Sport

Sportvideos für die Quarantäne Ein Lügner flog in Deutschlands Herzen

imago02863341h.jpg

Jan Ullrich auf dem Weg in die Geschichtsbücher eines Sports, der 1997 schon kurz vor dem Abgrund steht.

Der Live-Sport steht still, die Coronavirus-Krise stoppt die Ligen, Wettkämpfe sind abgesagt. Auf Sport aus dem TV muss trotzdem niemand verzichten, schließlich gibt es Aufzeichnungen von historischen Ereignissen. Heute: Jan Ullrich fliegt hinauf nach Andorra. Und die Nation verliebt sich in einen Betrüger.

Ein Nicken genügt, um Jan Ullrich in die Geschichtsbücher des Radsports zu schicken. Viele sengend heiße Stunden hatte sich das Feld am 15. Juli 1997 schon durch die Pyrenäen gekämpft, ein paar versprengte Ausreißer hielten sich noch vor der großen Gruppe der Favoriten mit dem Vorjahressieger Bjarne Riis vom Team Telekom, dem Franzosen Richard Virenque und Marco Pantani. Angeführt werden sie von Jan Ullrich, der in diesem Jahr noch seinem alternden Teamkollegen Riis zur Seite stehen soll, aber doch so offensichtlich stärker ist. Immer und immer wieder blickt sich Ullrich zu seinem leidenden Kapitän um.

Und dann kommt das Nicken, zehn Kilometer vor dem Ziel oben in Andorra-Arcalis: Der schwächelnde Riis gab dem Kronprinzen das Zeichen, auf eigene Rechnung fahren zu dürfen. Und Ullrich fährt, in einer scharfen Linkskurve geht er kurz aus dem Sattel und sprengt mit wenigen Tritten die Gruppe. Virenque und Pantani kämpfen um Anschluss, Riis bleibt chancenlos zurück. Und Ullrich tritt und tritt, das Trikot aufgerissen, aber äußerlich kaum beeindruckt vom Augenblick, den Tausenden Menschen an der Strecke, der Hitze oder der Steigung.

Es gibt Momente auf dieser Triumphfahrt, in denen man nur erahnen kann, ob Ullrich den Berg hinauf eilt, oder bergab fährt, so schnell, so scheinbar mühelos fliegt der damals 23-Jährige dem Ziel entgegen. Aus dem Sattel geht er nur ganz selten, gleichmäßig kurbelt er sich die steilen Rampen hinauf. Am Ende seines großen Rittes fährt Ullrich ins Gelbe Trikot, am Ende gewinnt der Rostocker als erster und bisher einziger Deutscher die Tour de France.

Ullrichs Wimbledon-Finale

Die 10. Etappe hinauf nach Andorra-Arcalis steht für einige heiße französische Sommer in den Augen der deutschen Sportfans in einer Reihe mit Beckers Wimbledon-Finale 1985. Sie ist die Geburtsstunde eines nationalen Sport-Lieblings. Das "Quäl dich, du Sau!", mit dem er Ullrich durch Schwächephasen brüllt, macht sogar den zuverlässigen, aber wenig schillernden Helfer Udo Bölts zum Star. Ullrich macht Deutschland zum Radsport-Land und Deutschland liebt Ullrich. Auch, weil der neue Superstar wunderbar normal und bodenständig ist, Zeit seiner Karriere stets mit einem kleinen Bäuchlein in die Saison startet und schlechtes Wetter beim Fahrradfahren nicht leiden kann. "Ulle" ist einer von uns.

Und dann geht alles, aber auch wirklich alles den Bach runter. Denn auch, wenn es die Radsportfans lange, sehr lange nicht wahrhaben wollen: Im Team Telekom wurde spätestens ab 1995 umfangreich gedopt, 1998 fährt Ullrich - das ist längst nachgewiesen - gedopt aufs Podium. Und auch, wenn er es nie zugibt, es auch nicht bewiesen werden konnte: Natürlich ist auch seine Fabelleistung 1997, wo er durch die Todeszone fliegt, in der die zahlreichen des Dopings überführten Konkurrenten einer nach dem anderen eingehen, wohl nicht ohne Hilfe möglich. Berechtigte Zweifel daran bestehen kaum. Aber Ullrich steht für 1997 weiter in der Siegerliste der bedeutendsten Rundfahrt der Radsportwelt, auch wenn die Indizien erdrückend sind. Positiv getestet wird er nicht, er gesteht auch nicht - anders als Riis, Bölts, Topsprinter Erik Zabel und die Helfer Rolf Aldag und Jens Heppner - nie, 1997 EPO verwendet zu haben. 1998 erlebt die Tour ihren großen Skandal, als Fahnder der französischen Polizei Razzien bei den Teams durchführen und auf Hunderte Ampullen Epo stoßen - nebst unterschiedlichsten Schmuggeltechniken.

Die Bombe platzt doch noch

Ullrich selbst wird 2002 positiv getestet, damals erklärt er das mit ein paar Pillen, die er in einer Disco eingeworfen haben will. Der Fall des Radstars wird von Knieoperationen beschleunigt, Ullrich baut unter Alkoholeinfluss einen Autounfall und begeht Fahrerflucht. Die große Bombe platzt aber erst am Tag vor dem Start der Tour de France 2006: Die spanische Polizei veröffentlicht ihren Untersuchungsbericht zum Blutdoping-Skandal um den madrilenischen Arzt Eufemiano Fuentes.

58 Beschuldigte werden namentlich genannt, unter ihnen auch der Star Jan Ullrich. Der aber leugnet weiter - so lange, bis das Bundeskriminalamt anhand eines DNA-Vergleichs beweist, dass mehrere bei Fuentes sichergestellte Blutbeutel das Blut des Toursiegers von 1997 enthalten.

Zwei Dutzend Mal sei Ullrich zwischen 2003 und 2006 bei Fuentes gewesen und habe 80.000 Euro bezahlt, um sich mit Eigenblut zu dopen - natürlich illegal. Die Staatsanwaltschaft Bonn sieht es als "hinreichend belegt, dass Herr Ullrich Dopingmethoden angewandt hat". 2013 gibt Ullrich erstmals zu, gedopt zu haben, aber nur mit Eigenblut. Dagegen steht die Aussage des einstigen Telekom-Masseurs Jef D'hont, der schon 2007 gesagt hatte: "Jan hat Epo genommen und auch Wachstumshormone - 100 Prozent sicher. Jetzt muss auch er sagen, was damals war." Erik Zabel, der schnellste Sprinter der großen Ullrich-Jahre gab Epo-Doping zu, "ich habe gedopt, weil es ging", sagt er schon 2007. Bis 2000 gab es keinen akzeptierten Nachweis für Epo-Doping.

"Ich habe nichts genommen, was die anderen nicht auch genommen haben", sagt Ullrich schlussendlich bei seinem Doping-Geständnis 2013. "Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich habe in meiner ganzen Karriere keinen betrogen und keinen geschädigt", erklärt er nach der Skandal-Tour 1998. Fühlen Sie sich betrogen, wenn Sie an den Sommer 1997 zurückdenken, an den Ritt nach Andorra-Arcalis?

Quelle: ntv.de