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Türkische Wurzeln, deutsches Trikot "Eis-Özil" schreibt DEB-Geschichte

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Sinan Akdag ist der erste türkischstämmige Eishockey-Nationalspieler im DEB-Trikot.

(Foto: dpa)

In Anlehnung an Fußballstar Mesut Özil wird Sinan Akdag schon als "Eis-Özil" gefeiert. Der Krefelder ist nach seinem WM-Debüt in Stockholm der erste deutsche Eishockey-Nationalspieler mit türkischen Wurzeln, der jemals bei einer Weltmeisterschaft gespielt hat.

Mit seinen 92 Kilogramm verteilt auf 189 Zentimeter ist Sinan Akdag eine recht imposante Erscheinung. Als er aber bei der Eishockey-WM zum ersten Mal dem russischen NHL-Topscorer Jewgeni Malkin in einer Aufwärmhalle begegnete, schrumpfte der 22-Jährige innerlich auf Kleinkindgröße zusammen. "Das war so, als ob ein kleiner Junge einem Star zusieht. Ein cooles Gefühl", sagte Akdag.

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Beim 2:3 gegen Lettland feierte er seine Premiere im Nationalteam.

(Foto: REUTERS)

Der Verteidiger ist aber natürlich nicht als Autogrammjäger nach Stockholm gereist, sondern um erfolgreich zu spielen. Und um Geschichte zu schreiben: In der Partie gegen Lettland (2:3) trug der Verteidiger als erster türkischstämmiger Spieler überhaupt bei einer WM das Trikot mit dem Bundesadler.

"Das war eine Ehre für mich", sagte der Sohn türkischer Einwanderer und gab zu, was man auch auf dem Eis beobachten konnte: "Ich war ein bisschen nervös." Als er in der Spielvorbesprechung mit Bundestrainer Jakob Kölliker seinen Namen an der Tafel gelesen hatte, sei er selbst "ziemlich überrascht" gewesen. Beim Auftaktspiel gegen Italien (3:0) hatte der Profi der Krefeld Pinguine noch auf der Tribüne gesessen.

Familie ist nicht live dabei

"Meine ganze Familie ist stolz auf mich", sagte Akdag. Seine Verwandten in Ankara können die Spiele aber nur per Live-Ticker im Internet verfolgen, TV-Übertragungen von der WM gibt es dort nicht: "In der Türkei ist Eishockey ja nicht so populär." Das ist noch stark untertrieben. Etwa 800 aktive Eishockeyspieler gibt es in dem Land mit 75 Millionen Einwohnern. Bei der kürzlich in der Türkei veranstalteten D-WM musste der Gastgeber gegen Mannschaften wie die Mongolei, Luxemburg und Nordkorea ran. Zwar stiegen die Türken in die Drittklassigkeit auf, doch eine Teilnahme bei der A-WM wäre für Akdag ein unerfüllter Traum geblieben, hätte er sich für das Geburtsland seiner Eltern entschieden.

DEB-Team fordert Russland

Im drittenVorrundenspiel bei der WM in Schweden und Finnland tritt die deutsche Nationalmannschaft ab 20.15 Uhr gegen Russland an. Nach der 2:3-Niederlage gegen Lettlandwäre eine Überraschung gegen den nochungeschlagenen Rekordweltmeister ein wichtiger Schritt im Kampf um den Einzug ins Viertelfinale.

Das war allerdings nie eine Option für den gebürtigen Rosenheimer: "Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, habe immer dort gespielt." Inzwischen hat Akdag hierzulande viel Pionierarbeit geleistet, er war der erste türkischstämmige Spieler in der Deutschen Eishockey Liga (DEL), in der Nationalmannschaft und nun bei der WM. Dennoch gilt Eishockey bei deutschen Jungs mit türkischen Wurzeln nach wie vor als Exotensportart, sie interessieren sich viel mehr für Fußball und Basketball.

Neugier wird zu Eis-Leidenschaft

Bei Akdag war das anders. In eishockeyverrückten Oberbayern aufgewachsen, nahm er zwangsläufig irgendwann den Schläger in die Hand. Aus Neugier wurde Leidenschaft. Da er direkt neben der Eishalle von Rosenheim wohnte, trainierte der kleine Sinan nahezu jeden Tag. Seine Begabung deutete sich schnell an. Akdag ließ sich auch von diskriminierenden Anfeindungen, die er in deutschen Eishallen wegen seiner Herkunft manchmal zu hören bekam, nicht von seinem Weg abbringen: "Das kam vor, aber das ist lange her."

Bereits mit 16 Jahren debütierte Akdag in der Oberliga für die Rosenheimer, 2007 folgte der Wechsel in die höchste deutsche Spieklasse zu den Krefeld Pinguinen. Nachdem der dynamische Verteidiger die Junioren-Auswahlmannschaften des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) durchlaufen hatte, durfte er im Dezember 2011 gegen Russland erstmals im A-Team ran. Ein Boulevard-Blatt feierte Akdag danach als "Eis-Özil", aber mit dem Fußballstar will sich der Eishockey-Profi ganz und gar nicht vergleichen: "Mesut ist ein Weltstar, ihn kennt jeder. Ich bin noch weitgehend unbekannt." Das könnte sich vielleicht mit der WM ändern.

Quelle: n-tv.de, Jörg Soldwisch, sid

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