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"Das tiefe Loch kam nie" Kristina Vogel gewinnt ihr schwerstes Rennen

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Zweimal gewann sie bei Olympia, elfmal wurde sie Weltmeisterin. Nun findet Kristina Vogel neue Lebensaufgaben.

(Foto: REUTERS)

Seit dem 26. Juni 2018 ist im Leben von Kristina Vogel nichts mehr, wie es einmal war: Im Training stürzt die Bahnrad-Olympiasiegerin so schwer, dass sie nie mehr wird laufen können. Doch ein Jahr nach dem Unfall hat die Sportlerin längst wieder ins Leben zurückgefunden - und noch viel vor.

Die große Lust auf das Leben hat Kristina Vogel nie verloren. Im Rollstuhl änderte sich lediglich die Richtung. Ein Jahr liegt der 26. Juni 2018, der Tag, an dem die zweimalige Bahnrad-Olympiasiegerin im Training schwer verunglückte, inzwischen zurück.
Vieles hat sich durch ihre Querschnittslähmung verändert, manches ist schwieriger geworden, anderes erweist sich sogar als Zugewinn.

Hinter Vogel liegen zwölf Monate zwischen Trauer und Schmerz, hart erkämpften Fortschritten und neuem Mut. Kristina Vogel ist an etwas gewachsen, woran andere zerbrechen. "Im Krankenhaus haben mir alle gesagt, dass dieses tiefe Loch noch kommen muss", sagte Vogel. "Es kam nie."

Oft und ausführlich hat die 28-Jährige über ihren Schicksalsschlag berichtet. Vogel fuhr im Sommer 2018 auf der Betonbahn in Cottbus Sprints mit ihrer Teamkollegin Pauline Grabosch. Unzählige Runden hatte Vogel in all den Jahren gedreht, unzählige Kilometer spulte die elfmalige Weltmeisterin im Sattel ab. Doch dieses Mal geht etwas fürchterlich schief. Das Drama nimmt seinen Lauf.

Sie wird nie wieder laufen, nie wieder Radfahren

Bei voller Geschwindigkeit kollidiert Vogel mit einem niederländischen Fahrer. Ein Sturz, ein Knall - dann ist alles tiefschwarz. Erst nach einigen Momenten kommt Vogel zu sich. Ihr Teamkollege Max Levy hält ihre Hand, geschockt wie auch Vogel, die ihre Beine nicht mehr spürt. Ihr Rückenmark ist am siebten Brustwirbel durchtrennt. Sie wird nie wieder laufen, nie wieder Radfahren. Was folgt, sind die "härtesten Wochen meines Lebens", wie sie später berichtet.

Vogel lernt, Tränen zuzulassen. Rund ein halbes Jahr wird sie im Unfallkrankenhaus Berlin in der Reha verbringen. Nach und nach beginnt sie dabei zu verstehen, dass ihr neues Leben nicht weniger wertvoll und nicht weniger erfüllend sein muss als ihr bisheriges - nur eben anders. Die Sportlerin wird in den Monaten nach dem Unfall mit Ehrungen überhäuft, Talkshows reißen sich um einen Auftritt, der amerikanische Spielzeug-Konzern Mattel widmet ihr sogar eine eigene Barbie-Version.

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Motivation schöpft sie aber vor allem aus den Zeichen der Wertschätzung außerhalb des Rampenlichts. "Ich habe im Krankenhaus viele andere Menschen kennengelernt, die viel mehr mit ihrem Schicksal und der Situation gehadert haben. Ich habe es geschafft, sie 'mitzunehmen'. Viele waren auf einmal motiviert, haben mit mir Sport gemacht und das Rollstuhlfahren trainiert", sagte Vogel. Das Motivieren und Abbauen von Barrieren - im Alltag und in den Köpfen - ist zu einem der großen Anliegen Vogels geworden. "Ich will rausgehen und meine Handschrift in der Welt hinterlassen", sagt sie. Etwa in der Politik.

Vogel kämpft für barrierefreie Inklusion

Für die CDU zog sie bei der Kommunalwahl in Thüringen Ende Mai in den Stadtrat von Erfurt ein. Ihre Schwerpunkte: Sicherheit, Sport und barrierefreie Inklusion. Auch sonst wird ihr nicht langweilig. Für das ZDF wird Vogel bei Sport-Großereignissen als Bahnradexpertin tätig sein. Mit dem Leistungssport hat sie dagegen vorerst abgeschlossen. "Ich bin dankbar, dass ich es erleben durfte. Aber es ist schön, nicht mehr zu müssen", sagt Vogel, die eine paralympische Karriere bis auf Weiteres ausschließt.

Vogel will ihre neu gewonnene Freiheit auskosten. Sie fährt wieder selbstständig Auto, reist alleine im Flugzeug oder Zug. Sie plant zudem, ein Instrument zu erlernen, auch eine Übernachtung am Strand steht auf ihrer Wunschliste. Kristina Vogel verspürt große Lust auf das Leben.

Quelle: n-tv.de, Emanuel Reinke und Jan Mies, sid

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