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"Das ist niederschmetternd" Johannes Dürr, der ausdauernde Betrüger

Johannes Dürr ist am Boden - mal wieder.

Johannes Dürr ist am Boden - mal wieder.

(Foto: www.imago-images.de)

Er gesteht erst reumütig und dopt dann einfach dreist weiter: Der österreichische Skilangläufer Johannes Dürr ramponiert im Dopingskandal das Ansehen der Whistleblower und versetzt ein ganzes Dorf in Trauer. "Da waren zwei Persönlichkeiten in mir."

In der Heimatgemeinde von Johannes Dürr ist die Enttäuschung über den gefallenen Kronzeugen riesig. Bürgermeister Friedrich Fahrnberger dachte schon darüber nach, Dürrs Bild aus der Heldengalerie am Rathaus von Göstling zu entfernen. "Für uns ist das eigentlich niederschmetternd", sagte das Gemeinde-Oberhaupt dem österreichischen Sender ORF. Man hatte wieder auf den Skilangläufer gesetzt. 2014 war Dürr bei Olympia in Sotschi mit Doping aufgeflogen, wurde gesperrt. Doch der Ehrgeizling aus Niederösterreich gab nicht auf, quälte sich in den letzten Monaten zum Comeback, packte zeitgleich in einem ARD-Film über die Seuche Doping aus und sammelte 38.985 Euro per Crowdfunding-Aktion. "Ich selbst habe mich daran beteiligt", sagte Bürgermeister Fahrnberger.

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"Wenn du Leistungen bringen willst, dann musst du es  machen."

(Foto: www.imago-images.de)

Doch Whistleblower Dürr pfiff auf die Wahrheit und betrieb bis zuletzt wieder Blutdoping - sogar mithilfe des Erfurter Arztes Mark S., der erst durch Dürrs Aussagen verhaftet werden konnte. Dürr blieb Täter, die Staatsanwaltschaft prüft eine Anklage und will untersuchen, ob der Sportler auch so dreist war, das Geld aus dem Crowdfunding-Projekt für das Eigenblutdoping zu nutzen. Dreimal habe er sich noch 2018 - zuletzt im Dezember - Blut aus einem alten Depot von 2014 und 2015 von S. oder dessen Komplizen zurückführen lassen, eine finanzielle Gegenleistung sei dafür aber nicht fällig geworden, "für alle Behandlungen und die  ganze Organisation keinen Cent, gar nichts". Sagt Dürr.

Aber was bedeutet das schon? "Da waren zwei Persönlichkeiten in mir. Nicht schizophren, aber da war der Leistungssportler Johannes und der Mensch Johannes",  sagte der 31-Jährige. Der "Johannes als Mensch" habe ganz klar gesagt,  das "ist ein Blödsinn, ein Scheiß, das darf man nicht machen, davor muss man andere warnen", sagte der Langläufer. Der "Leistungssportler Johannes" habe auf der anderen Schulter aber immer wieder insistiert: "Das  gehört dazu. Wenn du Leistungen bringen willst, dann musst du es machen." Am Ende siegte offensichtlich immer der Leistungssportler.

Blutdoping per Crowdfunding?

Wie viel ist ein Whistleblower wert, der bis zuletzt betrügt? Zumindest Vater Franz Dürr hält zu seinem Sohn. "Er soll hören, dass sein Papa hinter ihm steht, das ist mir wichtig", sagte der einzige Schmied in der 2000-Seelen-Gemeinde Göstling. Er selbst wäre nie auf den Gedanken gekommen, "dass da etwas nicht in Ordnung ist". Der Vater sagte, dass er in den vergangenen Monaten wenig Kontakt zu seinem Sohn hatte. Am Dienstag, dem Tag der Inhaftierung durch die Staatsanwaltschaft Innsbruck, habe er dessen Freundin eine SMS geschickt und gedacht, Johannes brauche jetzt Unterstützung. Das Doping sei ihm schon immer ein Greuel gewesen.

Vor vielen Jahren, als Johannes gerade mit dem Langlaufen begann, habe er ihm gesagt: "Hanni, bevor du zu dopen beginnst, hörst du besser auf." Doch "Hanni" hörte nicht auf den Vater und ging beharrlich seinen Weg. Und der führte nun eben zum wiederholten Male zum Verlust der Freiheit, statt auf die Siegertreppchen dieser Welt. Die  Festnahme sei für ihn eine Erleichterung gewesen, berichtete Dürr im Interview mit der ARD-Dopingredaktion, "als ich den Haftbefehl auf dem Tisch liegen sah, war ich tatsächlich froh." Sich selbst sieht der dopende Whistleblower "ganz sicher nicht als Opfer. Ich bin definitiv einfach Täter, von dem System, das mich nicht losgelassen hat".

"Wer auffliegt, muss ein Trottel sein"

Inzwischen ist Dürr wieder auf freiem Fuß, doch die Anschuldigungen gegen den Kronzeugen im Doping-Skandal sind erdrückend, laut der Staatsanwaltschaft besteht der Verdacht des Sportbetrugs - dem 31-Jährigen droht weiter eine Anklage. Dazu beschuldigen ihn seine früheren Teamkameraden, ihnen den Kontakt zu Mark S. vermittelt zu haben, das bestritt der dopende Whistleblower jedoch in seiner Vernehmung. Die geständigen österreichischen Langläufer Max Hauke und Dominik Baldauf widersprechen: Dürr habe Baldauf 2016 erklärt, dass man ohne Doping kein Spitzenläufer wird. "Und dass uns ein Erfurter Arzt helfen könnte", sagte Baldauf im Interview mit der "Kronen-Zeitung". In Mark S. fanden Hauke und Baldauf nach eigenen Aussagen genau den Arzt, der ihnen zum Eigenblutdoping verhalf. "Alles war extrem professionell", berichtete Hauke.

Wenn die Athleten Infusionen benötigten, sei in einem Nachbarhotel Fachpersonal gewesen, das die Nadeln setzte. Die Trainer konnten nichts ahnen, die Einstichstellen seien gut versteckt gewesen. Hauke und Baldauf gehören zu den neun Athleten, die mittlerweile eine Beteiligung an dem Dopingnetzwerk um den Erfurter Arzt eingestanden haben. Angst, beim Doping aufzufliegen, hatten Hauke und Baldauf nach eigener Aussage nicht. "Wer beim Blutdoping bei einem normalen Check auffliegt, muss ein Trottel sein", erklärte Baldauf. "Es reicht, nach dem Rennen ein Glas Salzwasser zu trinken, dadurch wird das Blut so stark verdünnt, dass die Werte normal sind."

Für Johannes Dürr könnte mit der neuerlichen Festnahme nun ein jahrelanger innerer Konflikt zu Ende gegangen sein, das "ständige Reißen und Kämpfen darum, das Richtige zu tun. Leider habe ich den Kampf verloren." Immer und immer wieder.

Quelle: n-tv.de, ter/sid

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