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Traumatische TV-Übertragung 1989 Ein Beben, das mehr als die MLB erschütterte

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Die Baseball-Profis, hier die Oakland Athletics, und Zuschauer hatten Glück - im und am Stadion gab es nur leichte Schäden, aber keine Verletzten.

(Foto: AP)

Vor 30 Jahren dreht sich in San Francisco für Tage alles um Baseball. Die Giants spielen gegen den Lokalrivalen Oakland um den Titel. Im Fernsehen läuft der Vorbericht zu Spiel drei, als plötzlich die Erde wackelt. Millionen TV-Zuschauer erleben den Erdstoß der Stärke 6,9 mit.

Der 17. Oktober 1989 ist im Großraum San Francisco ein Tag wie aus dem Reiseprospekt. Blauer Himmel, Sonnenschein und für die Menschen gibt es nur ein Thema: the Battle of the Bay. Was martialisch klingt, ist schlichtweg das erstmalige Aufeinandertreffen der San Francisco Giants und der Oakland Athletics in der World Series der Baseball-Profiliga MLB. Das Finalduell der Nachbarn ist eines der Gegensätze. Hier Oakland mit seinen sozialen Brennpunkten, da drüben, auf der anderen Seite der mächtigen Bay Bridge, das kultivierte San Francisco.

Die As aus Oakland haben ihre beiden Heimspiele gewonnen. Und so ist an diesem Dienstag im Vorfeld der dritten Partie im Candlestick Park von San Francisco hauptsächlich davon die Rede, dass die Serie bei einem Gästesieg wohl entschieden wäre. Denn noch nie hatte es ein Team in der Geschichte der World Series geschafft, nach einem 0:3-Rückstand noch vier Partien zu gewinnen und Meister zu werden.

"Ich sage euch was, wir haben ein Erd..."

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ABC Sports geht um 17 Uhr auf Sendung, bis zum Spielbeginn sind es noch 35 Minuten. Moderator Al Michaels bespricht mit Kollege Tim McCarver die Höhepunkte von Oaklands 5:1-Sieg im zweiten Match, als das Live-Bild plötzlich unterbrochen wird. Im Hintergrund ist zu hören, wie jemand hastig ruft: "Ich sage euch was, wir haben ein Erd... " - dann folgen das grüne Standbild und sekundenlange Stille. Nach einigem Knistern und Knacken meldet sich Michaels wieder, allerdings nur per Ton und ein wenig durcheinander. Er wisse nicht, ob man noch auf Sendung sei, sagt Michaels und leitet dann in die Werbung über. "Wir hoffen, dass wir gleich wieder zurück in San Francisco sind."

Erst langsam begreifen Fans und Fernsehmacher, dass sie ein Erdbeben erlebt haben - es ist das erste große, das live im US-amerikanischen Fernsehen übertragen wurde. Der Sender ESPN beginnt sofort mit einem "Special Report" und der Information, dass Nordkalifornien soeben sein stärkstes Erdbeben seit 1906 erlebt habe. Die damalige Eruption hatte eine Stärke von 7,9, diesmal wurden 6,9 gemessen. Rund 17 Sekunden wackelt die Erde, das Epizentrum liegt nahe des Berges Loma Prieta, rund 100 Kilometer südöstlich von San Francisco.

Geschockte Zuschauer und Spieler

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Mehrere Hauptverkehrsstraßen wie die Interstate 880 in Oakland brachen durch das Beben zusammen.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Viele der rund 60.000 Zuschauer im Candlestick Park sind geschockt, weinen. Die Spieler der Teams stehen auf dem Rasen, schauen auf die Tribünen und holen ihre Angehörigen zu sich in den Innenraum. Die Frau von Oakland-Catcher Terry Steinbach bricht in Tränen aus, als sie ihren Ehemann in die Arme nimmt. "Du bist so darauf fokussiert, ein Spiel zu gewinnen - und plötzlich versetzt dir das wahre Leben einen Tritt und die Welt steht still", erinnert sich Oakland-Werfer Dennis Eckersley.

Isiah Nelson erhält Informationen über "kleinere Schäden" am und rund um das Stadion. Er ist der leitende Polizeibeamte. Aus Angst vor Nachbeben redet er auf MLB-Boss Fay Vincent ein, die Partie zu verschieben, damit das Stadion evakuiert werden könne. So bedeutend die World Series auch ist, San Francisco und Oakland haben jetzt andere Sorgen. Häuser brennen, Gebäude haben große Risse oder fallen zusammen. Auf der Bay Bridge ist die obere Fahrbahn auf einer Länge von rund 17 Metern eingestürzt, in Oakland der vielbefahrene Cypress Freeway kollabiert.

63 Tote, mehr als 3700 Verletzte

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Auch die Bay Bridge, die San Francisco und Oakland verbindet, wird schwer beschädigt. In den 1990er-Jahren wurde sie so verstärkt, dass sie künftigen Erdbeben standhalten soll.

(Foto: AP)

Der Gesamtschaden beträgt rund sechs Milliarden Dollar. Insgesamt kommen 63 Personen ums Leben, mehr als 3700 werden verletzt. Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Opfer womöglich noch größer gewesen wäre, hätten sich 60.000 Baseball-Begeisterte nicht schon im Stadion befunden, sondern zur Hauptverkehrszeit auf der Straße.

Am 27. Oktober wird Spiel drei nachgeholt. Al Michaels meldet sich wieder am Mikrofon. Seine Worte sind wohlüberlegt. Er fasst all das Erlebte der vergangenen Tage noch einmal gekonnt zusammen, all die Trümmer, die Trauer, die Tränen. Und er spricht davon, dass das Stadion und die anstehende Partie "vielleicht jetzt der ideale Ort für eine dreistündige Pause" seien. Oakland gewinnt das Spiel, entscheidet tags darauf auch die vierte Partie für sich und ist Meister. Es ist bis heute der letzte Titelgewinn geblieben. Trotzdem reden die Menschen auch 30 Jahre später im Großraum San Francisco immer noch weniger über diese Championship als darüber, wo sie waren, als am 17. Oktober 1989 plötzlich die Erde wackelte.

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Quelle: n-tv.de

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