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"Die Finals" im Postkartenmotiv Die Olympia-Bewerbung-Werbung läuft an

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Auf dem Vorplatz des Olympiastadions liegt das Ziel der Triathlon-Wettbewerbe. Im Sprint der Frauen setzte sich Laura Lindemann durch.

(Foto: dpa)

Berlin ist am Wochenende Gastgeber der "Finals 2019". In zehn Sportarten werden quer über die Stadt verteilt die Deutschen Meister gesucht. Ein Stimmungsbild zeigt: Athleten und Zuschauer sind begeistert, der Leichtathletik-Chef erhofft sich Effekte für eine Olympiabewerbung.

Wer sich am frühen Samstagmorgen zur East Side Gallery in den Berliner Osten aufmacht, der erlebt Spitzensport im Postkartenmotiv. Dort ermitteln die deutschen Kanuten ihre Titelträger - mit der Oberbaumbrücke als malerischem Hintergrund. Als "inneres Blumenpflücken" beschreibt Jacob Schopf die Szenerie, nachdem er um kurz nach 8 Uhr seinen Vorlauf erfolgreich hinter sich gebracht hat. "Normalerweise darf man hier nicht paddeln", sagte der Athlet vom Köpenicker Kanusportclub, denn eigentlich ist die Spree an dieser Stelle dem Schiffsverkehr vorbehalten.

Für "Die Finals" aber, die an diesem Wochenende die deutschen Meisterschaften in zehn Sportarten in Berlin vereinen, ist hier eigens eine Sprintstrecke eingerichtet worden. Über 160 Meter duellieren sich die Kanuten, immer im direkten Duell, nur der Sieger kommt weiter. "Für die Uhrzeit ist gut was los, ich bin positiv überrascht", freut sich der 20-Jährige, der als Hoffnungsträger des Deutschen Kanu-Verbandes für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio gilt, über die zahlreichen Zuschauer, die vom Ufer aus die Wettkämpfe verfolgten. Sie folgen dem Ruf der Macher der "Finals 2019", die olympisches Flair nach Berlin bringen sollen.

"Größer als ein normales Sportfest"

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Szenenwechsel, ab zum Olympiastadion. Hier herrscht schon am Morgen Sport-Volksfeststimmung. Auf dem gut besuchten olympischen Platz läuft die Musik von Manu Chao, während sich die Zuschauer an der Strecke oder auf der eigens errichteten Tribüne postieren. Alles mit bester Sicht auf die Deutsche Meisterschaft im Triathlon der Frauen. Claudia, noch im Rennanzug und mit Medaille um den Hals, hat schon den Jedermann-Triathlon hinter sich: "Das war mein erster Triathlon heute, alles war neu und ich wusste gar nicht, dass heute auch die Deutschen Meisterschaften stattfinden", lacht sie. "Aber die Atmosphäre hier ist natürlich super."

Dann rollen auch schon die ersten Elite-Triathletinnen ein. "Auf geht‘s Mädels", schallt es vom Streckenrand. Auf einem Plakat steht "Lauf, Jule, lauf." Der Cousin von Jule Behrens, 16-jährige Triathletin des REA Card Triathlon Teams TuS Griesheim, ist gekommen, um sie bei ihrem Rennen zu überraschen. "Ich habe mit weniger Menschen gerechnet und hatte jetzt kurz Angst, dass ich sie gar nicht sehen kann." Er spürt durchaus einen Hauch von Mini-Olympia: "Das ist schon größer als ein normales Sportfest." Hautnah bekommt der Besucher die Wechselphase mit, und schon geht‘s für die Athletinnen auf die fünf Kilometer lange Laufstrecke. Eine große Videoleinwand überträgt den Lauf auf der Havelchaussee, der Live-Kommentator sorgt für zusätzliche Spannung.

"Auf Toilette kann ich noch gar nicht"

Schließlich biegt die Berlinerin Laura Lindemann als Erste auf die Bahn vor der Tribüne ein, auf der niemand mehr sitzt. Frenetischer Jubel bricht aus. Die ARD-Moderatorin wird noch fix geschminkt, viele Fotografen liegen, stehen und hocken bereit. Lindemann setzt zu einem Schlussspurt und gewinnt den Meistertitel in ihrer Heimat. "Es war ein tolles Rennen, alles hat nach Plan funktioniert", sagt die strahlende Gewinnerin im Ziel. "Vor dem Olympiastadion mit dieser großen Tribüne einzulaufen, das war echt cool."

Das Zuschauer- und Medieninteresse sei auf jeden Fall größer als sonst bei Triathlon-Meisterschaften. Und so genießt die gebürtige Berlinerin ihr Heimspiel in vollen Zügen. "Viele Familienmitglieder waren an der Strecke und ich hatte einen kurzen Anreiseweg und konnte etwas länger schlafen", lacht Lindemann. Außerdem wartet im Ziel: die Dopingkontrolle. "Auf Toilette kann ich noch gar nicht", scherzt eine der Triathletinnen. Andere sinken nach dem Zieleinlauf einfach erschöpft zusammen.

Mini-Olympia beim Familienfest

Über den Olympiapark geht es zum Fechten im Deutschen Sportforum. Der Mief der verschwitzten Turnhalle weckt Erinnerungen an den Sportunterricht. Matten liegen aus, elektronische Kontaktmesser samt Kabelwust zieren die Böden. "Ich bin heute extra um halb sechs Uhr morgens aufgestanden und aus Hamburg mit meiner Tochter angereist", sagt Andre Liem, der Fußballtrainer ist und sonst auch hauptsächlich Fußball schaut.

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Die Boxerinnen und Boxer kämpfen im Kuppelsaal um Titel.

(Foto: imago images / Andreas Gora)

Er hat erst durch eine Werbeeinblendung im Audi-Cup-Finale am vergangenen Mittwoch von den Finals erfahren. "Das hier ist eine überragende Idee, so viele Sportarten in einer Stadt und auf einem Haufen, das muss unterstützt werden", sagt er. "Ich spüre hier absolut etwas von Mini-Olympia, ich bin echt aufgeregt." Eigentlich würde Liem gerne alles schaffen, aber das klappt wohl nicht ganz. "Ins Velodrom, zu den Schwimmern und besonders zum Bogenschießen wollen wir aber noch unbedingt - das ist eine wunderschön anzusehende Sportart, die man sonst nie sieht und die echt schwer ist."

Im Duell mit dem eigenen Vorbild

Im architektonisch spannenden Kuppelsaal - wie in einem Amphitheater reihen sich dort die Sitzplätze vom Boden nach oben hin auf - direkt nebenan werden normalerweise Fechtwettbewerbe ausgetragen. Aber heute wird hier geboxt: Das Halbfinale der Frauen steht an. Lautstark feuern die Zuschauer die Boxerinnen an, die jeweils ihren halben Verein mitgebracht haben. "Körper Kopf, Körper Kopf", rufen ihre Anhänger Cansu Cak vom VfL Sindelfingen zu. "Nicht zurück, nach vorne! Drück sie!"

Punktrichter sitzen an jeder Seite des Rings, nach dem Kampf klatschen die Boxerinnen mit dem kompletten Team des Gegners ab. Cak, die erst 2017 mit Boxen anfing, verliert das Halbfinale, freut sich über ihren dritten Platz bei ihrer ersten Deutschen Meisterschaft aber trotzdem: "Meine Gegnerin, Ramona Graeff, war früher eines meiner Vorbilder und jetzt kann ich hier gegen sie so einen knappen Kampf gestalten", sagt Cak.

Aufmerksamkeit, die viele verdienen

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Liza Ryzih siegte im Stabhochsprung der Frauen.

(Foto: imago images / Beautiful Sports)

Vor dem Kampf sei sie ganz schön aufgeregt gewesen, auf Instagram habe die Boxerin im Vorfeld auch schon gesehen, in wie vielen Posts die Finals markiert wurden. "Das fühlt sich hier alles hammermäßig an, so eine tolle Veranstaltung. Es ist auch die erste Deutsche Meisterschaft im Boxsport für Frauen und Männer zusammen - das ist ein tolles Feeling." Natürlich hätte sie auch gerne den Titel geholt, aber es soll Schritt für Schritt nach vorne gehen und irgendwann hofft Cak auf ihren absoluten Traum: einmal bei Olympia teilnehmen.

Etwa einen Kilometer entfernt findet im Olympiastadion die Vormittagssession der Leichtathletik statt. Fabian Dammermann, jüngst U23-Europameister mit der deutschen 4-mal-400-Meter-Staffel, berichtet davon, dass die Athleten "drumherum etwas von den anderen Sportarten mitbekommen, das ist schon besonders". Auf dem Weg zum Aufwärmplatz schweift der Blick ab zu den Bogenschützen, erzählt der Osnabrücker.

Olympia-Stimmung will hier aber noch nicht wirklich aufkommen, was auch daran liegt, dass noch kaum Entscheidungen stattfinden. Das 1500-Meter-Halbfinale der Herren läuft: leichtes Klatschen. Beim Stabhochsprungfinale der Frauen steigt die Stimmung dann aber. 4,60 Meter sind am Schluss aufgelegt - Lisa Ryzih überspringt, der Jubel im Stadion ist schon ordentlich. Ryzih gewinnt ihre vierte Deutsche Meisterschaft und die Zuschauer freuen sich derweil auf die großen Wettbewerbe und Entscheidungen in der Nachmittagssession. 

Ein "Appetizer" für Olympia 2032?

Jürgen Kessing, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, denkt derweil schon einen Schritt weiter - er sieht die Großveranstaltung als "Appetizer" für eine mögliche Olympia-Bewerbung. Ich bin als junger Mensch in München 1972 infiziert worden und kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke", sagt Kessing. Die bislang letzte Bewerbung mit München für die Winterspiele 2018 scheiterte, in Berlin und Hamburg lehnte die Bevölkerung die Idee danach schon schon frühzeitig ab. Die nächsten Olympischen Sommerspiele, die noch einen Ausrichter suchen, finden 2032 statt.

Ob dieser Gedanke verfängt, bleibt abzuwarten. Die Profiteure der Berliner Finals sind aber ohnehin die "kleineren Sportarten" - von Bogenschießen über Boxen bis hin zu Turnen und Kanu. Sie bekommen Aufmerksamkeit, die sie sonst fast nie erhalten - die sich die Athletinnen und Athleten aber verdient haben.

Quelle: n-tv.de

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