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Darts-Weltmeister van Gerwen Die gemobbte Abrissbirne

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MvG - die perfekte Inszenierung.

(Foto: imago/Action Plus)

Egal, wie gut du bist, Michael van Gerwen ist besser. Klingt wie eine schlechte Kopie der legendären Chuck-Norris-Witze, ist aber Darts-Realität. Und wirft die Frage auf: Ist "Mighty Mike" mit seinen 27 Jahren schon jetzt der Beste aller Zeiten?

Dass Michael van Gerwen einmal Fußball gespielt hat, ist kaum zu glauben. Schon eher, dass er nicht besonders gut war. Gefürchtet jedenfalls hat den jungen Abwehrspieler damals niemand. Ganz anders als mittlerweile am Dartboard. Dort ist der 27-Jährige mit seinen Gegner so gnädig wie eine Abrissbirne. Unglaubliche 25 Titel hat der Niederländer im vergangenen Jahr gewonnen. Das alles aber war nur der Anlauf für das Unvermeidliche: seinen zweiten WM-Triumph. Erspielt, nein, mit einer Mischung aus Sensibilität und Urgewalt an den Scheiben des "Ally Pally" erdroschen gegen den schottischen Titelverteidiger Gary Anderson. Mühelos. Nicht, weil Anderson so schlecht gewesen wäre. Mühelos, weil er selbst, van Gerwen, seit Monaten einfach alle und alles in Grund und Boden wirft.

"Du brauchst den zweiten Titel, um zu den ganz Großen zu gehören. Das hier hinbekommen zu haben, bedeutet mir so viel", hatte der Niederländer nach seinem beeindruckenden 7:3-Finalsieg am Montagabend gesagt. Und dass dies nicht sein letzter Triumph im "Ally Pally" war, daran zweifelt wohl niemand. Angesichts der Tatsache, das mittlerweile gilt, egal wie gut du bist, Michael van Gerwen ist besser, fragt die niederländische Zeitung "De Volkskrant": "Ob sich van Gerwen schon jetzt der beste Darter aller Zeiten nennen darf". Nun, der beste wohl (noch) nicht. Denn es gibt da ja den legendären Phil Taylor, 16-facher Weltmeister, Pionier und Wegbereiter der Boomsportart Darts. Vielleicht aber wird man eines Tages sagen, dass van Gerwen der Dominanteste war, den es je gab. Derjenige, bei dem Gegner schon vorher wussten, dass sie verlieren werden, egal was sie auch versuchen.

"Mighty Mike" hat sich im Eiltempo zum Superstar der Szene entwickelt. Er hat seinen Landsmann Raymond van Barneveld, immerhin fünffacher Weltmeister und Gegner im epischen Halbfinal-Match, ebenso übertrumpft, wie auch den zunehmend schwächelnden Taylor. Der Fliesenleger aus Boxtel bestreitet mittlerweile jedes Event als Topfavorit, pulverisiert Bestmarke um Bestmarke und hat den Anspruch, sich mit den größten Legenden zu vergleichen. "Phil ist der Größte, aber ich bin der Beste". Seine Begründung ist denkbar einfach: "Ich habe seine Rekorde für den besten Schnitt und die meisten Turniersiege gebrochen. Ich breche diese Rekorde nicht, weil ich ein schlechterer Spieler als er bin. Ich denke, ich schaffe das, weil ich ein besserer Spieler bin. Die Zeiten haben sich geändert."

"Alles andere als der WM-Titel wäre ein Desaster"

Van Gerwen selbst weiß eben um seine Klasse. Während der WM betonte er mehrfach: "Ich erwarte von mir selbst den Titel, alles andere wäre für mich ein Desaster." Bescheiden ist anders. Aber Bescheidenheit ist auch nicht der Antrieb des Niederländers. Van Gerwen strebt nach Anerkennung. Er findet sie im Erfolg. Er will unangreifbar sein, nicht mehr so wie früher, als pummeliger Junge. "Ich wurde gemobbt, weil ich dick war", erzählte er vergangenes Jahr dem "Spiegel". Das habe ihn schwer getroffen. Seine Reaktion: Schläge. "Ich wusste mir damals nicht besser zu helfen, als zuzuschlagen und mir so vermeintlich Respekt zu verschaffen."

Doch dann kam per Zufall Darts, ein Einladungsturnier. Es kamen erste kleine Erfolge. "Endlich bekam ich so etwas wie Anerkennung, das war für mich die beste Motivation. Mir wurde klar, dass Darts möglicherweise mein Sport ist. Und so war es." Und so ist es. Van Gerwen wurde zum Profi, trainiert bis zu vier Stunden am Tag. Er wurde zu dem Gesicht seiner Sportart. Der Rechtshänder ist die perfekte Inszenierung. Sein Name lässt sich gröhlend wunderbar über seinen weltbekannten Walk-on-Hit "Seven Nation Army" von den Whites Stripes legen. Sein grünes Hemd ist nicht mehr nur Darts-Insidern bekannt und seine emotionale Mimik sowie bisweilen extrem ausladende Gestik machen ihn zum Jürgen Klopp der Pfeilewerfer.

In van Gerwen steckt die Kraft einer Abrissbirne. Wann immer es geht, bringt er sie ans Brett. Wann immer es geht, pumpt er sie aus sich heraus. Und es geht verdammt häufig. Nach jeder perfekten Aufnahme, nach jedem gewonnenen Leg, Set oder Turnier. Das macht ihn so stark. "Michael ist mental unglaublich. Er ist sehr, sehr selbstbewusst, sehr aggressiv. Das zeigt er auf der Bühne. Durch seine Jubelposen schüchtert er seine Gegner fast ein", sagt Deutschlands bester Dartsspieler Max Hopp im Gespräch mit n-tv. Van Gerwen ist kein ausgemachter Sympathieträger. Er ist weder Model, noch Adonis. Er ist weder Goldkehlchen, noch Oscar-Kandidat und schon gar nicht ist er Fußballer. Er ist ein Anti-Held, wie er mehr Anti-Held nicht sein könnte. Aber vielleicht eines Tages der beste Dartsspieler aller Zeiten.

Quelle: ntv.de