Auch Panzerknacker fürchten sichEM-Schmach reizt den Welthandballer und seine Dänen bis zur Besessenheit
Von Anja Rau
Olympiasieger, WM-Seriensieger - aber nicht Europameister. Dänemarks Handballer haben beim Heim-Turnier nur ein Ziel. Als große Favoriten lastet der Druck auf Welthandballer Mathias Gidsel und Co. Warum das für sie kein Problem ist.
Bei ihm bekommen sogar die Panzerknacker Angst: Mathias Gidsel ist in einem dieser Tage erscheinenden Comic-Sonderausgabe als Mathias Gänseküken zu Gast im dänischen Entenhausen und bringt Anders And, der dänischen Version von Donald Duck, das Handballspielen bei. Der zweimalige Welthandballer ist ein Tausendsassa, auf dem Comic-Spielfeld und in der Realität. Das wird bei der Europameisterschaft (15. Januar bis 1. Februar) wieder zu sehen sein.
Doch nicht nur in Entenhausen muss man sich vorsehen, denn der zweimalige Welthandballer hat noch ein Hühnchen zu rupfen. Schließlich fehlt ihm ein großer Titel. Die Dänen sind zwar seit vier Weltmeisterschaften ungeschlagen – Europameister waren sie aber zuletzt 2012. Da war Gidsel gerade einmal zwölf Jahre alt und Zuschauer am TV. Zuletzt reichte es "nur" zu Silber (2024) und Bronze (2022). Eine Schmach für die Handball-Nation.
Diese soll nun endlich beim Heim-Turnier, das Dänemark gemeinsam mit Schweden und Norwegen ausrichtet, beendet werden. "Das ist ein großes Thema für uns. Wir wollen endlich dieses Turnier gewinnen", sagte Kapitän Magnus Saugstrup vom SC Magdeburg im Interview auf der Vereinsseite. Aus ihm spricht die Besessenheit des Teams. Dieses hat sowohl bei den Olympischen Spielen 2024 als auch bei der WM 2025 kein Spiel verloren, bei der EM 2024 nur das Finale - denkbar dramatisch in der Verlängerung gegen Frankreich. Dieser Stachel sitzt noch immer tief.
"Der Traum jedes Spielers"
Die Dänen können vom Anfang bis zum Ende die Unterstützung ihrer Landsleute genießen, spielen das gesamte Turnier in Herning. Dem Ort, an dem der Weg zum vierten WM-Titel in Folge im vergangenen Jahr startete. Die Eventhalle Jyske Bank Boxen wird traditionell zum rot-weißen Tollhaus, wenn das Team von Nikolaj Jacobsen spielt. Gidsel sagte darüber: "Wenn man die Energie in der Arena spürt, vergisst man die Müdigkeit. Man ist einfach zu 100 Prozent dabei. Es ist der Traum jedes Spielers, in einer vollen Jyske Bank Boxen zu spielen."
Die Gruppe B sollte sie dabei vor nicht allzu große Probleme stellen. Zwar sind die aufstrebenden Portugiesen dabei, die Deutschland bei der WM im vergangenen Jahr im Viertelfinale rauswarfen, mit Nordmazedonien und Rumänien aber auch zwei Underdogs.
Die Hauptrunde wird dann schon härter - vermeintlich mit dem Aufeinandertreffen mit Deutschland, mit Titelverteidiger Frankreich und Co-Gastgeber Norwegen. Als "Albtraum" hatte DHB-Torhüter Andreas Wolff den deutschen Turnierbaum bekanntlich bereits bezeichnet. "Bei einer EM gibt es so viele gute Mannschaften. Da kannst du dich nicht schonen oder irgendwie die Kräfte verteilen. Jeder Gegner kann gefährlich sein und dich bei dem Modus entscheidende Punkte kosten", so Saugstrup.
"Dänemark ist eine überragende Macht"
Und dennoch ist klar: Dänemark ist der Favorit. "Mit Dänemark ist aktuell eine Übermannschaft unterwegs", zollt DHB-Torwart Andreas Wolff allerhöchsten Respekt. Auch Bundestrainer Alfred Gislason sagt: "Die Dänen sind allen anderen Mannschaften voraus." Sein Trainerkollege Jacobsen hat ein wahres Starensemble beisammen. Neben Gidsel wird zumeist Simon Pytlick spielen, der auf Rückraum links brilliert, sie können mit Emil Nielsen auf einen der weltbesten Torhüter bauen, haben mit Saugstrup eine Macht am Kreis, mit Emil Jakobsen einen überragenden Linksaußen - um nur einige hervorzuheben. Und das, obwohl es die erste EM seit langer Zeit sein wird, bei der die Legenden Mikkel Hansen, Hans Lindberg und Henrik Möllgaard nicht dabei sein werden, auch Torhüter Niklas Landin steht nur für den Notfall im erweiterten Kader. 11 der 19 Spieler (16 dürfen dann pro Partie zum Einsatz kommen) spielen in der deutschen Bundesliga bei den Topteams.
Trainer Jacobsen sagte über sein Team: "Ich glaube nicht, dass sie nervös sind, weil sie den Plan kennen. Sie müssen ihn umsetzen, aber sie wissen auch, dass sie die Qualität haben - die individuelle Qualität -, um das zu tun. Ein großer Faktor ist, dass wir sehr viel Vertrauen in uns selbst und in das haben, was wir umsetzen wollen." Seit Jacobsen 2017 das Amt des Cheftrainers antrat, hat keine andere Nationalmannschaft der Männer mehr Medaillen bei großen Turnieren gewonnen als die Dänen (acht, davon fünf goldene; Frankreich sechs, davon drei goldene). Gidsel, der jüngst nicht nur mit dem Team als Dänemarks Mannschaft des Jahres ausgezeichnet wurde, sondern er selbst auch als Sportler des Jahres, lobte seinen Coach: "Niko ist sehr geschickt darin, die Qualitäten jedes einzelnen Spielers zu erkennen und herauszufinden, wie wir alle unseren Beitrag leisten können."
Doch der Druck ist groß. Alle erwarten den Titel. Die Fans, die Gegner, sie selbst. Gidsel nimmt es gelassen: "Ich akzeptiere den Druck. Ich kann ihn sowieso nicht ändern. Er gehört einfach zu meinem Job dazu. Ich gehe hinaus, um das zu tun, was ich liebe."
Beim Test gegen Norwegen vor wenigen Tagen bewies das Team, dass es bereit ist. Zur Pause stand es 13:13, am Ende aber stand ein souveräner 34:26-Erfolg. Auch, weil Jacobsen einige taktische Finessen im Angebot hat. Der Rückraum ist im Angriff extrem flexibel und damit für die gegnerische Abwehr nur schwer zu greifen. Dabei fehlen mit Thomas Arnoldsen (Schienbeinbruch) und dem Kieler Emil Madsen (Knorpelschaden im Knie) sogar zwei Optionen im Rückraum. Allein das zeigt die Breite, auf die Jacobsen zurückgreifen kann.
"So viele Titel wie möglich"
Womöglich sortiert sich im Turnierverlauf eine Option am Kreis von selbst aus. Im vergangenen Jahr war es Flensburgs Torhüter Kevin Möller, der zwischendurch vom Team abreiste und gut gelaunt TV-Interviews aus dem Krankenhaus geben konnte. Seine Frau erwartete das zweite Kind. Diesmal ist es Emil Bergholt, der im Sommer nach Flensburg wechseln wird, der etwas auf glühenden Kohlen sitzt. Errechneter Geburtstermin seines zweiten Kindes ist der 19. Januar, da das Turnier aber nun mal in Dänemark stattfindet, kann er schnell am Krankenhaus sein. Vielleicht ist dieser rote Faden also sogar ein positiver für die Dänen. Vergangenes Jahr gewannen die Dänen schließlich auch für Möller und reckten bei der Siegerehrung dessen Trikot in die Höhe.
Gidsel sagt zu den Ambitionen: "Wichtig ist, dass wir uns intern versprochen haben: Wenn man so gut ist wie wir, ist es das Ziel, in möglichst kurzer Zeit so viele Titel wie möglich zu gewinnen. Man weiß nie, wann eine neue dominante Mannschaft auftaucht oder ob es zu Verletzungen kommt." Die Panzerknacker sind vor Turnierstart jedenfalls keine große Hürde für den Welthandballer.