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Achtelfinal-Aus bei den US Open Julia Görges und das "Wackeln" zur Unzeit

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Im entscheidenden Moment wackelte Julia Görges und vergab den Matchball.

(Foto: imago images / Pacific Press Agency)

Der Sieg ist für Julia Görges im Achtelfinale der US Open ganz nah, die Tür zur Runde der letzten Acht weit auf. Doch sie kann erneut bei einem großen Turnier einen wichtigen Schritt nicht machen und scheidet als letzte deutsche Tennisspielerin aus.

Es gibt im Sport Niederlagen, die sind verdient. Es gibt im Sport Niederlagen, die sind unglücklich. Und dann gibt es im Sport noch Niederlagen, die einfach keine Niederlagen hätten sein dürfen. Das Achtelfinal-Aus von Julia Görges bei den US Open war eine eben solche unnötige Niederlage. Mit 7:6 hatte Deutschlands einzig verbliebene Spielerin gegen Donna Vekic aus Kroatien den ersten Satz gewonnen und im zweiten Satz 5:4 geführt. Sie hatte Aufschlag und sie hatte sogar Matchball.

Vor zwei Jahren war Görges in Flushing Meadows schon einmal im Achtelfinale gewesen, damals aber in drei Sätzen (3:6, 6:3, 1:6) an der späteren Siegerin, der US-Amerikanerin Sloane Stephens gescheitert. Doch nun stand die Tür zum Viertelfinale für sie ganz weit offen. Alles, was diese Julia Görges aus Bad Oldesloe in Schleswig-Holstein noch machen musste, war bei eigenem Service einen Punkt zu holen. Einen einzigen Punkt.

Hoffnung auf "ein bisschen wackeln"                                                               

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Vekics deutscher Trainer, Torben Beltz, hatte nur noch die Hoffnung, "dass 'Jule' vielleicht ein bisschen wackeln" würde. Doch bis hierher hatte sie stark gespielt. Nicht immer fehlerfrei, aber eben so, dass sie nun die Chance hatte, erstmals in New York die Runde der letzten Acht zu erreichen. Warum also sollte Görges ausgerechnet jetzt anfangen zu wackeln und nicht noch diesen einen fehlenden Punkt bei eigenem Aufschlag holen?

Doch dann wurde die 30-Jährige tatsächlich unsicher - und wackelte. Nicht nur ein bisschen, sondern mächtig. Erst landete ein Vorhandschlag von ihr im Netz, somit war der Matchball kläglich vergeben. Es folgten ein Doppelfehler und ein etwas zu langer Volley. Ergebnis: Break Vekic, 5:5. Und einige Minuten später hatte Görges den Durchgang dann mit 5:7 abgegeben. "Es passiert, dass du dein Service verlierst", sagte sie und bemängelte, "leider nicht die Qualität im Aufschlag" gehabt zu haben wie zuvor. Görges schob die 7:6-5:7-3:6-Niederlage jedoch nicht auf die fehlende Konstanz in ihrem Aufschlag in den entscheidenden Momenten des zweiten Satzes. Sie habe ja schließlich auch noch gute Grundschläge. Aber die kamen im dritten Durchgang nicht mehr so präzise und druckvoll wie noch zu Beginn, sondern waren oft einige Meter zu lang.

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"Ich habe keine Ahnung, wie ich dieses Spiel gewonnen habe", sagte Vekic sichtlich überwältigt noch auf dem Platz. "Sie hatte Matchpunkt, Aufschlag, ich habe einfach bis zuletzt gekämpft." Vielleicht war ihre Euphorie darin begründet, dass sie erstmals bei einem Grand Slam im Viertelfinale steht. Andererseits war Vekic wohl selbst ein wenig überrascht, dass Görges diese Partie noch aus der Hand gegeben hat.

"Manchmal gewinnst du solche Matches, manchmal verlierst du. Das ist eine dünne, feine Linie", sagte Görges. Natürlich sei sie enttäuscht, betonte die Norddeutsche. So richtig wütend war sie jedoch nicht. Vielleicht braucht es einfach einige Zeit, bis sie realisiert, was für eine große Gelegenheit sie hier im "Big Apple" hat liegen lassen.

Die Niederlage gegen die Nummer 23 der Weltrangliste ist keine Schande und auch keine Blamage - auch wenn Görges alle bisherigen drei Duelle gewonnen hatte. Nein, diese Niederlage ist vielmehr eine vertane Chance, bei einem großen Turnier ganz weit zu kommen. Denn im Viertelfinale wäre nicht die japanische Titelverteidigerin Naomi Osaka die Gegnerin gewesen, sondern Belinda Bencic aus der Schweiz, die Osaka in zwei Sätzen eliminierte.

Privileg Achtelfinale

Sie habe ein "sehr gutes Turnier gespielt", bilanzierte Görges. Es sei ein Privileg, so lange dabei zu sein. Vielleicht redete sie sich die Niederlage ein bisschen zu schön. Vielleicht hatte aber auch ihr souveräner Zwei-Satz-Sieg in der Runde zuvor gegen die an Nummer sieben gesetzte Niederländerin Kiki Bertens die Erwartungen an Görges etwas zu groß werden lassen. Seit gut zehn Jahren spielt Görges regelmäßig bei WTA-Turnieren. Ihre Karriere hatte Ausreißer nach oben und unten. Im August 2018 war sie mal die Nummer neun im globalen Ranking, 2014 rutschte sie mal für eine Woche aus den Top 100.

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Derzeit ist Görges die 30. der Weltranglisten. Dennoch ist eine Prognose für sie vor einem großen Turnier immer noch schwer. Ein frühes Aus bei einem Grand Slam wäre gefühlt immer noch weniger überraschend als eine unerwartete Siegesserie. Seit 2007 spielt sie Grand Slams. Das Turnier in New York war ihr 47., in all den Jahren stand Görges sechsmal im Achtelfinale. Ihr Vorzeige-Resultat: Halbfinale Wimbledon 2018.

Julia Görges ist eine gute Tennisspielerin. Sie hat einen starken Aufschlag, eine mitunter krachende Vorhand und sie kann eine richtig unangenehme Gegnerin sein. Aber sie scheitert immer noch oft an ihren eigenen Fehlern, an Unzulänglichkeiten und mentalen Aussetzern. Wer denn ihrer Meinung das Turnier gewinnen könne, wurde sie am Schluss der Pressekonferenz gefragt. Görges fuhr sich mit der Hand durch ihr dunkles Haar, überlegte kurz und meinte: "Ich weiß gar nicht, ob ich mir die US Open jetzt noch anschaue."

Nun, sie wird hoffentlich wissen, dass sie gar keine Zuschauerin hätte sein müssen, sondern immer noch auf dem Platz stehen könnte. Im Viertelfinale der US Open. Gegen Belinda Bencic, die sie in vier Spielen zwei Mal besiegt hat. Aber Julia Görges ist einmal mehr gescheitert - an einer zugegeben guten Gegnerin, Donna Vekic. Vor allem aber an sich selbst.

Quelle: n-tv.de

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