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Ex-NFL-Profis Kuhn und Vollmer "Du hast 90 Autounfälle pro Spiel"

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Trafen 2012 als Gegner aufeinander: Markus Kuhn (links) spielte bei den New York Giants und Sebastian Vollmer bei den New England Patriots, mit denen er zweimal den Super Bowl gewinnen konnte.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die National Football League (NFL) ist in ihre 100. Saison gestartet, der Sport gilt als ungemein hart und besonders schädlich für das Gehirn. Die ehemaligen NFL-Profis und DAZN-Experten Markus Kuhn und Sebastian Vollmer spielten beide im Verein von Megastar Tom Brady, dem letztjährigen Champion New England Patriots, Vollmer gewann sogar zwei Ringe mit dem Quaterback. Im Interview mit n-tv.de sprechen die Ex-Spieler über das hundertprozentige Verletzungsrisiko beim Football, Schwäche zeigen im Lockerroom - und Spaghetti zum Frühstück.

n-tv.de: Herr Kuhn, Herr Vollmer, American Football wird in Deutschland immer beliebter. Was unterschätzen Außenstehende an den drei Stunden auf dem Rasen?

Markus Kuhn: Den Fans, die ein NFL-Spiel nur aus dem Fernsehen kennen, ist nicht bewusst, wie hart die Tackles und Hits wirklich sind. Wie groß der Aufprall ist, wenn wir als 150-Kilomaschinen gegeneinander rennen. Das ist wie ein kleiner Autounfall. Das hörst du auch nur vor Ort so richtig. Und auch ist den Wenigsten klar, wie extrem technisch dieser Sport ist.

Sebastian Vollmer: Man unterschätzt auch leicht, wie athletisch die Spieler trotz ihrer vielen Kilos sind. Die wirklich schweren Jungs laufen immer noch schneller als der 80-Kilogramm-Normalbürger.

Stichwort Autounfall: Wie oft waren Sie in Ihren NFL-Jahren wirklich schmerzfrei?

Vollmer: Nie. Ich bin es heute noch nicht.

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2016 spielten Vollmer und Kuhn gemeinsam für die Patriots.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Kuhn: Wir haben auch ein anderes Schmerzempfinden als andere. Wenn wir sagen, dass es gar nicht mehr weh tut, würde der ein oder andere direkt zum Arzt fahren. Man gewöhnt sich an den Schmerz. Als Footballspieler bist du nie komplett gesund. Durchschnittlich übersteht ein Profi nur drei Jahre in der NFL.

Vollmer: Du redefinierst auch deinen hundertprozentigen Gesundheitszustand. Jedes Jahr wird es etwas weniger. Das Risiko sich beim Football zu verletzen, ist garantiert. Das ist leider ein Teil des Ganzen.

Richten Footballer ihre Körper langsam aber sicher hin?

Vollmer: Du fügst deinem Körper Schaden zu. Absolut. Andererseits gibt dir der Sport ja auch etwas Einzigartiges - und damit meine ich nicht das Gehalt. Football ist ein ultimativer Teamsport. Dass man zusammen leidet, um etwas Großes zu erreichen, lehrt dich fürs Leben.

Kuhn: Jeder Profisportler hat einen größeren körperlichen Verschleiß, als der, der nur spazieren geht. Aber was bekommt man zurück? Football hat unser beider Leben komplett verändert. Als wir mit 15 Jahren in Deutschland aus Spaß gespielt haben, hat sich niemand dafür interessiert und wir dachten niemals daran, NFL-Profi werden zu können.

Haben NFL-Spieler bei dem großen Verschleiß überhaupt genug Zeit für Regeneration?

Vollmer: Man wird natürlich behandelt. Aber ich hatte Situationen, in denen ich nicht fit genug war und trotzdem gespielt habe. Du hast Angst, deinen Job zu verlieren, du fühlst dich verpflichtet und du weißt aus Erfahrung, dass du trotzdem irgendwie spielen kannst.

Kuhn: Wir sind ja auch Wettkämpfer. Keiner will mehr, dass ich auf dem Platz stehe, als ich selbst. Klar fühlt es sich komisch an, wenn der Coach nachhakt, ob du immer noch oder wieder verletzt bist. Aber den größten Druck machst du dir selbst.

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Wenn Sie nie schmerzfrei waren: Haben Sie jemals Ihre Entscheidung, Football-Profi zu werden, hinterfragt?

Vollmer: Ja, als meine Tochter geboren wurde. Damals war für mich klar, dass ich aufhöre. Da hatte ich gerade meine zwölfte Operation hinter mir, die vierte in einem Jahr. Meine Tochter hatte es sich nicht ausgesucht, von einem Footballspieler geboren zu werden und es wäre unfair gewesen, ihr einen Vater zu geben, der sich irgendwann vielleicht nicht mehr bewegen kann.

Kuhn: Ich hatte nach vier Profi-Saisons das Kreuzband gerissen, den Ellenbogen verletzt und mir alle Bänder im Daumen gerissen. Dann habe ich mich gefragt: Ist es mir das noch wert, mich für das Minimumgehalt durch die Liga zu kämpfen? Jeder in der NFL verdient sehr gut. Aber um diese extremen Millionensummen geht es beim Otto-Normal-Profi auch nicht. Ich habe mir dann gesagt: Es war eine coole Zeit, das Leben hat noch mehr zu bieten - und habe meinen Master an der Uni gemacht. Wir beide sind unserem Sport aber trotzdem weiter treu geblieben.

Dieses Jahr gibt es neue Helmvorschriften seitens der NFL, einige Top-Stars wollten ihren alten Helm aber behalten. Ist es wirklich so eine große Umstellung, auf ein neues Modell zurückzugreifen?

Kuhn: Der Helm ist das Hauptarbeitsgerät. Man trägt ihn jeden Tag im Training, anders als zum Beispiel die Schulterpolster. Deshalb muss er natürlich angenehm sitzen. Antonio Brown sagte, dass der neue Helm seine Sicht etwas einschränkt. Aber im Endeffekt ist der Helm dazu da, um deinen Kopf zu schützen. Und wenn die NFL beim Thema Gehirnerschütterungen ein Zeichen setzen will, weil alte Helme gefährlicher sind, dann macht es keinen Sinn, sich zu beschweren.

In einer wissenschaftlichen Studie von 2017 wurde bei 110 von 111 untersuchten Gehirnen von mittlerweile verstorbenen NFL-Spielern die Gehirnerkrankung CTE nachgewiesen. Haben Sie Angst, davon betroffen zu sein?

Vollmer: Bei dieser Studie muss man vorsichtig sein. Es wurden keine Ex-Spieler untersucht, die bis 80 völlig problemfrei gelebt haben. Also hat nicht jeder NFL-Profi diese Hirnschäden. Auf der anderen Seite: Als ich in der NFL angefangen habe, hat man nicht mal das Wort Gehirnerschütterung in den Mund genommen. Solche Verletzungen wurden ein wenig belächelt. Mit der Zeit wurde der Umgang damit strikter und kontrollierter. Heute sind bei Spielen unabhängige Neurologen vor Ort. Aber Football ist ein Kontakt- und Kampfsport. Wenn 150-Kilomänner aufeinanderprallen, dann hast du eben 90 kleine Autounfälle pro Spiel. Da kann ein Schaden passieren. Aber ich mache mir jetzt die nächsten 20 Jahre keine Vorwürfe oder Gedanken, sondern genieße lieber das Leben.

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Sind Hirnschäden Thema im Lockerroom?

Kuhn: So eine Umkleidekabine ist der komplette Querschnitt der Gesellschaft. Mit einfachen Typen und Leuten, die auch einen Doktor machen könnten. Da bleibt kein Thema unangetastet. Man spricht über den Körper, über Politik und alles Mögliche. Aber man fragt jetzt nicht die ganze Zeit: Was tun wir uns da an? Weil jeder entscheidet für sich, wir sind erwachsen - und der Sport macht uns ja auch Spaß.

Football wird als "Männersport" angesehen, die Themen Depressionen und Selbstmord aufgrund von Persönlichkeitsänderungen durch Hirnschäden werden immer wieder diskutiert. Darf man da in der Kabine "Schwäche" zeigen?

Kuhn: Wir sind allgemein in der Gesellschaft leider noch nicht so weit, um offen über mentale Probleme zu sprechen. Das ist im Lockerroom nicht anders. Aber wenn dort einer einen schlechten Tag hat, dann kommt auch mal der Nebenmann und fragt, was los ist.

Als einer der Top-Favoriten gelten auch dieses Jahr wieder die letztjährigen Champions New England Patriots. Was macht sie so stark?

Vollmer: Die einfachste Antwort ist immer: Coach Bill Belichick und Quaterback Tom Brady. Aber es steht mehr dahinter und hat viel mit Coaching an sich zu tun. Die verschiedenen Trainer, die Belichick anheuert, sind top und können auch aus Leuten mit nicht ganz so viel Talent richtig gute Spieler machen.

Kuhn: Die Patriots haben die gleichen Mittel wie alle anderen und geben an Gehältern noch nicht mal so viel Geld aus wie andere Vereine. Sie trainieren aber härter als alle anderen, davor muss man Respekt haben.

Man hört, dass bei den Patriots geradezu militärisch gearbeitet wird. Wie kann man sich das genau vorstellen?

Vollmer: Ein striktes Regiment herrscht in jedem NFL-Team. Das Training beginnt um 13.13 Uhr, fertig. Hast du um 13 Uhr ein Spiel, gibt es Spaghetti zum Frühstück. Bei den Patriots gibt es aber wirklich eine Hierarchie wie beim Militär von oben nach unten. Nur als ich in Rente gehen wollte, bin ich mal direkt zu Bill Belichick gegangen. Und das Training ist sehr detailorientiert, da hast du als Spieler nur zwei Möglichkeiten: Du wirst besser oder verlässt den Verein. Der Druck ist enorm.

Mit Markus Kuhn und Sebastian Vollmer sprach David Bedürftig.

Quelle: n-tv.de

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