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Frontalangriff auf Gesundheit Die Streif - ein eisiger Irrsinn auf 3312 Meter

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"Meines Erachtens sind die alle ein bisschen lebensmüde."

(Foto: imago/Eibner Europa)

Schwere Stürze, spektakuläre Rennen, legendäre Sieger: Kein alpines Ski-Rennen elektrisiert die Menschen so sehr wie die Abfahrt von Kitzbühel. Doch trotz der mitfahrenden Todesangst bleibt das Spektakel auf Eis und Schnee auch für die Sportler ein magischer Anziehungspunkt.

Für Boris Becker lag der Fall klar. "Meines Erachtens sind die alle ein bisschen lebensmüde", sagte die Tennislegende einmal über die verrückten Kerle, die sich Jahr für Jahr die berühmt-berüchtigte Abfahrt in Kitzbühel hinunterstürzen. Die Streif, das sind 3312 Meter in Schnee und Eis gehauener Irrsinn, das ist eine Piste als Frontalangriff auf die Gesundheit, ein gnadenloser Henker für Karrieren.

"So muss man sich fühlen, wenn man ohne Fallschirm aus dem Flugzeug springt", sagte der fünfmalige Gesamtweltcupsieger Marc Girardelli über den steilsten Start im Weltcup mit 50 Prozent Gefälle, der heutige ZDF-Experte Marco Büchel fühlte sich dort einst, als würde er "zur Schlachtbank geführt". Der große Österreicher Stephan Eberharter hatte beim Debüt 1991 "Todesängste" - sein Traumlauf von 2004 gilt dennoch noch heute als das Nonplusultra, nicht nur am Hahnenkamm.

Mausefalle, Karussellkurve, Steilhang, Seidlalmsprung, Hausbergkante, Traverse - die Namen der schwierigsten Streckenabschnitte sind Musik in den Ohren der Fans. Aber was heißt schwierig? Einfach ist es auf der Streif nirgends. "Du wirst herumgeworfen von oben bis unten", beschreibt Thomas Dreßen, Sieger von 2018, das Achterbahnerlebnis Kitzbühel. "Du wählst eine Linie - und dann geht's ums Überleben", sagte Aksel Lund Svindal im Dokumentarfilm "One hell of a ride" (Höllenritt) über "die herausforderndste Abfahrt", wie sie der viermalige Triumphator Franz Klammer nennt.

"Wie ein Stern auf dem Walk of Fame"

Alles begann mit einem Werbegag. Weil die Kitzbüheler der Welt beweisen wollten, dass man bei ihnen auch im März noch Skifahren kann, veranstalteten sie 1931 erstmals Rennen am Hahnenkamm. Sechs Jahre später folgte die Streif-Premiere, den Siegern winkt bis heute ewiger Ruhm - und ein Schriftzug auf einer der roten Kabinen der Hahnenkammbahn. "Dein Name auf der Gondel ist wie ein Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood - nur besser", sagte Svindal.

Am hellsten strahlt der Stern von Didier Cuche: Der Schweizer ist mit fünf Abfahrtssiegen Rekordhalter auf der Streif. Bei seiner Premiere, sagte er, "wäre ich am liebsten rückwärts wieder raus aus dem Starthaus". Sein Rezept für Siege? "Du musst den Berg respektieren - aber doch jedes Mal wieder angreifen." Der Kitzel lockt die "Adabeis" und Stars wie Arnold Schwarzenegger in die "Gamsstadt" - und Zehntausende Fans, die in Kitz eine Mischung aus Karneval und Oktoberfest feiern. Der Höllenlärm im Zielraum dringt die Piste hinauf, er reißt die Athleten hinunter in den Hexenkessel, treibt sie ans Limit. Oder darüber hinaus.

Die Horrorstürze von Todd Brooker 1987 oder Pietro Vitalini 1995 sind Youtube-Hits, 1999 zerschellte die Karriere von Olympiasieger Patrick Ortlieb an der Hausbergkante. Daniel Albrecht unterlief 2009 beim Zielsprung "ein sehr kleiner Fehler, aber ich hätte sterben können". Die Streif lehrt Demut. "Abfahrt? Nie wieder!", stöhnte der große Schwede Ingemar Stenmark, nachdem er sich 1981 einmalig hatte durchrütteln lassen, Hans Grugger lag nach seinem bösen Sturz in der Mausefalle 2011 einen Monat auf der Intensivstation. "Ich bin dankbar, dass mich die Streif am Leben gelassen hat", sagte er später. Nur einer wandelte scheinbar unbeeindruckt auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. "Das soll die schwerste Abfahrt der Welt sein?", rief "Herminator" Hermann Maier 1999: "Da geht es doch zweimal sogar bergauf!" Ein klarer Fall von lebensmüde.

Quelle: ntv.de, Marco Mader, sid