Sport

Mit 25 Jahren ist Schluss mit Biathlon Gold-Lena und der letzte Rausch

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Ur-bayrischer Gruß: Magdalena Neuner.

(Foto: dpa)

Als Magdalena Neuner nach ihrem letzten Wettkampf in Deutschland erzählt, wie es so war, wirkt sie vor allem - erlöst. Mit 25 Jahren hört die Rekordweltmeisterin mit dem Biathlon auf. Und entzieht sich so den Erwartungen der Fans, die sie schier erdrücken. "Ich kann jetzt nimmer."

Wer zum Biathlon nach Ruhpolding wollte in der vergangenen Woche, der hätte am Bedarfshalt Bibelöd aus der Bahn steigen können. Von dort hätte ihn der Bibelöd-Weg ins verwinkelte Stadtzentrum geführt. Vorbei am Bartholomäus-Schmucker-Heimatmuseum in der Schlossstraße und zur Brezn-Bank vorm Bäcker Schuhbeck, wo sich wunderbar ein Biathlonweckerl genießen lässt. Und bewundern, wie malerisch hingewürfelt Ruhpolding doch ist zwischen Rauschberg und Weiße Traun.

Es war nur so: Zum Biathlon nach Ruhpolding wollten in der vergangenen Woche viele. Wegen Ruhpolding und Bibelöd ist keiner gekommen, sondern wegen Magdalena Neuner. Ein letztes Mal. Es ist nicht abwegig, zu denken, eine elftägige Weltmeisterschaft mit fast 30.000 Zuschauern pro Tag könnte für eine 6000-Seelen-Gemeinde überdimensioniert sein. Doch den Ruhpoldingern konnten die vierten Titelkämpfe in ihrem Ort gar nicht groß genug sein. Die WM sollte alle Superlative des Biathlon brechen, eine Randsportart, die sich in den vergangenen Jahren geschickt zum Medienereignis inszeniert hat. Und da war Magdalena Neuner lediglich die erfolgreichste und erfolgversprechendste aller Teilnehmerinnen.

Als sie dann aber im Dezember 2011 ihr Karriereende kurzfristig von irgendwann auf den März vorverlegte, 24 Jahre jung und schon Rekordweltmeisterin, musste alles noch etwas großartiger werden - weil es danach wohl nie mehr so großartig werden kann. Der letzte Rausch in Ruhpolding, das sollte die WM sein. Und Magdalena Neuner spielte mit: Weil sich mehr Zuschauer als je zuvor eine Biathlon-WM anschauen wollten, versprach Neuner keck mehr WM-Medaillen als je zuvor. Am Ende lagen, nach mehreren Anfragen, auch im Pressezentrum ihre Autogrammkarten aus. In den Tagen nach der WM hängt nun die Frage über dem Ruhpoldinger Talkessel: Waren das jetzt die Magdalena-Neuner-Festspiele?

"Von Herzen danke sagen"

Nach ihrem letzten Wettkampf am Sonntagabend lachte Magdalena Neuner zum Abschied als projiziertes Foto überlebensgroß von der Skischanze. Die echte Neuner, 1,65 Meter klein, stand im Ruhpoldinger Sprühregen vor der großen Stehtribüne, eine Arena-Akkreditierung auf Lebenszeit in der Hand und eine original bunte Ruhpoldinger Bommelmütze mit dem ur-bayrischen Gruß "Merci Lena". Nun sprach sie davon, wie schwer es als Sportlerin sei, den Fans etwas für ihre Unterstützung zurückzugeben. Und versuchte es noch einmal: "I möcht einfach mal von Herzen danke sagen, dass alle da sind und mich immer unterstützt haben." Neuners Augen waren groß wie immer und glasig wie selten, die Tribüne johlte. Wie schwer es sein kann, die riesigen Erwartungen der Fans zu erfüllen, davon sprach Neuner nicht.

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Ohne Blick zur Tribüne.

(Foto: dpa)

Keine zwei Stunden zuvor war sie mit regungslosem Gesicht ins Ziel des Massenstartrennens gekommen. Es hatte die WM sportlich beendet und für Magdalena Neuner auch das Kapitel Deutschland als Schauplatz von Biathlon-Wettkämpfen mit ihr als Galionsfigur. Ohne Blick zur Tribüne glitt sie ins Ziel, auf Rang elf, weit hinter den Podestplätzen und der fünften WM-Medaille in Ruhpolding. Die hatte sie gewinnen wollen. Für ihre Fans, von denen sie sich mit 25 Jahren verabschiedet, weil sie für sich alles gewonnen hat. Und weil weiterzumachen und weiterzusiegen nur aus der Draufsicht die einfachere Lösung gewesen wären.

Als Magdalena Neuner später in der Mixed-Zone stand und Interviews gab, lachte sie schon wieder unter ihrer blauen Mütze. Alles löste sich. Die scheinbare Ungläubigkeit über die verschossene Abschieds-Medaille Minuten zuvor erschien nun als eine ganz andere Fassungslosigkeit: Darüber, dass sie es jetzt tatsächlich überstanden hatte, diese letzte WM: "Es waren zwei brutale Wochen. Ich glaube, dass kann sich gar keiner so richtig vorstellen wie das ist, wenn man die Spannung so lang aufrechterhalten muss. Noch dazu, wenn man Magdalena Neuner heißt." So klingt Erlösung.

"Das ist das, was wirklich zehrt"

Vor der WM hat Magdalena Neuner, die mit einem Mentaltrainer zusammenarbeitet, in ihrem Eurosport-Blog einen Satz formuliert, der schnell überlesen wird. Er lautete: "Auch wenn ich in der Öffentlichkeit recht locker wirke, kann ich sagen, dass sehr viel harte Arbeit dahinter steckt." Während der WM hat Bundestrainer Uwe Müssiggang seinem Star attestiert, zu 90 Prozent "cool und relaxed" zu sein - aber angefügt, dass man ja in niemanden hineinschauen könne. Nach der WM hat Magdalena Neuner klargestellt, dass sie nicht das Programm mit sechs Rennen in elf Tagen ausgelaugt hat. "Das Drumherum, das ist das, was wirklich zehrt und wo man am Ende sagt: Ich kann jetzt nimmer." Der abschließende Weltcup im russischen Chanty-Mansjisk, wo sie sich am Wochenende noch den Gesamtsieg sichern möchte, wird gegen Ruhpolding eine entspannte Angelegenheit, davon ist sie überzeugt.

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Feierabend in deutschen Biathlon-Mekka: Ruhpolding.

Im deutschen Biathlon-Mekka war Magdalena Neuner elf Tage lang die Projektionsfläche für alle Träume von einer unvergesslichen Heim-WM und großen Siegen, die künftig zwei Nummern kleiner geträumt werden müssen. Euphorie und Erwartungen wurden samt zahllosen Lena-Bannern mit roten Shuttle-Bussen in die Chiemgau-Arena gefahren, in denen sich morgens noch die Begeisterung vom Vorabend einatmen ließ. Im WM-Stadion klatschten Polizisten, Ordner und Sanitäter mit, wenn die deutschen Starter vorgestellt wurden. Nur das Verständnis, mit der in Deutschlandfahnen und "Streckenproster"-Westen gewandete Fans unter Hotdogs und anderen Hüten geordnet um Einlass in die Busse anstanden, schaffte es selten mit in die Arena. Magdalena Neuner, die sonst so wohlwollend auf die Welt schaut, hat das beklagt - weil sie jedes ihrer WM-Rennen hätte gewinnen müssen in den Augen vieler Zuschauer, ehe in Zukunft vielleicht gar keine Deutsche mehr gewinnt.

"Sie sind mit Silber nicht zufrieden"

Biathlon-Fans sind, das hat auch diese Rekord-WM gezeigt, zweifellos in besonderem Maße dazu befähigt, sich vor den Wettkämpfen stundenlang selbst zu feiern. Aber irgendwann sollten sich Bier- und Biathlonbegeisterung doch in der goldenen Mitte treffen, als Krönung des Tages gewissermaßen. Und Vorglühen für die abendlichen Feierlichkeiten im Champions Park, die mit deutschen Siegern nun einmal noch eine Spur fröhlicher ausfallen. "Das ist die Mentalität vieler Fans. Sie sind mit Silber nicht zufrieden", hat Magdalena Neuner nach Platz zwei im Verfolgungsrennen ausnahmsweise gemosert. Im letzten Schießen hatte sie ihre Goldmedaille noch versilbert und mancher Fan ihr das übelgenommen.

Sie, das hat sie in Ruhpolding mehrmals gesagt, teilt diese Gold-Mentalität nicht. Befeuert hat sie sie trotzdem und genossen hat sie das singende schwarz-rot-goldene Fahnenmeer nach ihrem Sprinttriumph auch, weil sie sich damit ihren letzten sportlichen Traum erfüllt hat, der ihr mit Mitte 20 noch geblieben war: "Weltmeisterin hier zu werden in Deutschland." Es war ein Spagat, den Magdalena Neuner ein letztes Mal auf sich genommen hatte. Sie kann den Trubel meistern, aber sie braucht ihn nicht mehr. Nach ihrem Rücktritt, diesem Rückzug ins Private, ins 140 Kilometer entfernte oberbayrische Wallgau, wird sie das wohl am wenigsten vermissen. Die WM sollte trotzdem noch einmal ihre werden, sechs Medaillen in sechs Rennen, Rekord, obwohl Heimweltmeisterschaften immer tückisch sind. Die deutschen Skirennfahrer sind 2011 in Garmisch-Partenkirchen kollektiv gescheitert, Magdalena Neuners Plan von sechs Medaillen auch. Sie selbst, findet Magdalena Neuner, nicht. In Ruhpolding hat sie aber auch gezeigt, dass sie dem Sport, der Sie groß gemacht hat, entwachsen ist.

"Ein kleines Loch im Bereich der Damen"

"Ich bin stolz drauf, dass ich es so gut durchgezogen hab. Ich hab vier Medaillen gemacht, zwei Goldmedaillen. Und das ist, was für mich zählt." Auch wenn die Frauenstaffel am Samstag eher trotz Magdalena Neuner statt dank Magdalena Neuner Gold gewonnen hat, auch wenn ihre Schießformkurve ab dem Einzelrennen klar nach unten zeigte, der Kopf nicht mehr mitspielte: Neuner war in Ruhpolding der einzige deutsche Starter, der den Fans Einzelmedaillen bescherte. Auf sie war Verlass, wie immer in den letzten Jahren.

Mit ihrer Präsenz und ihren Erfolgen hat sie den Biathlon-Boom hierzulande beschleunigt, den ohnehin nicht gerade komplexen Sport aber auch weiter reduziert: auf sich. Wer in der vergangenen Woche beim Biathlon in Ruhpolding war, der wird bemerkt haben: Der nächste Rausch wird kleiner ausfallen.

Quelle: ntv.de

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