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Mehr als nur Show für Zuschauer Kaul ist der König mit unnachahmlichem Finale

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Kauls Emotionen müssen raus.

(Foto: REUTERS)

Mit einem sensationellen Lauf lässt Niklas Kaul der Konkurrenz keine Chance. Der 24-Jährige ist neuer Europameister im Zehnkampf. Dabei hat er Gold zwischenzeitlich schon abgehakt, kämpft sich aber durch und bravourös zurück. Der EM-Titel ist für ihn viel mehr wert als das WM-Gold von vor drei Jahren.

Am Ende hocken Niklas Kaul und Simon Ehammer gemeinsam auf Tartanbahn. Kurz hinter der Ziellinie harren sie gebannt aus. Völlig erschöpft, aber der letzte Rest Energie muss noch reichen für die Blicke in Richtung Anzeigetafel. Bis es die Erlösung gibt. Denn die letzte Disziplin im Zehnkampf vollbringen nicht mehr die Athleten, sondern die Rechner. Wer von ihnen beiden ist Europameister im Zehnkampf? Es ist ein Rechenspiel, das der Deutsche und der Schweizer nur überschlagen können. So wie alle anderen im Stadion.

Wer als Erstes über 1500 Meter ins Ziel kommt, ist nicht auch automatisch der Gesamtsieger der Zwei-Tages-Tortur. Nach Minuten, in denen die Rechner auf Hochtouren laufen und zugleich die Zeit im Münchner Olympiastadion zäh wie Kaugummi werden lassen, ist klar: Diesmal ist es schon so. Niklas Kaul ist der Erste im Ziel, und Niklas Kaul ist der Europameister. Ehammer bleibt nach einem herausragenden ersten Tag die Silbermedaille, der 22-Jährige ist der erste Gratulant. "In der Heimat so zu liefern, ist schon sehr, sehr stark", sagt er. "Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, ihn ein wenig zu ärgern und bis zum Schluss zu ärgern, dass er schnell laufen muss. Ich bin überglücklich mit Silber und gönne es ihm von Herzen." Doch der Schweizer, der seine Stärken anders als Kaul in den Sprint und Sprungdisziplinen hat, hat ein Ziel: "Ich trainiere, um irgendwann vorne zu sein."

Noch ist es nicht so weit, im abschließenden Lauf sieht Ehammer schnell nichts mehr von Kaul, der zwei Jahre Ältere enteilt weit. Er bringt einen beeindruckenden Sololauf auf die Bahn, der bereits nach 4:10,09 Minuten beendet ist. So schnell ist Kaul noch nie gelaufen. So schnell, dass ihm niemand folgen kann. Dabei läuft es gar nicht mal nach Plan: "Es gab ein Konzept: Das hat nicht funktioniert", sagt er. "Die Idee war, ich wollte 69 Sekunden pro Runde anlaufen, dann wäre ich so bei 2:52 Minuten bei 1000 Meter angekommen und dann war der Plan, langsam Tempo anziehen, so wie ich es in den Läufen zuvor auch immer gemacht habe. Leider war ich bei 1000 Metern bei 2:47 Minuten und ich dachte, die letzten 400 Meter werden jetzt spaßig", fasst er seine Gedanken während des entscheidenden Rennens zusammen. "Aber da haben mich die Zuschauer gut durchgetragen." Und: "Ich wusste auch, dass das die Disziplin ist, auf die ich am allerbesten vorbereitet bin." Doch trotzdem weiß er von der letzten Runde nicht mehr viel, nur "Lauf, lauf, 300 geht irgendwie immer."

"Wenigstens für die Zuschauer eine Show"

Und wie es geht. Als Lohn steht er nun da als gefeierter Sieger, für den die 40.000 Zuschauerinnen und Zuschauer im Stadion völlig eskalieren. "Bei den 1500 sind mir fast die Ohren weggeflogen, das war einfach der Wahnsinn." Dabei, so bekennt er nach dem Wettkampf, ist ihm bereits am Mittag des zweiten Tages, nach dem Diskuswerfen und erst recht nach dem Stabhochsprung, klar: "Die Goldchance ist auf jeden Fall weg." Zu weit scheint Ehammer enteilt, der Schweizer springt überragende 8,31 Meter weit, mit denen er bei den Spezialisten EM-Silber gewonnen hätte. Kaul selbst startet mit einer neuen Bestleistung in den Wettkampf, läuft die 100 Meter so schnell wie nie zuvor, er beendet den ersten Tag auch mit einer neuen Bestleistung über 400 Meter. Doch es ist wie immer: An Tag eins hat Kaul mit den vorderen Platzierungen nichts zu tun. Er ist der Mann des zweiten Tages, da kommen seine Paradedisziplinen.

Aber es läuft auch an Tag zwei nicht alles perfekt, er bleibt im Diskuswurf weit unter seinen Möglichkeiten. Gerade einmal 41,80 Meter wirft er, mehr als sieben Meter weniger als seine Bestleistung. Es ist der Tiefpunkt seines Wettkampfes, wie er selbst sagt. Der Vormittag endet trotz eines vernünftigen Stabhochsprungs mit 4,90 Meter also schnellstmöglich, auch für die Psyche. "Ich bin dann aber nach dem Mittagsschlaf aufgestanden und hatte im Kopf: Gut, wenn die Goldchance weg ist, dann machen wir jetzt wenigstens für die Zuschauer eine Show in den letzten zwei Disziplinen. Weil die sich das definitiv verdient haben, was sie für eine Stimmung gemacht haben die zwei Tage."

Und er liefert die Show. Der Abend beginnt mit der vorletzten Disziplin, dem Speerwerfen. Es ist die Paradedisziplin für Kaul. So weit wie er kann kein anderer Zehnkämpfer werfen - eigentlich. Seit seinem WM-Titel 2019 in Doha, als er seine Bestleistung von 79,05 Metern erzielte, konnte er das nicht mehr unter Beweis stellen. Nach seinem Coup musste er am Ellenbogen operiert werden, betroffen war der Wurfarm. 2020 stand die Leichtathletik wie alle Welt pandemiebedingt still, bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 musste er wegen einer Fußverletzung nach dem Hochsprung aufgeben. Vor dreieinhalb Wochen bei der WM in Eugene lief es gut, aber nicht sehr gut, Kaul wurde Sechster. Mit einem Speerwurf knapp unterhalb der 70 Meter.

"Hol dir die scheiß Medaille"

Das soll in München anders sein - und schon sein erster Versuch geht auf 70,98 Meter, den zweiten macht er ungültig. Er würde aufholen auf die Medaillenplätze, aber nicht entscheidend. Dann steht er im Anlauf für den dritten Versuch. Das Publikum peitscht ihn lautstark an, schon direkt nach dem Abwurf weiß Kaul, der segelt weit. Richtig weit, das "Ohhh" der Fans zieht sich in die Länge. 76,05 Meter - und plötzlich ist der Gold-Traum wieder da. "Man hat es mir, glaube ich, beim Speerwerfen angemerkt, dass mir da ein Stein vom Herzen gefallen ist. Unabhängig davon, ob ich dann wieder eine Chance auf Gold hatte", sagt der Mainzer. "Aber auch für mich, dass ich weiß, ich kann's ja doch noch mit dem Speer."

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Doch viel Zeit bleibt nicht, sich darüber zu freuen, denn schon stehen die 1500 Meter an. Die Rechnerei beginnt spätestens jetzt, der Vergleich der Bestleistungen. Klar ist: Es wird eng, aber Kaul kann es tatsächlich schaffen. Das weiß auch Arthur Abele, für den mit diesem Lauf seine Karriere endet: "Hol dir die scheiß Medaille, glaube ich, hab ich gesagt."

Kaul hört auf seinen Teamkollegen. 8545 Punkte sammelt er insgesamt, setzt sich damit am Ende doch deutlich vor Ehammer (8468) und dem Esten Janek Öiglane (8346) durch. Er gewinnt Gold. Wieder einmal. Wie schon in der Jugend, auch bei den Erwachsenen. Nach der Weltmeisterschaft diesmal bei der Europameisterschaft. "Es ist nicht vergleichbar, weil die Aufmerksamkeit eine ganz andere ist", sagt der 24-Jährige. "Das erste Mal war eine Riesenüberraschung, jetzt ist es so, dass es nach einer Zeit, wo es nicht so gut lief, mich darin bestätigt hat, dass der Weg der richtige ist. Und ich bin wahnsinnig erleichtert. Es ist für mich der emotional wichtigere Titel."

Quelle: ntv.de

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