Sport
Freitag, 17. Juli 2009

Schwimm-WM in Rom: Hightech-Chaos in der Hitze

Stefan Giannakoulis

Die 83 deutschen Starter haben sich viel vorgenommen: Elf Medaillen sollen es am Ende sein bei den 13. Schwimm-Weltmeisterschaften, die in Rom begonnen haben. Bis zum 2. August werden im Foro Italico Medaillen in 65 Wettbewerben vergeben.

steffen2.jpgJe vier Podestplätze für Beckenschwimmer um Doppel- Olympiasiegerin Britta Steffen und die Langstreckler sowie drei für die Wasserspringer – so wünschen es sich der Deutsche Schwimm-Verband und der Deutsche Olympischen Sportbund. Guter Plan? Wissen wir auch nicht so genau. Wie das halt so ist, wenn jemand den Erfolg planen will. Dennoch sind diese elf Medaillen weniger ein Wunsch als viel mehr eine Vorgabe des Sportbundes: Fördergeld, Sponsoren - das alles hängt an dem Edelmetall, daran, ob die Athleten den Plan der Funktionäre erfüllen. Und sonst? Hier beantworten wir die anderen wichtigen Fragen rund um die WM.

Gibt es wieder eine Weltrekordflut?

Klares ja. Zumindest in der Abteilung Beckenschwimmen, das ist der Teil der WM, der die Menschen am meisten interessiert. Selbst die Deutschen, die bei der WM 2007 und den Olympischen Spielen 2008 eher hinterher schwammen, haben bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin drei Welt-, sechs Europa- und 21 deutsche Rekorde aufgestellt. Woran liegt das?

Das liegt nicht daran, dass die Schwimmer alle so unheimlich viel besser geworden sind – es liegt an den neuen Schwimmanzügen. Rom könnte im Zeichen der High-Tech-Anzüge eine Zeitenwende im Schwimmsport markieren - mit Bestzeiten im Minutentakt und Weltrekorden als Massenprodukt. 108 Weltrekorde waren es 2008, in diesem Jahr kamen bereits knapp 30 hinzu. Allerdings steht bei den meisten dieser Ganzkörperanzügen die Anerkennung durch den Weltverband Fina noch aus, da sie erst noch geprüft werden müssen. Die Becken-Wettbewerbe beginnen am Sonntag, 26. Juli.

Hightech-Anzüge – was ist denn nun erlaubt?

Helge_Meeuw .jpgWer die Trainer, Funktionäre und Schwimmer fragt, welche Anzüge denn nun erlaubt sind, bekommt die Antwort: "Keine Ahnung". Jürgen Fornoff, Generalsekretär des Deutschen Schwimm-Verbandes, sagt: "Das ist alles hanebüchen. Das stimmt von der Logik her von vorn bis hinten nicht." Das hört sich chaotisch an – und ist es auch.

Die Verbände mussten alle Anzüge ihrer Athleten vorab zur Abnahme vorlegen. Jeder Anzug wird gekennzeichnet und namentlich einem Athleten zugeordnet. Nur wer beim Check Grünes Licht bekommt, darf auf den Startblock. Der deutsche WM-Starter Helge Meeuw sagt dazu: "Das ist wie beim Flugzeug-Einstieg." Die Athleten dürfen mehrere Anzüge einreichen, fraglich ist aber, ob es auch Produkte verschiedener Hersteller sein dürfen. "Ich weiß es nicht", sagt Funktionär Fornoff. Nachmeldungen sind offensichtlich nicht möglich. Rückenspezialist Meeuw nimmt es mit Galgenhumor: "Diese Anzüge sind schneller zerrissen, als man glaubt. Wenn ich vier Anzüge anmelde und einer geht kaputt, habe ich ja noch drei. Gehen alle kaputt, muss ich nackelig schwimmen. Eigentlich auch doof."

Na ja, vielleicht ist die Frage ja bis zum 26. Juli geklärt. Ansonsten gilt: Lieber noch eine stinknormale Badehose einpacken.

Wie viele Teilnehmer sind eigentlich dabei?

Auch das ist ein Rekord: 2556 Athleten aus 185 Ländern machen mit. Vor zwei Jahren im australischen Melbourne waren es 2158 Schwimmer aus 167 Ländern. 1470 Athleten aus 164 Ländern haben für die Bahnrennen im Foro Italico gemeldet. Am Strand von Ostia treten 152 Schwimmer aus 39 Ländern im Langstreckenschwimmen an. Zudem wollen 416 Wasserballer aus 21 Ländern, 200 Kunst- und Turmspringer (43 Länder) und 269 Synchronschwimmer (41 Länder) in der Ewigen Stadt um WM- Medaillen kämpfen.

Wo liegen die deutschen Medaillen-Hoffnungen?

biedermann.jpgDer Deutsche Schwimm-Verband rechnet mit, wir erwähnten es, insgesamt elf Medaillen. Das wären dann genauso viel wie bei der WM 2007.

Schwimmen: Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen aus Berlin über die 100 Meter, Europarekordler Paul Biedermann (Halle/Saale/200 Meter Freistil) und Rücken-Weltrekordlerin Daniela Samulski (Essen) sind die Haupttrümpfe bei den am Sonntag, 26. Juli, beginnenden Becken-Wettbewerben. Chancen haben auch die Staffeln und die deutschen Brustschwimmer wie Europarekordler Marco Koch (Darmstadt).

Wasserspringen: Drei Medaillen sollen die Wasserspringer aus dem Becken fischen. Vor allem in den Synchron-Wettbewerben vom Turm und dem Drei-Meter-Brett rechnet sich der Verband in Rom gute WM-Chancen aus. Die Olympia-Zweiten Patrick Hausding (Berlin) und Sascha Klein (Aachen) gehören zu den WM-Favoriten. Mit Stephan Feck (Leipzig) soll Hausding ebenso vorne mitspringen wie die Berlinerin Nora Suschinski mit ihren Synchron-Partnerinnen Josephine Möller (Berlin/Turm) und Katja Dieckow (Halle/Saale/Drei-Meter-Brett).

Langstreckenschwimmen: Am Lido di Ostia soll es im Mittelmeer für vier Medaillen reichen. Der sechsmalige Weltmeister Thomas Lurz (Würzburg) will es über fünf und zehn Kilometer wissen. Medaillen trauen sich auch Angela Maurer (Wiesbaden) und Britta Kamrau- Corestein (Rostock) zu.

Wasserball: Die deutschen Frauen- und Männerteams wollen unter die ersten Acht.

Synchronschwimmen: Für die DSV-Teilnehmerinnen wäre schon eine Platzierung unter den besten 20 ein Erfolg.

Werden es wieder Phelps-Festspiele?

Jein. Mit 14 Goldmedaillen ist Michael Phelps der erfolgreichste Olympionike. Zu seinen bislang 15 Weltmeistertiteln können in Rom maximal sechs für den erfolgreichsten Schwimmer hinzukommen. Der 24- jährige Amerikaner tritt im Einzel über 100 und 200 Meter Schmetterling sowie 200 Meter Freistil an. Zusätzlich soll er beide Freistil-Staffeln und das Lagen-Quartett zum Sieg führen. Die Lagen-Wettbewerbe lässt Phelps aus, für ihn ist die WM nach seiner dreimonatigen Affäre wegen der Wasserpfeifen-Affäre nur eine Zwischenstation auf dem Weg zu Olympia 2012 in London.

Welche Auswirkungen hat eine WM unter freiem Himmel?

Die Hitze von bis zu 39 Grad in dieser Woche macht den Schwimmern weniger aus, sie fürchten vor allem den Wind. Vor drei Jahren mussten sogar EM-Wettbewerbe wegen heftiger Gewitter abgebrochen werden. Die Wasserspringer stellten sich bei einem Trainingslager in Palma de Mallorca auf die starke und blendende Sonneneinstrahlung ein.

Quelle: n-tv.de