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40. Todestag von Jesse Owens In Berlin Hitler besiegt, zu Hause gedemütigt

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Jesse Owens macht sich auf den Weg zu seiner Goldmedaille über 100 Meter.

(Foto: imago sportfotodienst)

Er war der Star der Sommerspiele 1936 in Berlin. Er blamierte die Nazis und wurde vier Mal Olympiasieger. Doch Jesse Owens konnte sein Gold nicht zu Geld machen. Der Afro-Amerikaner erfuhr zeitlebens in den USA nie die Anerkennung, die er verdient gehabt hätte.

Am Ende war seine Lunge überfordert. Sie konnte diesen einst so drahtigen, so durchtrainierten Körper nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgen. Sie war schwarz geworden von den vielen Zigaretten, die Jesse Owens seit seinem 32. Lebensjahr täglich geraucht hatte. Sie war befallen von einem aggressiven Krebs, der das Atmen so schwer machte und der schon so weit fortgeschritten war.

Bereits in den vergangenen vier Monaten musste Owens deshalb immer wieder ins Krankenhaus eingeliefert werden. Am 31. März 1980, heute vor 40 Jahren, verstarb er im Medical Center der University of Arizona in Tucson. "Es hat wohl kein Athlet den menschlichen Kampf gegen Tyrannei, Armut und rassische Doppelmoral mehr symbolisiert", sagte der damalige US-Präsident Jimmy Carter einen Tag nach Owens' Tod.

Die Geschichte des James Cleveland Owens ist die eines Afro-Amerikaners, der 1936 bei den Olympischen Sommerspielen die Rassentheorien der Nazis ad absurdum geführt hatte. Der vor den Augen von Adolf Hitler mit vier Goldmedaillen zum Star der Spiele avancierte. Der aber trotzdem aufgrund seiner Hautfarbe anschließend in seiner Heimat keine Sponsoren fand, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten musste. Der zeitlebens nie die Anerkennung erfuhr, die er hätte bekommen müssen. Und der trotzdem immer lächelte, hilfsbereit und freundlich war.

Aus "J.C." wird "Jesse"

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Owens zeigt dem Nachwuchs seine Startposition.

(Foto: imago images/United Archives International)

Owens kam am 12. September 1913 in Alabama zur Welt. Dort, im tiefsten Süden der USA, gab es damals noch die Rassentrennung. Owens Großeltern waren Sklaven gewesen, sein Vater arbeitete als Farmpächter - und die Kinder mussten auf den Baumwollfeldern mit anpacken. Als Owens neun Jahre alt war, zog seine Familie, wie Millionen anderer Afro-Amerikaner, im Zuge der Großen Migration aus dem Süden in den Norden. Die neue Heimat: Cleveland. Und hier wurde durch einen Zufall aus James Cleveland Owens Jesse Owens. Als seine neue Lehrerin ihn in der Schule nach seinem Namen fragte, antworte Owens "J.C." - aufgrund seines starken Südstaaten-Akzents habe es jedoch wie "Jesse" geklungen, schrieb William Baker in seinem Buch "Jesse Owens: An American Life". Also hörte der Junge fortan auf einen neuen Namen.

Bereits vor den Sommerspielen in Berlin machte sich Owens einen Namen. So lief er 1935 im New Yorker Madison Square Garden mit 6,6 Sekunden über die 60 Meter Hallenweltrekord. Diese Marke sollte 40 Jahre Bestand haben. Ebenfalls 1935 stellte er mit 8,13 Meter einen Weltrekord im Weitsprung auf, der erst 1960 überboten wurde. Und so war Owens einer der bekanntesten Namen des US-Teams, das am 15. Juli 1936 in New York die "SS Manhattan" bezog und zur Überfahrt nach Deutschland ablegte.

In 10,3 Sekunden die Nazitheorie widerlegt

Der Empfang für den 22-Jährigen in Berlin war eine Mischung zwischen freundlich und frenetisch. Ebenso wie jubelnde Deutsche sind Owens die vielen Soldaten in Erinnerung geblieben "und die Hakenkreuzfahnen überall." Er habe damals noch nicht zu viel über Hitler gewusst und es habe ihn auch nicht sonderlich interessiert, meinte Owens. Denn er sei ja nicht nach Berlin gekommen, um gegen Hitler zu laufen, sondern gegen die besten Sprinter der Welt.

Am 3. August brauchte er im Finale über die 100 Meter nur 10,3 Sekunden, um die Nazitheorie vom vermeintlich überlegenen Arier im ausverkauften Olympiastadion zu widerlegen. Owens gewann vor seinem Landsmann, Ralph Metcalfe - ebenfalls ein Afro-Amerikaner. Der einzige Deutsche unter den sechs Startern, Erich Borchmeyer, wurde in 10,7 Sekunden Fünfter. Bis zum 9. August holte Owens auch über die 200 Meter, im Weitsprung, sowie als Startläufer mit der 4x100 Meter-Staffel Gold und wurde somit der erfolgreichste Athlet der Spiele. Hitler war Zeuge, verzichtete jedoch darauf, Owens zu gratulieren.

Eigener Präsident ignoriert den Olympia-Helden

"Leute haben mich oft gefragt, wie ich es empfunden habe, dass Hitler mich damals nicht beglückwünscht hat", sagte Owens, als er 1951 erstmals wieder ins Olympiastadion zurückkehrte und vor 80000 jubelnden Zuschauern eine Ehrenrunde lief. "Wenn ich jetzt dorthin schaue, wo er damals saß, dann kann ich nur sagen: ich bin hier, er nicht - das genügt mir als Antwort."

Viel schmerzhafter als Hitlers Haltung war für ihn die Ignoranz seines eigenen Präsidenten, Franklin D. Roosevelt. Aus dem Weißen Haus gab es keinen Anruf, kein Glückwunsch-Telegramm und auch keine Einladung. Stattdessen erlebte der Olympia-Held weiterhin den täglichen Rassismus. "Ich durfte in meinem eigenen Land nicht vorne im Bus sitzen, nicht dort leben, wo ich wollte und musste Hintereingänge benutzen", klagte Owens.

US-Verband sperrt Owens auf Rückfahrt von Berlin

Auch der US-Verband schikanierte seinen größten Star. Da Owens nach den Sommerspielen auf eine Europa-Tour des amerikanischen Teams verzichtete und stattdessen nach Hause reiste, wurde er vom nationalen Verband noch auf der Rückfahrt gesperrt und ihm der Amateur-Status aberkannt. Mit nur 22 Jahren war seine Karriere somit vorbei, das Staffelrennen am 9. August 1936 der letzte Wettkampf eines der größten Athleten der Leichtathletik-Geschichte. Noch schlimmer: Owens hatte zwar gerade vier Goldmedaillen bei Olympischen Spielen gewonnen, aber trotzdem kaum Geld. Der Ruhm von Berlin verblasste schnell.

Er fand keine Sponsoren, jobbte unter anderem als Tankwart sowie in einer Reinigung, um etwas Geld zu verdienen. Und er lief für ein paar Dollar sogar gegen Rennpferde um die Wette. "Leute meinten, es sei erniedrigend für einen Olympiasieger, gegen ein Pferd zu rennen. Aber was sollte ich machen? Ich hatte vier Goldmedaillen, aber die kann ich nicht essen", betonte Owens.

Obwohl ihm viele Möglichkeiten genommen wurden, Türen aufgrund seiner Hautfarbe verschlossen blieben und er immer wieder an Grenzen stieß, die für einen Weißen keinerlei Hindernis gewesen wären, meinte Owens in einem seiner letzten Fernseh-Interviews: "Das Leben und Gott haben es gut mit mir gemeint." Sein letzter Lebenswunsch wurde ihm Weihnachten 1979 erfüllt. Obwohl schon sichtlich vom Lungenkrebs gezeichnet, reiste er zu einer Familienfeier nach Chicago. Als Owens ankam, war gerade Donovan geboren - sein erstes Urenkelkind.

Quelle: ntv.de