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Sugar Ray und Co. machten es vor Die "fantastischen Vier" im Boxring

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Posterboy: Ryan Garcia ist einer der neuen "Fantastischen Vier".

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Das Box-Jahr 2021 beginnt mit einem Knall: Der junge Leichtgewichtler Ryan Garcia betritt mit einem K.o.-Triumph die große Bühne. Seither ist die Faustkampf-Welt elektrisiert. Fans wie Experten träumen schon von einer neuen, goldenen Ära der "fantastischen Vier".

In den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts war das Boxen neben Pferderennen die populärste Sportart in den USA. Auf das Gekloppe ließ sich nicht nur wunderbar wetten. Der Sport stand für Spektakel. Woche für Woche duellierten sich die besten Preiskämpfer der Welt - ob nun Leicht- oder Schwergewichte. Speziell in New York boomte das Geschäft. Der Madison Square Garden wurde nicht zuletzt wegen legendärer Boxnächte zur "berühmtesten Arena der Welt".

In den Jahrzehnten darauf verlor der Boxsport sukzessive an Bedeutung. Mit der Gründung professioneller Ligen verdrängten Football, Baseball und Basketball den Faustkampf von der Spitze der Beliebtheitsskala. Boxen blieb zwar eine große Nummer. Das öffentliche Interesse - der Mainstream - beschränkte sich aber zunehmend auf das Schwergewicht. Vor allem, weil die Königsklasse in den 1970ern eine goldene Ära erlebte. Alle Großen jener Dekade kämpften mindestens einmal gegeneinander - und über allen strahlte die Welt-Ikone Muhammad Ali.

Goldene Ära der "fantastischen Vier"

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Sugar Ray Leonard (links) gegen Marvin Hagler 1987.

Nach dem Rücktritt des "Größten" fiel das Schwergewicht allerdings in ein Loch - nicht aber das Boxen. Was daran lag, dass einige Klassen tiefer vier Jahrhundert-Fighter die Fäuste fliegen ließen: Roberto Duran, Sugar Ray Leonard, Thomas Hearns und Marvin Hagler - die "Fabulous Four", die fantastischen Vier.

Es war ein einmalig besetztes Quartett: Duran, der unerbittlich nach vorne marschierende Mann aus Panama. Leonard, der gut aussehende, wortgewandte Edeltechniker. Hearns, der "Hitman" mit dem Licht-Aus-Schalter in der rechten Hand. Und Hagler, der grimmige Puncher mit Dynamit in beiden Fäusten. Von 1980 bis 1989 standen sich die "Fantas" in Welter-, Mittel- und Supermittelgewicht im Boxring immer wieder gegenüber. "Das waren wirklich große Kämpfe. Über sie wurde in den Zeitungen auf Seite eins berichtet, nicht nur hinten auf den Sportseiten, nein, Seite eins!", erinnerte sich der Box-Historiker Steve Farhood jüngst in einem Interview mit "fightnews.com".

Unvergessen, wie Duran US-Hero Leonard dessen erste Pleite zufügte, um ein paar Monate später im Rematch mit den Worten "no mas" (nicht mehr) aufzugeben (beides 1980). Unvergessen, wie Leonard, nach Punkten hinten liegend, Hearns in Runde 14 ausknockte (1981). Oder wie Hearns den eisenharten Duran flachlegte (1984). Oder "The War", das dreiründige Nonstop-Gemetzel zwischen Hearns und Hagler (1985). Und natürlich das sensationelle Leonard-Comeback gegen Hagler (1987). Und. Und. Und. Die "fantastischen Vier" bescherten dem Boxen eine weitere goldene Ära. Der Sport blieb auch in der Post-Ali-Zeit relevant. Wesentlich relevanter jedenfalls als heute.

Neues Faust-Quartett lässt hoffen

2021 sind wichtige Boxkämpfe in den USA (und auch Großbritannien) in der Regel ausschließlich im Bezahlfernsehen (Pay-per-View) zu sehen. Für große Duelle müssen die Fans richtig in die Tasche greifen. Der "Jahrhundert-Kampf" zwischen Floyd Mayweather und Manny Pacquiao 2015 etwa kostete auf HD-Mattscheibe 99 Dollar. An diesem Geschäftsmodell wird sich zwar nichts ändern. Trotzdem könnte der Boxsport in absehbarer Zeit wieder das kollektive Interesse der Sportwelt erregen. Zum einen winkt im Schwergewicht das Duell der britischen Champions Tyson Fury und Anthony Joshua. Zum anderen bahnt sich gut 50 Kilogramm tiefer eine Neuauflage der "fantastischen Vier" an.

Das Leichtgewicht (bis 61,2 kg) ist in den USA plötzlich in aller Munde. Verantwortlich dafür ist Ryan Garcia. Der 22-Jährige meldete sich vergangenen Samstag in Dallas mit einem krachenden K.o.-Sieg über den starken Briten Luke Campbell in der Weltspitze an. Garcias Promoter, niemand geringeres als "Golden Boy" Oscar de la Hoya, hält "King Ryan" schon jetzt für "the next big thing", das neue Gesicht des Boxens.

De la Hoya könnte recht behalten. Vor allem, weil Garcia im Leichtgewicht drei starke Nebenbuhler hat, die ebenfalls Anspruch auf den Thron erheben: Teófimo López (23), Gervonta Davis (26) und Devin Haney (22). Die neuen "fantastischen Vier"? In den USA frohlocken Fans wie Experten, einige sehen gar schon eine neue, goldene Ära heraufziehen. Wie beim Original-Quartett stimmt die Mischung. Der Schönling Garcia - defensiv anfällig, dafür mit K.o.-Hammer ausgestattet. López, ebenfalls mit Dampf in den Fäusten, zudem boxerisch äußerst versiert. Haney, wie Garcia blitzschnell, aber noch relativ unerfahren. "Tank" Davis, ein brutaler K.o.-Schläger, obendrauf Rechtsausleger.

Lopez und die "Papier-Gürtel"

Verbal haben es die "Fantastischen Vier 2.0" nach Garcias Eröffnung des Box-Jahres direkt mal krachen lassen. "Ich befinde mich auf einer Mission, Gervonta Davis in zwei Runden auszuknocken. Dieser Mann wird auf die Bretter gehen. Zwei Runden, das ist ein Versprechen", posaunte Garcia im Gespräch mit TMZ Sport. Davis ließ sich nicht lange bitten. "Du weißt doch, mit wem du zehn Minuten vor deinem Einmarsch (gegen Campbell, d. Red.) gesprochen hast. Der Kampf steht doch schon. Jetzt halt den Mund und mach dich bereit!", twitterte der von Floyd Mayweather gemanagte "Panzer".

Instagram-Star und Hobby-Model Garcia gegen den stiernackigen Ghetto-Boy Davis: Das Duell ließe sich als "Die Schöne und das Biest" hervorragend vermarkten. Dass die einstigen Weltergewichts-Rivalen de la Hoya und Mayweather als Schattenmänner im Hintergrund die Fäden ziehen, würde dem Gefecht zusätzlich Würze verleihen. Und selbst wenn der Kampf (vorerst) nicht zustande kommt, stehen die Chancen gut, dass zwei der jungen Faust-Fantas bald aufeinandertreffen. Haney hält beim Verband WBC neuerdings den WM-Titel, Garcia ist als "Interims"-Weltmeister sein Pflichtherausforderer. Die beiden kennen sich aus Amateurtagen, lieferten sich in der Social-Media-Welt auch schon das ein oder andere Scharmützel.

Bleibt noch Lopez, der im Oktober 2020 mit einem Sensations-Sieg über Großmeister Vasiliy Lomachenko die Gürtel aller wichtigen Verbände (WBA, WBC, WBO, IBF) eroberte und seither als legitimer Weltmeister der leichten Jungs gilt. "Egal, wie man es dreht und wendet. Ich bin DER Leichtgewichts-Champion. All die anderen Typen halten doch nur Papier-Gürtel", antwortete er via Twitter auf Garcias K.o.-Triumph in Texas. Doch auch Lopez muss sich eines echten Champs würdig erweisen. "Tank" Davis, seines Zeichens "regulärer" WBA-Weltmeister (das Parade-Beispiel eines "Papier-Gürtels", d. Red.) ist gemäß den Statuten des Panama-Verbandes sein Pflichtherausforderer.

Quelle: ntv.de