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Olympische Erlösung IOC-Präsident Rogge tritt ab

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(Foto: imago sportfotodienst)

Als Idealist übernimmt Jacques Rogge 2001 das Amt des IOC-Präsidenten. Nun ist Schluss. Die Jahre hinterlassen Spuren - bei ihm mehr als in der olympischen Bewegung. Der vermeintliche Erneuerer bleibt als diplomatischer Pragmat in Erinnerung.

Vor Wochen bekannte Jacques Rogge, er könne bereits die Ziellinie sehen "und das Banner auf dem steht: 10. September 2013". Es klang sehnsüchtig. Jetzt, in Buenos Aires, ist der 71-jährige Belgier am Ziel. Tokio ist als Olympia-Gastgeber 2020 gewählt, das Programm für die Sommerspiele 2020 und 2024 entschieden. Am späten Nachmittag wird die 125. Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees nun seinen Nachfolger als IOC-Präsident wählen, mit dem Deutschen Thomas Bach als aussichtsreichstem Kandidaten.

Rogge verabschiedet sich in den sportpolitischen Ruhestand. Nach zwölf Jahren, in denen der mächtigste Sportfunktionär der Welt oft machtlos erschien und die mehr Spuren bei ihm hinterlassen haben als er in der Olympischen Bewegung. Auf den letzten Metern bis zum Ziel wirkte der Belgier gesundheitlich angeschlagen, sogar das Sprechen fiel ihm manchmal schwer. "Ob ich es genossen habe? Nicht immer." Seinem Nachfolger prophezeite er "die Erfahrung seines Lebens".

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Jacques Rogge trug die Hoffnung: Hier mit seinem Vorgänger Juan Antonio Samaranch.

(Foto: REUTERS)

In der Bewertung seines Vermächtnisses als Herr der Ringe gehen die Meinun gen auseinander. Überschwängliches Lob gibt es nirgends, Respekt schon. "Er war absolut die richtige Person zur richtigen Zeit", sagt das norwegische IOC-Mitglied Gerhard Heiberg. Nach 21-jähriger Regentschaft des Autokraten Juan Antonio Samaranch galt Rogge vor seinem Amtsantritt als Hoffnungsträger. Samaranch hatte der olympischen Bewegung einen enormen Geld-, Macht- und Bedeutungszuwachs verschafft, sie aber auch anfällig für Korruption und Misswirtschaft gemacht. Und er hatte den Kampf gegen Doping vernachlässigt.

Nach dem Bestechungsskandal um die Winterspiele 2002 in Salt Lake City hat es Rogge geschafft, dem IOC Glaubwürdigkeit zurückzugeben - trotz der schamlos politisierten Sommerspiele in Peking 2008. Verglichen mit dem Fußball-Weltverband Fifa, dem "Korruptionsstadl" von Joseph Blatter, stehen die Olympier in der öffentlichen Wahrnehmung vergleichsweise gut da. Sogar einen Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen hat das IOC inzwischen.

Null-Toleranz-Politik de facto ein Papiertiger

Vor seinem olympischen Leben hat Rogge drei Jahrzehnte lang als Orthopäde und Chirurg praktiziert. In "einem Beruf, in dem man sich der Realität stellen muss", wie er einmal sagte. Als IOC-Präsident wurde der Idealist, als Segler einst selbst Olympionike, schnell von den sport- und machtpolitischen Zwängen im Weltsport eingeholt. Zu schnell. Von seinen idealistischen Zielsetzungen aus dem Juni 2001 konnte er in zwölf Jahren Amtszeit nicht viel umsetzen. Stattdessen wird er als pragmatischer Diplomat in Erinnerung bleiben, der das System als oberster olympischer Parteisoldat bewahrt hat.

Der Kanadier Richard Pound, 2001 bei der IOC-Präsidentenwahl am Belgier gescheitert, zog in der "Neuen Zürcher Zeitung" ein ernüchterndes Fazit von Rogges Amtszeit. Der frühere Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) warf dem Taktierer Rogge Führungsschwäche vor und ein zu lasches Vorgehen im Kampf gegen Doping. Den hat das IOC unter Rogges Führung zwar verschärft mit einer Ausweitung der Kontrollen und Nachtests und der Propagierung des Blutpasses. Unwillige Verbände bleiben aber noch immer weitgehend unbehelligt, die propagierte Null-Toleranz-Politik ist de facto ein Papiertiger. Zudem fehlt es der IOC-Ethikkommission weiter an Unabhängigkeit und Transparenz. Der olympische Gigantismus, den Rogge eindämmen wollte, wird mit den sündhaft teuren Spielen in Sotschi 2014 und Pyeongchang 2018 neue Höhepunkte erreichen.

Sponsoren zahlen Milliarden, der olympische Kommerz blüht

Auch die von Rogge angekündigte Programmreform wurde zum Schlag ins Wasser. Rugby und Golf erleben zwar 2016 ihr olympisches Comeback. In Buenos Aires bewahrten aber auch die Ringer ihren olympischen Status im Dreikampf mit Softball/Baseball und Squash. Damit wird auf absehbare Zeit kein neuer Sport in die Olympischen Sommerspiele aufgenommen. Eine Modernisierung ist das nicht. Als größten Fehler Rogges bezeichnet Richard Pound jedoch die Einführung der 2010 erstmals veranstalteten Olympischen Jugendspiele. Sie sind für ihn sogar "einer der größten Fehler, die das IOC in seiner Geschichte gemacht hat". Für Rogge sind sie sein olympisches Vermächtnis. Sie werden bleiben, wenn er geht - die Jugendspiele und die beeindruckenden Zahlen.

Von 100 auf 900 Millionen Dollar ist das Vermögen der Olympier in Rogges Amtszeit gestiegen. TV-Anstalten und Sponsoren zahlen Milliarden, der olympische Kommerz blüht. "Natürlich hätte man alles noch besser machen können. Aber ich denke, ich habe meine Aufgabe erfüllt und übergebe das IOC in sehr gutem Zustand", sagt der während seiner Amtszeit zum Grafen ernannte Belgier. Die nötigen harten Schnitte im olympischen System überlässt der Chirurg seinem Nachfolger. Als große Herausforderungen nennt er dabei jene Probleme, die er selbst nicht überzeugend lösen konnte: Doping, Wettbetrug und erfolgreiche Olympische Spiele in wirtschaftlich schweren Zeiten.

Er selbst will sich aus dem olympischen Zirkel zurückziehen und endlich wieder zum Privatmann werden, obwohl er noch zehn Jahre lang IOC-Mitglied bleiben könnte. "Ich denke, es wäre nicht gesund für das IOC, einen wahlberechtigten Ex-Präsidenten auf den IOC-Sessions herumlaufen zu haben, der dort seine Meinung zum Besten gibt." Es sind die Worte eines Präsidenten, der in seiner Amtszeit mehr aufgegeben als gewonnen hat, auch eigene Überzeugungen. Der stolz ist auf acht erfolgreiche Olympische Spiele. Und der 2010 in Vancouver mit geröteten Augen vor die Presse trat, um der Welt den tragischen Tod des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili mitzuteilen. Nach zwölf Jahren an der Spitze hat Jacques Rogge in Buenos Aires die Ziellinie erreicht. Der Weg dorthin war länger als gedacht.

Quelle: n-tv.de

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