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Dramatischer Sieg über Franzosen Ein großer deutscher Davis-Cup-Abend

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Deutschland jubelt.

(Foto: picture alliance/dpa)

In Hamburg liefert das DTB-Team eine der spektakulärsten Davis-Cup-Begegnungen seit Langem. Eigentlich sieht das Format solche emotionalen Länderkämpfe gar nicht mehr vor. Am Ende eines langen Tages steht Begeisterung, es gibt aber auch Ärger. Weil Atmosphäre teuer ist.

Als sich ein langer Davis Cup-Tag am späten Mittwochabend seinem dramatischen Ende nähert, vergräbt Superstar Alexander Zverev den Kopf in den Armen, während Oscar Otte und Jan-Lennard Struff hinter ihm auf den Stühlen standen und "Deutschland, Deutschland" in Richtung des Platzes brüllen. Versuche, das Publikum zu mehr Einsatz zu animieren, schlagen fehl. Wo soll das auch noch hinführen? Die Menschen im gewaltigen Rothenbaumstadion in Hamburg sind ohnehin schon völlig elektrisiert von einer der dramatischsten Davis-Cup-Partien der letzten Jahre. Und Kevin Krawietz lacht.

Mit dem emotionalen Stress einer sportlichen Achterbahnfahrt geht zu Beginn der dritten Stunde eines Doppel-Krimis um den siegbringenden zweiten Punkt zwischen Frankreich und Deutschland geht jeder anders um. 1:1 stand es, nachdem Jan-Lennard Struff in 2:14 Minuten Benjamin Bonzi 6:4, 2:6, 7:5 niedergerungen und Oscar Otte anschließend gegen Adrian Mannarino untergegangen war.

Krawietz hatte zusammen mit seinem Partner Tim Pütz im dritten Satz gegen das französische Duo Nicolas Mahut und Arthur Rinderknech im dritten Satz ein Break aufgeholt, das deutsche Duo hatte später noch einmal drei Breakbälle in Folge gegen sich und arbeitete sich, angetrieben vom frenetischen Hamburger Publikum in den Tiebreak des dritten Satzes. Der Showdown unter Flutlicht, als es lange schon kalt geworden war in der Hansestadt. Punkt für Punkt arbeiteten sich Pütz und Krawietz erst zurück ins Match, jeder Ballwechsel endete entweder mit Euphorie oder Ärger. Auf dem Feld und vor allem auf den Rängen.

"Unfassbare Atmosphäre"

In der deutschen Box litt der verhinderte deutsche Superstar Alexander Zverev viel mehr an der eigenen Hilflosigkeit als an seinem schmerzenden Fuß, dahinter lieferten sich ein kleiner französischer Fanblock und eine trommelnde deutsche Schar ihr eigenes Duell. Und je länger das Match ging, desto mehr wurde jeder Zuschauer Partei. Teil des Matches. Es wurde etwas Persönliches. "Oh, wie ist das schön"-Gesänge als Teil eines Tennistages, Trommeln, ein parteiisches Heimpublikum und lautstarke Gäste, die die eigenen Leute feierten - Davis-Cup-Atmosphäre eben. Der Matchball ging im Jubel unter: 6:2, 4:6, 7:6 hieß es am Ende, Pütz und Krawietz hatten gewonnen. Deutschland hatte gewonnen, zum ersten Mal seit 1938 besiegte eine DTB-Auswahl Frankreich wieder. Pütz konstatierte: "Wir sind dran geblieben, hatten eine gute Unterstützung hier im Stadion - die beste Stimmung, bei der ich je gespielt habe" und Krawietz sagte schlicht: "Am Ende die Atmosphäre war unfassbar." Es war Davis Cup, wie er früher einmal war.

Früher, da gingen Davis-Cup-Begegnungen über drei Tage, es waren nicht selten Angelegenheiten von nationalem Interesse. Zwei Einzel am Freitag, das Doppel am Samstag und noch einmal zwei Einzel am Sonntag - das war die Formel, nach der der Wettbewerb viele Jahrzehnte funktioniert hatte. Zahlreiche Begegnungen haben sich über die Jahre ins kollektive Gedächtnis des deutschen Sports gebrannt: 1987, als der 19-jährige Boris Becker in Hartford nach knapp sieben Stunden den großen John McEnroe niedergekämpft hatte. 4:6, 15:13, 8:10, 6:2, 6:2 hieß es am Ende. Deutschland führte 2:0, am Ende eines historischen Wochenendes stand ein 3:2-Sieg der deutschen Mannschaft, den standesgemäß Becker sicherstellte, natürlich mit einem angemessen engen Fünfsatz-Sieg gegen Mayotte, "im schwersten Match meines Lebens", inklusive Zwei-Satz-Führung und Breakbällen gegen sich im entscheidenden fünften Durchgang.

Unvergessen sind die Begegnungen gegen Österreich in der Wiener Stadthalle, als mehr als nur gesunde Rivalität in der Luft lag. Davis Cup, das bedeutete früher, den Heimvorteil mit allen Mitteln gegen die Gäste und zum eigenen Vorteil ins Feld zu führen: Die Wahl des Belags, die Übermacht auf den Rängen, Provokationen, kleine Störfeuer hart am Rande des Fairplay. "Es war ein verrücktes Match mit vielen Hochs und Tiefs. Für mich ist es das Größte, für Deutschland zu gewinnen und die 1:0-Führung hier zu besorgen", sagte der 32-Jährige Struff nach seinem Marathonsieg zum Auftakt. "Vielleicht war es der Heimvorteil, der hier heute entschieden hat." Davis Cup, das war früher wichtig, weil das Publikum Teil des Ganzen war, anstatt nur staunender Beobachter.

"Ich hab den Davis Cup immer geliebt"

2018 schien diese Idee für immer auf dem hohen Haufen sportlicher Erinnerungen entsorgt worden zu sein: Die ITF, der Weltverband, Herrin des Davis Cups, stimmte einem Reformvorschlag einer milliardenschweren Investmentgesellschaft unter Führung des Fußball-Weltmeisters Gerard Piqué zu, das 118 Jahre alte Konzept der Mannschafts-Weltmeisterschaft radikal zu verändern: Ab 2019 sollte statt mehrerer übers Jahr verteilter Runden es immer im November nur ein einwöchiges Finalturnier geben, bei dem 18 Teams um die Davis-Cup-Trophäe spielen. Heimvorteil nur für ein Team, die Fans wieder zurück in der Rolle des staunenden Bewunderers. Zahlreiche Topspieler wendeten sich von dem Wettbewerb ab, allen voran Deutschlands Spitzenspieler Alexander Zverev. Der kündigte an, in diesem Format nicht mehr für Deutschland spielen zu wollen.

Inzwischen wurde der Modus dezent angepasst, vor der Endrunde wurde eine zusätzliche Zwischenrunde in vier Städten eingezogen - neben Hamburg sind das dieser Tage Bologna, Glasgow und Valencia. "So, wie es jetzt ist, bewegen wir uns wieder in die richtige Richtung", sagte Deutschlands Kapitän Michael Kohlmann vor dem Start in die Woche, an deren Ende die Qualifikation für die Finalrunde im November in Malaga stehen soll. Durch die Idee mit Heim-, Auswärtsspielen und Gruppenphase sei der wichtigste Wettbewerb für Nationalmannschaften wieder attraktiver geworden.

Alexander Zverev wollte unter diesen Umständen unbedingt wieder dabei sein, schon in der Qualifikationsrunde im März in Rio de Janeiro gegen Brasilien spielte der spätere Olympiasieger wieder für Deutschland. "Ich hab den Davis Cup immer geliebt, ich wollte ihn immer spielen", sagte er im "Tennismagazin". "Ich dachte, wenn wir Topspieler ein bisschen gegen das neue Format angehen, werden die Organisatoren verstehen, dass das alte Format besser war und vielleicht dorthin zurückkehren." Nun habe er das Gefühl, "dass sie jetzt genau die richtigen Schritte gemacht haben und sich der Wettbewerb positiv entwickelt."

"Brutal teuer"

Zverev selbst, der noch im Programmheft zur Davis-Cup-Heimwoche angekündigt hatte, es würde "sehr besonders" für ihn werden, "definitiv ein Heimspiel für uns, etwas ganz anderes als auf der ATP Tour zuhause zu spielen", musste zwei Tage vor dem ersten deutschen Aufschlag absagen. Anstatt sein Team auf dem Feld anzuführen, arbeitet er von außen mit. Leiser als die Kollegen, aber mit einer großen Präsenz.

Doch eine Sache, die fehlt der Woche von Hamburg bisher, als dass es Davis Cup wäre, wie er früher einmal war: Zuschauer. Es fehlen zu viele Zuschauer. Gegen Frankreich war das imposante Stadion bestenfalls zu einem Drittel gefüllt. Jan-Lennard Struff war davon nicht überrascht: Ob er beim Betreten des Stadions erschrocken gewesen sei über die leeren Ränge, wurde er nach seinem Match gefragt. "Nein", antwortete der 32-Jährige, "erschrocken war ich, als ich die Ticketpreise gesehen habe. Das war absolut verständlich, dass wahrscheinlich nicht so viele Fans kommen werden, weil es einfach brutal teuer ist, und das finde ich sehr schade." Die Spiele ohne deutsche Beteiligung finden nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

In Hamburg kosten Tickets für die Zwischenrunden-Spiele mit deutscher Beteiligung mindestens 70 Euro. Laut Angaben der Veranstalter waren Tickets an den Standorten Glasgow und Bologna für umgerechnet unter 20 Euro zu erhalten. In Valencia waren Eintrittskarten ab 25 Euro erhältlich. Echte Davis-Cup-Atmosphäre ist für das Heimteam unbezahlbar, für zu viele Fans derzeit allerdings auch. Am Freitag trifft das DTB-Team in Hamburg auf Außenseiter Belgien.

Quelle: ntv.de

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