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Triumphzug in Wimbledon Erst mit den Fans kam Kerbers Glück zurück

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Angelique Kerber ist glücklich in Wimbledon.

(Foto: picture alliance / abaca)

Angelique Kerber bringt harte Monate voller Enttäuschungen hinter sich: Die einstmals beste Tennisspielerin der Welt rutscht in der Weltrangliste ab und verliert bisweilen die Begeisterung für ihren Sport. Alles vergessen in den wunderbaren Tagen von Wimbledon.

Angelique Kerber hat ihr Glück wieder und es scheint, als hätten es ihr die englischen Fans zurückgegeben. Ausgerechnet in Wimbledon, der mythischen Stätte des Tennissports. "Hier zu spielen, vor euch Zuschauern, das bedeutet mir sehr viel", sagte Deutschlands beste Tennisspielerin nach ihrem beeindruckenden 6:2, 6:3-Viertelfinalsieg über die Tschechin Karolina Muchova im Viertelfinale des wichtigsten Tennisturniers der Welt. Auf Court No.1 stand sie da, die ehemalige Nummer 1 der Tenniswelt, mit feuchten Augen, und sprach zu den Fans.

Die hatten die Deutsche unterstützt, getragen durch ein Match, wie es eigentlich niemand mehr von der 33-Jährigen erwartet hatte. Zu finster waren lange die Vorleistungen, das Corona-Jahr 2020 war völlig verkorkst, 2021 war bis zum Turniersieg in Bad Homburg in der Woche vor der Reise nach London nicht viel besser. Nun spielt sie am Nachmittag (14.30 Uhr/Sky und im Liveticker auf ntv.de) im Halbfinale des wichtigsten Tennisturniers der Welt gegen Ashleigh Barty.

Von Runde zu Runde wird offensichtlicher, welch gewaltigen Einfluss die Atmosphäre rund um sie herum auf das Spiel der erfolgreichsten deutschen Tennisspielerin seit der Ära der großen Steffi Graf hat. "Sie fühlt sich da einfach geliebt, anerkannt und bewundert von den Engländern", erklärte die deutsche Damenchefin Barbara Rittner: "Angie ist ein sehr emotionaler und leidenschaftlicher Mensch, da kann das viel bewirken." Es sei eine "Kunst", die Motivation hochzuhalten, räumte Kerber Ende 2020 ein und blickte mit Skepsis auf Spiele ohne Zuschauer, ohne die gewohnten Emotionen: "Bei aller Dankbarkeit, wieder spielen zu dürfen, spüre ich natürlich, dass es nicht das ist, was ich kenne und was ich tatsächlich vermisse." In Wimbledon sind die Ränge seit dem Viertelfinale wieder voll besetzt, schon in der ersten Woche waren die Courts gut gefüllt. Und mit der Rückkehr der Fans sind auch die Zweifel an der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns wieder beiseite gewischt.

"Diese Leidenschaft und den Spaß am Tennis"

Die Ouvertüre zum großen Wimbledon-Triumphzug hatte in Bad Homburg stattgefunden, bei einer im Vergleich zum großen Multimillionen-Spektakel in London eher kleinen Veranstaltung: Dort hatte Kerber den Titel geholt, ihren ersten seit drei Jahren. Für eine ehemalige Nummer 1 eine quälend lange Zeit der Zweifel. Die 33-Jährige gewann dort fünf Matches, enge und deutliche - und vor allem Überzeugung: "Es hat mir gezeigt, dass ich wieder Matches gewinnen kann, egal, ob es bei einem kleinen oder größeren Turnier ist. Das hat mir das Selbstvertrauen wiedergegeben, und mit dem Vertrauen bin ich nach Wimbledon gereist", schwärmte Kerber. Das dreistündige Homburger Halbfinale gegen die zweifache Wimbledon-Siegerin Petra Kvitova, es war der vielleicht noch etwas größere Erfolg als der glatte Sieg im Endspiel gegen die tschechische Außenseiterin Katerina Siniakova: "Ich denke, dass es schon sehr wichtig ist", räumte Kerber ein. "Dass ich mir selber gezeigt habe, dass ich solche engen Partien weiter gewinnen kann."

Und auch den vielen Fans, die sie auch in der zweiten Runde durch den 199 Minuten langen Abnutzungskampf gegen die Spanierin Sara Sorribes Tormo trugen, an deren Ende beide Spielerinnen mit Standing Ovations vom Court verabschiedet wurden. Diese Unterstützung habe ihr in den vergangenen Monaten sehr gefehlt, sagte Kerber. "Das ist es, was ich mir immer gewünscht hab, und das gibt mir noch mal diesen letzten Kick, diese Leidenschaft und den Spaß am Tennis." In Homburg bejubelten sie 600 Fans, die Spiele auf dem Centrecourt von Wimbledon verfolgen knapp 15.000 Menschen.

Nun geht es für Kerber gegen die Nummer 1 der Welt, Ashleigh Barty. Gegen die Australierin spielte Kerber schon fünfmal, dreimal gewann sie. Für Barty, die bisher ebenso wie Kerber drei Grand-Slam-Turniere gewinnen konnte, ist Rasen dagegen eigentlich nicht der Untergrund für die ganz großen Gefühle: Der Halbfinaleinzug ist Bartys größter Erfolg in Wimbledon, vorher war sie nie über die Runde der letzten 16 hinaus gekommen. "Eines Tages will ich hier Champion sein. Es ist mein Traum, es ist mein Ziel", sagte Barty vor einiger Zeit. So nah war sie ihrem Ziel noch nie. Doch im Weg steht eine Angelique Kerber, die dieser Tage die perfekte Mischung aus Aggressivität und Kontrolle gefunden hat, aus Fokus und Gelassenheit. "Ich war hier viermal im Halbfinale, zweimal im Finale. Das ist natürlich etwas, was ich versuche, für mich mitzunehmen."

"Man darf Angie nie unterschätzen"

Für Rittner war die phänomenale Wiederauferstehung der dreimaligen Grand-Slam-Siegerin Kerber keine Überraschung - trotz drei Erstrundenpleiten bei den Major-Turnieren in Serie: "Es fehlte nur ein bisschen Überzeugung und Selbstvertrauen. Aber das ist ja nicht weg. Vor allem nicht, wenn jemand arbeitet" sagte Rittner. Für sie war klar, dass Kerber auf ihrem Lieblingsbelag wieder angreifen kann. "Man darf eine Angie Kerber, das, was in ihr steckt, nie unterschätzen", sagte sie: "Auf Rasen hat sie immer wieder große Chancen, weil ihr Spiel so natürlich auf Rasen passt."

Ihr Spiel, das will Kerber nun auch gegen Barty durchsetzen: "Ich muss aggressiv rausgehen und mutig mein Spiel in die Hand nehmen. Ich weiß, dass ich rausgehen und dran glauben muss, dass ich das Match gewinnen kann", sagte sie. Aggressiv, mit Überzeugung und bei allem Druck mit einer viel geringeren Fehlerquote als in den Vormonaten - das ist das Spiel Angelique Kerbers. Kaum eine andere Spielerin präsentierte sich in den Tagen von Wimbledon so zäh und für die Gegnerinnen so unangenehm. Kerber nimmt die Bälle extrem früh und retourniert sie mit voller Power. Sie kann es noch und sie zeigt es wieder. Es ist das Spiel, das sie einst zur besten Tennisspielerin der Welt gemacht hatte.

Ein gutes Omen für das Match gegen Barty: Die Deutsche schlug ihre Gegnerin auch schon an der Church Road. 2018 war das, wenige Tage später holte sie sich den Titel. Nein, sie habe "nie daran gezweifelt, dass ich es zurückschaffen kann", sagte Kerber. Aber sie ist "unendlich dankbar, dass ich nach den letzten Monaten noch mal die Chance bekommen habe, in Wimbledon im Halbfinale zu stehen." Zum vierten Mal. "Die Reise", kündigte Kerber vor dem Halbfinale pathetisch und optimistisch an, "die Reise ist noch nicht zu Ende". Die viele Fans an der Church Road liebend gerne begleiten werden.

Quelle: ntv.de

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