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"Es ist atemberaubend" Hartings allerletzter Schrei

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Ein letztes Mal hallt Robert Hartings Schrei durch sein "Wohnzimmer", das Berliner Olympiastadion.

(Foto: imago/Sebastian Wells)

Es ist ein spektakuläres Ende: Diskuswerfer Robert Harting bestreitet in seiner Heimat Berlin seinen allerletzten Wettkampf. Das Publikum tobt, seine Leistung begeistert sogar den 33-Jährigen selbst. Und jetzt? Harting hat natürlich längst neue Pläne.

Robert Harting ist quasi ausgezogen - raus aus seinem "Wohnzimmer" wie er das Berliner Olympiastadion immer nannte. Doch der Diskuswerfer feierte - bleiben wir im Bild - zum Abschluss eine richtig fette Umzugsparty beim Berliner Leichtathletik-Meeting, dem Istaf. Mit 45.500 Zuschauern, mit ganz persönlichen Freunden, die ihn bei seinem wirklich allerletzten Wettkampf von einem Doppeldecker-Bus aus nächster Nähe beobachten durften. Sie alle trugen T-Shirts mit Hartings Spitznamen "Shaggy" sowie dem Spruch "Was für eine geile Zeit, danke." Dazu gab es Abschiedsvideos anderer Athleten, ein riesiges "Danke"-Plakat, eine kleine Feuershow.

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Der Schrei, mit dem alles begann: Harting gewinnt 2009 WM-Gold in Berlin.

(Foto: imago sportfotodienst)

Seine überaus erfolgreiche Karriere endete also dort, wo sie so richtig begann - im Olympiastadion seiner Heimatstadt, wo er 2009 seinen ersten WM-Titel gewinnen konnte. Es war so von ihm geplant, dafür hatte er sich in diesem Jahr aufgrund seiner schweren Knieverletzung besonders gequält. "Es ist atemberaubend. Ich fühle mich sehr geehrt. Ich habe immer versucht, als Vorbild voranzugehen. Ich bin mit den Leuten zusammen gewachsen und es ist schön, dass wir jetzt alles ordentlich zu Ende gebracht haben", sagte Harting nach dem Wettkampf.

Es war eine dieser Partys, über die es noch lange legendäre Erzählungen geben wird. Alles war beim Meeting auf Harting ausgerichtet. Vorab war es als "Der letzte Schrei" vom Veranstalter beworben worden. Schon als die großen Männer eine Stunde vor ihrem Wettkampf durch das Marathontor in den Stadioninnenraum geführt wurden, erfüllte ein Raunen die Tribünen. Niemand hatte die Diskuswerfer bis dato angesagt, sie sollten sich erst einmal in Ruhe warmmachen dürfen. Doch die Fans erkannten ihren Diskus-Riesen natürlich sofort. Das Raunen steigerte sich zum Jubel - um bei seiner Vorstellung zum ersten Mal an diesem Abend zu explodieren. "Dreifacher Weltmeister, zweifacher Europameister, Olympiasieger. Zurückgekämpft nach Kreuzbandriss 2017, Deutscher Meister. Für die EM qualifiziert, bei seinem allerallerletzten Wettkampf hier in seinem Wohnzimmer. Macht ihm richtig Gänsehaut - hier ist Robert Harting!", kündigte ihn der Stadionsprecher an. Und das Publikum gab eine Menge Herzblut, schrie, klatschte, trommelte, trompetete auf Vuvuzelas.

"Die letzte Linie hat gewackelt"

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Das Stadion verabschiedet einen großen Sportler mit großen Gesten.

(Foto: imago/Sebastian Wells)

Vom ersten Versuch des Bald-Rentners an war die Stimmung ohrenbetäubend. Auf 61,15 Meter flog sein Diskus im ersten Durchgang - eine Weite, die ihn normalerweise nicht zufriedenstellte. Doch bei seinem Abschied war er offenbar bereit, Kompromisse zu machen, er jubelte jedenfalls ein bisschen in die Kamera. Und erklärte anschließend: "Ich konnte gar nicht an mich selbst denken und mich ärgern, weil der Bus immer Krach gemacht hat. Die Leute waren da, waren wach, die Jungs waren gut drauf, ich werde das alles in Erinnerung behalten." 63,26 Meter folgten im zweiten Durchgang, 63,50 Meter im dritten, sein persönlicher Schrei wurde lauter, seine Jubelgeste stärker.

Und dann kam der wirklich allerletzte Wurf seiner Karriere: Alle Freunde durften den Bus verlassen, standen auf dem Rasen direkt neben dem Ring. Seine Konkurrenten hielten ein Plakat mit einem Dankesgruß für ihn hoch. Die Zuschauer boten Standing Ovations, die Kulisse war kurz vor der Ekstase. Es sollte sich lohnen: 64,95 Meter - und diese Weite bedeutet Platz zwei zum Karriereabschluss. "Die letzte Leistung hat mein Herz ins Reine gebracht. Ist ja sehr schlecht gelaufen, ich habe mir immer sehr viel vorgenommen und bin an mir selbst ein bisschen gescheitert, insofern war es schön, dass ich es mir selbst noch einmal zeigen konnte. Die letzte Linie hat gewackelt, es gab noch einmal eine Feuerfontäne, ich konnte mich nochmal freuen. Das ist perfekt", so Harting. Er wisse jetzt das der Spruch "Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist" stimme.

Die Welt ist keine Scheibe mehr

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Julia Harting trainiert künftig nicht mehr gemeinsam mit Gatte Robert.

(Foto: imago/Sebastian Wells)

Und jetzt? "Das geilste war immer der Morgen danach", hatte Harting kürzlich der "Berliner Morgenpost" gesagt. Es wäre ein Wunder, wenn er das in ein paar Stunden auch so fühlen würde. Er muss nämlich zugeben: "Ich bin gestern von Zuhause weggefahren und war ein bisschen wehmütig, weil ich wusste, wenn ich wieder zurück nach Hause komme, bin ich kein Leistungssportler mehr. Es ist schon komisch. Mal sehen wie es ist, wenn ich jetzt nach Hause komme und die Tür hinter mir zumache." "Geil" wird es anfangs für den fast schon besessenen Sportler also wohl nicht sein, eher komisch, denn künftig wird nur noch seine Frau Julia zum Training fahren, das sie jahrelang gemeinsam absolvierten.

Hartings Welt ist ab sofort keine Scheibe mehr. Der 33-Jährige wird stattdessen in der Universität der Künste sitzen und für seinen Masterabschluss in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation büffeln. Das Studium hat er schon vor Längerem begonnen, als Ausgleich zum Sport. Harting ist keiner, der einfach so ins Blaue hinein leben kann. Er braucht etwas zu tun, braucht Pläne für seine Zukunft. Er will etwas Erschaffen, etwas verändern. So wie er schon in seiner Aktivenzeit seine Sportart prägte.

Die Pointe bleibt in der Familie

Zu seinen Plänen gehört auch, dass er irgendwann eine Familie gründen will. Seine Kinder sollen es einmal besser haben als er in seiner Kindheit. Als Sohn einer Krankenschwester und eines Druckers wuchs er in Cottbus in ärmlichen Verhältnissen auf, war früh Mobbing ausgesetzt. Mit 13 Jahren begann er mit der Leichtathletik, zog mit 17 nach Berlin und ist seitdem dort Zuhause. Genauso wie sein Bruder Christoph, beide sind sie Olympiasieger. 2016 in Rio de Janeiro schlug die große Stunde des jüngeren Hartings, als Robert die Qualifikation verpasste. Weil er sich einen Hexenschuss zugezogen hatte, bei dem Versuch den Lichtschalter mit dem Fuß zu bedienen - es wurmt ihn vermutlich noch immer. Die beiden prägt ein "Nicht-Verhältnis", wie sie es nennen und nicht näher darauf eingehen, weil sie ihre Mutter nicht traurig machen wollen. Dass ausgerechnet er Roberts letzten Wettkampf mit einer Weite von 65,67 Metern gewann - es passt irgendwie zum Abschied.

Den zelebrierte der ältere Harting noch, als viele fleißige Helfer bereits dabei waren, die Geräte, Kabel und Fangnetze längst wieder abzubauen. Als das Publikum das Stadion schon verlassen hatte und nur in der Ostkurve hinterm Diskusring noch eine Menschenmenge geduldig auf ein Autogramm oder Selfie von Harting wartete. Die Lücke, die er in der deutschen Leichtathletik hinterlässt, wird riesig sein - aufgrund seines Erfolgs, aber vor allem aufgrund seiner Präsenz und seiner klaren Meinung. Etwas, worüber sich der nun offizielle Sport-Rentner am Sonntagabend keine Gedanken machen wollte. Und so sagte er nur: "Mindestens 2,01 Meter groß." So groß wie ein ganzer Harting also.

Quelle: n-tv.de

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