"Ich würde es lieben ..."Bundesliga-Profi lästert über abgestürzten Handball-Klub

Dem norwegischen Handball-Topklub Kolstad droht sogar das Aus. Vor gerade einmal fünf Jahren hatte der Klub mit massiv viel Geld die Superstars angelockt - die nun wieder verkauft werden müssen. Nationalspieler Tobias Gröndahl von den Füchsen Berlin hat Mitleid, aber auch Schadenfreude für den früheren Rivalen.
Einst schickte sich Kolstad IL an, die Dominanz im Handball zu übernehmen. Der Plan: Mit massiv viel Geld vor allem die heimischen, norwegischen Stars anlocken. Sportlich erst in der norwegischen Liga und dann international die Macht an sich reißen. Der Plan ist krachend gescheitert. Sehr zur Freude von Nationalspieler Tobias Gröndahl.
Der Norweger in Diensten des deutschen Meisters Füchse Berlin kommt aus dem Konkurrenzlager von Kolstad. Von 2019 bis 2024 war der Rückraumspieler für Elverum Handball aktiv. Der Klub dominierte Norwegens Handball über Jahrzehnte, wurde aber von Kolstad überrannt. Der Verein aus Trondheim wurde ab 2023 dreimal in Folge Meister. "Kolstad ist sehr schnell zu meinem größten Rivalen geworden, ohne Zweifel", sagte Gröndahl gegenüber handball-world.news. "Und ehrlich gesagt war es auch ein bisschen nervig - natürlich vor allem, als sie plötzlich so viel Geld hatten und all diese Topspieler verpflichtet haben."
Kolstad war über Jahrzehnte ein kleinerer Klub, gegründet 1972, erst ab 2015 Erstligist. 2021 dann stieg die Supermarkt-Kette REMA 1000 als Hauptsponsor ein, 2022 wurde Norwegens Nationaltrainer Christian Berge als Trainer verpflichtet, dazu Stars wie der frühere Kieler Sander Sagosen, Magnus Gullerud aus Magdeburg, die Flensburger Torbjörn Bergerud, Magnus Röd und Göran Johannessen. Die Gehaltskosten explodierten dem norwegischen Sender TV2 zufolge von 9,4 Millionen norwegischen Kronen (820.000 Euro) im Jahr 2021 auf 24,3 Millionen (2,13 Millionen Euro) im Jahr 2022 und 52,8 Millionen (4,63 Millionen Euro) 2023.
Finanzielle Sorgen schon seit 2023
Gröndahl sagte: "Elverum war über viele Jahre vielleicht das beste Handball-Team Norwegens. Der Verein hat viel richtig gemacht. Und dann kommt auf einmal dieser Verein aus Trondheim mit unglaublich viel Geld, großen Sponsoren und holt die besten Spieler." Ihm zufolge hatte Kolstad zeitweise "fast mehr finanzielle Mittel als die Füchse Berlin, mehr als Kiel, mehr als Paris". Aber: "Von außen betrachtet scheint im Umgang mit dem Geld einiges nicht richtig gelaufen zu sein."
Tatsächlich wurden schon 2023 finanzielle Probleme offensichtlich. Gehälter für die Spieler wurden drastisch gekürzt, laut TV2 um 30 Prozent, in den Folgejahren seitdem um weitere 20 Prozent. Vom europäischen Handballverband EHF war Kolstad dennoch mit einer Wildcard für die Champions League ausgestattet worden - was für harsche Kritik aus Deutschland gesorgt hatte. "Wenn der Verein nicht vollumfänglich seine Verträge erfüllt, muss er aus der Champions League ausgeschlossen werden", hatte Bundesliga-Geschäftsführer Frank Bohmann 2023 den "Kieler Nachrichten" gesagt. "Erst nach der Zuteilung einer Wildcard haben sie ihre wirtschaftliche Situation offenbart. Das ist im höchsten Maße unseriös."
"So ist das eben, wenn ein Rivale fällt"
Die Geldsorgen wurden seitdem in Kolstad nur ärger. Als Konsequenz verließ etwa Sagosen den Klub im vergangenen Sommer wieder und wechselte zum dänischen Klub Aalborg Handbold. Bergerud zog weiter zu Wisla Plock nach Polen. Und trotzdem: "Nach allem, was wir aktuell wissen, wird das Ergebnis negativ ausfallen. Damit liegen wir klar unter dem Budget", hatte Geschäftsführer Jostein Sivertsen im Dezember gegenüber TV2 bekannt. "Wir müssen bereits jetzt prüfen, welche Maßnahmen notwendig sind, um bis 2026 wieder auf stabile Beine zu kommen." Sonst droht dem Klub sogar das Ende.
In der Folge wurden weitere Wechsel bekannt oder sogar bereits vollzogen. Simen Lyse wird nach Paris wechseln, vergangene Woche ging Schwedens Torhüter-Oldie Andreas Palicka von Kolstad zum abstiegsbedrohten Bundesligisten HSG Wetzlar - und zieht im Sommer weiter nach Berlin, zu Gröndahl. Der sagte: "Als ehemaliger Elverum-Spieler ist es natürlich großartig zu sehen, dass Elverum jetzt wieder oben ankommt und Kolstad abstürzt. So ist das eben, wenn ein Rivale fällt. Mein Elverum-Herz schlägt für Elverum - und ganz ehrlich: Ich würde es lieben zu sehen, wie sie ganz nach unten fallen und Elverum wieder alles gewinnt."
Gröndahl hat auch Mitleid
Doch neben der Schadenfreude empfindet der 25-Jährige auch Mitleid: "Ich habe viele Freunde dort. Wenn ich mit ihnen spreche, merke ich, wie sehr sie dieser Prozess belastet. Ihre Gedanken sind voll davon." In der Liga ist Kolstad in dieser Saison abgerutscht auf den vierten Platz, sie liegen bereits 18 Punkte hinter dem alten, neuen Spitzenreiter Elverum. "In der Liga waren die Leistungen zuletzt schwach. Man konnte in ihren Gesichtern und in ihrer Energie sehen, wie sehr sie das mitnimmt. Das ist nichts, worüber ich mich freue", so Gröndahl.
Kolstad ist inzwischen zum nationalen Ärgernis geworden. Sogar das desaströse Abschneiden bei der WM im vergangenen Jahr, bei der der Co-Gastgeber sang- und klanglos in der Hauptrunde gescheitert war, schiebt so mancher dem gescheiterten Projekt in die Schuhe. "Ich denke, das Kolstad-Projekt hat die norwegische Nationalmannschaft ruiniert", sagte der ehemalige Nationalspieler Frank Löke damals der Zeitung "Nidaros". "Die Spieler dort sind im Level gesunken. Die Spieler sind Profis, aber sie haben einen Verein, der sie in die Irre geführt hat. Sie haben Gold und grüne Wälder versprochen, aber tatsächlich hatten sie eine schlechte Saison."
Aus der Champions League ist das Team zudem bereits am Mittwoch in der Gruppenphase ausgeschieden. Nur zwei Siege - einer davon ausgerechnet gegen Gröndahls Füchse - reichen definitiv nicht mehr für die Playoffs, die letzten beiden anstehenden Partien gegen Dinamo Bukarest und Kielce sind nur noch eine Randnotiz.
Die Entwicklung betrachtet Gröndahl mit Sorge: "Als Nationalspieler und jemand, der Handball liebt, muss ich sagen: Das ist wirklich schlecht für den norwegischen Handball - für die Liga, das internationale Standing, die Champions-League-Plätze."