Toren beteiligt. Seit der Spielzeit 1992/93 haben nur zwei andere Verteidiger in ihrer Premieren-Saison mehr Scorer-Punkte gesammelt. Unter allen Rookies hatte der Mann mit der Rückennummer 53 die meisten Vorlagen (43), Powerplay-Punkte (21) und Eiszeit pro Spiel (23:02 Minuten).

Und Seider, der einst als Fünfjähriger in der Erfurter Kartoffelhalle (“die kennt jeder in Erfurt”) mit dem Eishockey begann, hat dafür gesorgt, dass nach elf Jahren endlich mal wieder ein Red Wings-Profi eine der bedeutendsten individuellen NHL-Auszeichnung bekommt. Zuletzt war Nicklas Lidström 2010/11 mit der Norris-Trophy als bester Verteidiger ausgezeichnet worden. Der Schwede verbrachte seine gesamte NHL-Karriere in Detroit. 21 Jahre. Er gewann viermal den Stanley Cup und gilt in der Vereinshistorie als das Nonplusultra eines Verteidigers. Fans und auch Medien vergleichen Seider bereits mit Lidström. Manchmal ist es ganz gut, wenn Kindheitsträume eben nicht wahr werden.

Quelle: ntv.de

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