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Doping-Gerüchte laufen mit "Kokos" Fabelrekord mit Fragezeichen

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Schneller als Konstanze Klosterhalfen war über 5000 Meter noch keine Deutsche. In der ewigen Weltbestenliste liegt die 22-Jährige auf Platz 13.

(Foto: imago images / Beautiful Sports)

Konstanze Klosterhalfen pulverisiert in Berlin einen 20 Jahre alten deutschen Rekord und begeistert die Leichtathletikfans. In die Euphorie mischen sich aber auch bei jedem Erfolg der Läuferin Zweifel.

Was für ein Rennen. Welch eine Dominanz! Mit einem neuen deutschen Rekord gewinnt Konstanze Klosterhalfen die Deutsche Meisterschaft über 5000 Meter. Gleich zu Beginn setzt sich die Mittelstreckenläuferin an die Spitze - um die Konkurrenz zu deklassieren. Jeder im Berliner Olympiastadion merkt: Klosterhalfen hat etwas vor, dieses Rennen wird ein besonderes. Schon nach 1000 Metern hat sie auf das Hauptfeld mehr als eine halbe Runde Abstand erlaufen. "Ich wollte heute einfach schnell laufen und über den Rekord wollte ich gar nicht nachdenken", sagte eine sichtlich gelöste Klosterhalfen nach dem Rennen. "Ich hatte in den letzten Runden ganz schön schwere Beine und hab die letzten Rundenzeiten gar nicht mehr gehört."

Genau geplante, lange Schritte: Klosterhalfen flitzt Runde um Runde an den jubelnden Zuschauern vorbei. Nach 8:45 Minuten überholt sie die erste Konkurrentin. "Kokooo" hallt es immer wieder von den Rängen. Als sie auf die Zielgerade einbiegt, steht das komplette Stadion bereits. "Am Schluss dachte ich: Nur noch laufen und alles geben", sagte Klosterhalfen dazu. Im Ziel hält sich die neue Deutsche Meisterin die Hände fast ungläubig über den Kopf, muss sich erst mal abstützen. Dann setzt sie zur Ehrenrunde an - noch bevor einige der anderen Läuferinnen überhaupt in ihre letzte reguläre Runde starten. Überlegenheit war selten so deutlich in der deutschen Leichtathletik. Am Ende stehen 14:26,76 Minuten auf der Uhr, der deutsche Rekord, den seit 1999 Irina Mikitenko gehalten hatte, wurde um knapp 16 Sekunden unterboten.

Großer Schritt, große Wirkung

Letztes Jahr wagte Konstanze Klosterhalfen einen ganz anderen großen Schritt. Aus dem beschaulichen Bockeroth zog die schüchterne Läuferin in die USA, um endlich zu den weltweit Besten der Besten gehören. Sie schloss sich dem Nike Oregon Project an, das 2001 gegründet wurde, um Mittel- und Langstreckenläufer zu fördern. Innovative Trainingsmethoden sollen das kleine Plus an der Weltspitze bedeuten. So soll vor Ort in den Wohnhäusern der Läufer die Luft sauerstoffreduziert sein und auch auf Laufbändern unter Wasser soll wegen des größeren Widerstands trainiert werden. Unter anderem der Brite Mo Farah profitierte von der US-amerikanischen Medaillenschmiede und gewann auch dank des Trainings in Oregon bei den Olympischen Spielen in London und Rio über 5000 und 10.000 Meter.

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Das deutsche Jahrhunderttalent Klosterhalfen hofft auch einen ähnlichen Sprung. Sie trainiert jetzt auf einem Campus, auf dem alles auf die Läufer und ihre Entwicklung ausgerichtet ist. Geld, das in der Leichtathletik in Deutschland nicht sehr zäh fließt, spielt hier kaum eine Rolle. Und Klosterhalfen trainiert mit der besten Konkurrenz weltweit, zum Beispiel mit der Weltklasseläuferin Sifan Hassan aus den Niederlanden, mit der die Deutsche dieses Jahr in Rennen erstmals mithalten konnte.

Ihren Leistungssprung in Berlin erklärt sie sich demnach wie folgt: "In den USA kann ich jetzt auch einem höheren Niveau trainieren, der Schritt dorthin war auf jeden Fall der richtige." Das Training dort sei "intensiver und von der Struktur her schlauer", man sei „Umgeben von Weltathleten und Weltcoaches mit viel Erfahrung“ und auch die "Maßnahmen für die Regeneration sind auf einem anderen Niveau." Boxtraining sei zum Beispiel ein Teil des speziellen Trainings vor Ort, "meine Finger waren sogar blau vom Schlagen". Viel mehr trainiere sie nicht, dafür aber "schneller." Überhaupt: Die ganzen Einrichtungen dort seien "atemberaubend."

Der Chefcoach ein Betrüger?

Klosterhalfens Schritt ergab Sinn und war logisch. Rosig ist in der Karriereentwicklung der Mittelstreckenläuferin trotzdem nicht alles. Denn um das Oregon Project ranken sich hartnäckige Doping-Gerüchte und die Trainingsmethoden der Laufgruppe in den USA sollen nicht ganz koscher sein. Das Problem hat auch einen Namen: Chefcoach Alberto Salazar, dreifacher Gewinner des New York Marathons. Bereits Salazars eigene Erfolge wurden kritisch beäugt, als Trainer wurde ihm immer wieder Testosterondoping vorgeworfen. Einige Läufer warfen ihm vor, sie zur Einnahme von Schilddrüsenhormonen gezwungen zu haben, die bei Missbrauch Gesundheitsrisiken bergen. Ein Fehlverhalten konnte Salazar bisher aber noch nicht stichfest nachgewiesen werden. Dabei läuft gegen den Coach immer noch eine Untersuchung der US-Anti-Doping-Behörde USADA. Und selbst das FBI ermittelt in der Sache.

Dominanz befeuert Gerüchte

Blick zurück nach Berlin. "Wir erwarten ein schnelles Rennen", hatte Mittelstrecken-Bundestrainer Sebastian Weiß schon vor dem top besetzten Finale der Deutschen Meisterschaft mit Klosterhalfen und Alina Reh (SSV Ulm 1846), die dieses Jahr die WM-Norm von 15:22 Minuten schon dreimal unterbieten und mit 15:04,10 Minuten die beste deutsche Zeit in diesem Jahr laufen konnte. Weiß hatte jahrelang mit Klosterhalfen trainiert und hätte sie gerne in Deutschland gehalten. Auch sein ehemaliger Schützling präsentierte sich im Jahr 2019 in starker Form, Klosterhalfen verbesserte jüngst ihren deutschen 3000-Meter-Rekord - und lief doch aufgrund ihres neuen Engagements in Oregon auch bei den Finals unter Generalverdacht. Ihre enorme Dominanz wird die Gerüchte noch weiter anfeuern.

Dass sie das nervt, sie damit aber umgehen kann, äußerte sie bereits in Interviews. Klosterhalfen möchte lieber, dass die harte Arbeit im Oregon Project wertgeschätzt wird.  "Aber ich kann die Fragen schon verstehen. Die Leute, die sich dazu äußern, wissen ja nicht, wie genau es dort in Oregon abgeht, sie lesen auch nur die Schlagzeilen, die es gibt und da stehen eben meist die negativen im Vordergrund", sagt sie nach dem Rekordlauf. "Ich kann nur Positives berichten und mein Top-Ziel bleibt die WM in Doha." Doch wer Weltspitze sein will, darf sich von Kritik und Spekulationen nicht aus der Ruhe bringen lassen. Mit ihrem neuen Fabelrekord in Berlin hat Klosterhalfen bewiesen, dass sie trotz der negativen Kommentare Leistung bringen kann. Doch ein kleines Fragezeichen läuft mit der Ausnahmekönnerin jetzt immer mit. Daran wird sich Klosterhalfen auch nach ihrer unglaublichen Rekordnacht in Berlin gewöhnen müssen.

Quelle: n-tv.de

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