DHB-Team kämpft sich durchDiesmal verdient sich Deutschland Portugals Wut

Was für ein Start der deutschen Handball-Nationalmannschaft in die EM-Hauptrunde: Auf dem Weg ins Halbfinale gewinnt das DHB-Team das erste von vier "Endspielen". Nach dem Krimi gegen Portugal gibt es Ärger.
Als die 60 Minuten des ersten deutschen Hauptrundenspiels bei der Handball-EM abgelaufen sind, bietet sich auf der Platte ein groteskes Bild: Während die deutschen Spieler ihren Sieg feiern, die Honoratoren des Verbandes schon aufs Feld schleichen, um den "Spieler des Spiels" zu küren, wüten die Portugiesen noch übers Spielfeld. 30:32 (11:11) haben sie verloren, doch auch lange nach der Schlusssirene kriegen sie sich nur schwer ein. Sie bestürmen das schwedische Schiedsrichterduo Kurtagic/Wetterwik, protestieren gegen das letzte Tor der deutschen Mannschaft durch Renars Uscins.
Sie fühlen sich nicht um einen Punkt betrogen, wohl aber um ein Tor, das in der engen "Todesgruppe" A in der Endabrechnung noch wertvoll werden kann. Der Ärger der Portugiesen ist gerechtfertigt, der spätere Torschütze Uscins war beim letzten deutschen Anwurf schon tief in der gegnerischen Hälfte. Besonders Trainer Paulo Pereira kommt aber überhaupt nicht zur Ruhe, er schreit die Schiedsrichter an (wofür er sich später immerhin entschuldigt), sogar Deutschlands Torwart Andreas Wolff muss eingreifen, um wütende Portugiesen zu befrieden.
Doch die Unparteiischen bleiben stoisch. So setzt Portugal, das sich zuletzt durch den Sensationscoup gegen Übermacht Dänemark (31:29) die Bewunderung der Handballwelt verdient hatte, einen unschönen Schlusspunkt hinter ein Spiel, in dem es zuvor schon manche unglückliche Momente gegeben hatte.
Den finalen Frust der Portugiesen verdiente sich die deutsche Mannschaft durch eine gewaltige Resilienz. Wie schon gegen Spanien lieferte das DHB-Team eine beeindruckende zweite Hälfte, Tor um Tor erzielte es und hielt die Portugiesen die letzten 20 Minuten permanent minimal auf Distanz. Zwei Tore, dann zogen die überragenden Brüder Martim und Francisco Costa nach, Deutschland legte wieder vor. Nach drögen ersten 30 Minuten entwickelte sich ein Krimi, Bundestrainer Alfred Gislason litt sichtbar, seine Spieler blieben bei sich. Und dürfen mit nun 4:0 Punkten weiter vom Einzug ins Halbfinale träumen.
"Der schmeißt sich hin und schreit"
Dass die Portugiesen eine knüppelharte Deckung spielen, hat niemanden überrascht. Vor dem Spiel hatte der Europäische Verband (EHF) Abwehrkante Victor Iturriza nachträglich für das Duell gegen Deutschland aus dem Verkehr gezogen - weil er zuvor gegen die Dänen zu heftig zugelangt hatte. Für den 35-Jährigen sprangen andere in die Bresche, die jenseits der normalen Härte zulangten. Und auch in der Offensive zeigten die Portugiesen manche Unsauberkeit.
"Der schmeißt sich hin und schreit", beschwerte sich Gislason über eine Szene, in der Kreisläufer Julius Fischer nach einem vermeintlichen Foul eine Zwei-Minuten-Sperre kassiert hatte. Die Rote Karte, die später überraschend Deutschlands Kapitän Johannes Golla für einen Gesichtstreffer gegen Portugals Superstar Francisco Costa kassiert, fand der Isländer überzogen: "Es wäre sehr bitter für uns, ihn im nächsten Spiel zu verlieren", sagte Gislason: "Aus meiner Sicht war es gar keine Rote Karte. Da kannst du maximal zwei Minuten geben. Golla greift ihm an die Brust, dann schmeißt sich Costa hin und kriegt Gollis Hand ins Gesicht." Noch am Abend gab es Entwarnung: Die EHF verhängte keine zusätzliche Sperre gegen den Flensburger.
Eine vergleichbare Situation gegen Golla hatte nach Ansicht der TV-Bilder kurz zuvor lediglich mit einer einfachen Hinausstellung gegen seinen Gegenspieler geendet. Deutschland steht am Samstag (18.30 Uhr/ZDF und im Liveticker auf ntv.de) gegen Norwegen vor der nächsten gewaltigen Herausforderung.
Schon im Spiel gegen Dänemark, bei dem die Portugiesen den für unschlagbar gehaltenen Favoriten schwer geschockt hatten, war es zu einer Kontroverse um Costa gekommen - in dessen Nachgang die "Helden der Meere" vehement eine Rote Karte für Dänemarks Simon Hald gefordert hatten. So vehement, dass Dänemarks Superstar Mathias Gidsel eingreifen musste:"Ich sagte nur: 'Lasst uns daran denken, dass wir alle Freunde sind'", berichtete der Welthandballer. "Ich bin damit einverstanden, dass in der Hitze des Gefechts auf dem Spielfeld einige Worte fallen, aber ich finde, es gibt keinen Grund, sich gegenüberzustehen und sich gegenseitig zu beschimpfen."
Sportlich taten diesmal allerdings beide Teams das Ihre dazu, dass hinterher ein erleichterter ehemaliger deutscher Nationalspieler in den Katakomben der mächtigen Jyske Bank Boxen die Frage in den Raum stellte, ob man schon einmal ein "so ein schlechtes EM-Spiel gesehen" habe. "Wir haben in der ersten Halbzeit auch so viele technische Fehler gemacht, haben einfach etwas überdreht", sagte Gislason. Es war unklar, welches Team das andere auf ein schwaches Niveau runtergezogen hatte. Das Ergebnis war allerdings ein unattraktives Spiel zweier eigentlich spektakulärer Mannschaften.
Wolff wird wütend
Als die deutsche Mannschaft, die das deutlich bessere zweier nervöser Teams war, nach fahrigem Beginn die Kontrolle zu übernehmen schien, warf sie die hart erarbeitete Zwei-Tore-Führung durch grobe Unkonzentriertheit in den Sekunden vor der Halbzeit einfach wieder weg. Und machte Torwart Andreas Wolff damit wieder wütend.
Der deutsche Titan, der in den ersten 30 Minuten sagenhafte 44 Prozent aller portugiesischen Würfe gehalten hatte, saß einige Minuten für sich alleine auf einem Stuhl am Feld. Seine Mitspieler waren da schon in der Kabine, Wolff schlich später in sich versunken übers Feld. Nach dem 30:31 nach Verlängerung im WM-Viertelfinale im vergangenen Jahr war es ähnlich gelaufen: Wolff zeigte eine unfassbare, eine echte Medaillenleistung, aber seine Vorderleute produzierten Fehler um Fehler. Und warfen das Spiel schließlich weg. Die Portugiesen feierten in Oslo, die Deutschen waren niedergeschlagen, Wolff wütete.
Diesmal kommt es anders: Weil Wolff - von der deutschen Bank handgezählte und von der offiziellen Statistik (13) abweichend - 16 Bälle hielt und weil Rückraum-Rakete Miro Schluroff völlig entfesselt und aus beinahe jeder Position satte sieben Tore "reinschrotete" (Wolff). "Die zweite Halbzeit war wirklich super. Die Leistungssteigerung im Angriff war riesig", freute sich Gislason. Das deutsche Team feiert, die Portugiesen wüten. Verdient.