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Im Wimbledon-Finale macht's puff Kyrgios kracht in den Selbstzerstörungsmodus

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Nick Kyrgios verlor urplötzlich wieder die Kontrolle über sich selbst und das Match.

(Foto: AP)

Nick Kyrgios spielt sich mit herausragenden Leistungen und seiner typischen Show auf dem Tenniscourt ins Finale von Wimbledon. Auch in das Duell mit Novak Djokovic startet der Australier stark, verliert dann aber wieder einmal die Kontrolle über sich selbst.

Nick Kyrgios hat seine (sehr spezielle) Sicht auf die Dinge. Natürlich hat er das. Sonst wäre Nick Kyrgios ja nicht Nick Kyrgios. Bei der Siegerehrung nach dem verlorenen Wimbledon-Finale gegen Novak Djokovic, er trug dabei eine rote Kappe und verletzte damit die heilige Kleidungsregel beim Rasen-Klassiker (Strafe!), bekannte er: "Ich habe das Gefühl, hätte ich diesen Grand Slam gewonnen, hätte mir etwas die Motivation gefehlt." Sein ganzes Leben sei ihm eingetrichtert worden, dass ein Triumph auf dem bedeutsamsten Rasen der Welt, "die ultimative Leistung" sei. Dennoch fokussiert zu bleiben, wäre sicher mühevoll geworden. Sagte der Australier.

Ein durchaus lustiger Satz war das. Denn die Sache mit dem Fokus ist ja eigentlich nicht seine. Der Mann mit dem monströsen Aufschlag, mit dem feinen Händchen und dem großen Spielwitz ist so anfällig für Nebenschauplätze auf dem Court wie kein Zweiter. Gegner wittert er überall. Auf den Tribünen, in seiner Box. Und in seinem Kopf. Es sind meist die größeren Gegner als der Kontrahent auf der anderen Seite. Denn Kyrgios ist mit einem Talent gesegnet, das ihn eigentlich zu einem der besten Spieler seiner Generation machen müsste.

"Er ist ein Tennis-Genie"

Wie gut er ist, das zeigte er im ersten Satz des Endspiels. Sein Aufschlag, eine Waffe. Seine Vorhand, ebenfalls. Djokovic fand nicht die richtigen Mittel, um sich zu wehren. Mit 6:4 ging der Durchgang an den Australier. "Man kann kein Match gegen Nick Kyrgios vorbereiten. Er ist ein Tennis-Genie", sagte Goran Ivanisevic, der Trainer von Djokovic, nach dem Sieg seines Schützlings. Kyrgios ist ein wahnsinniges Genie. Einen weiteren Beleg dafür gab es nach Satz eins, dann kippte das Duell. Und eigentlich weiß man nicht, warum. Kyrgios schaltete urplötzlich in einen emotionalen Gang, der sein Spiel vernichtete. Der "Spiegel" nannte es eine Art Selbstzerstörungsmodus. Der Wahnsinn hatte ihn wieder eingeholt. Statt wuchtiger Schläge gab es nur noch Wutanfälle. Gegen sich selbst, gegen seine Box und gegen eine Zuschauerin, die ihn stören würde und aussehe, "als hätte sie 700 Drinks gehabt". Kyrgios' Auftritt wurde zu einer wilden Tirade.

Der "Bad Boy" war wieder da. Der Rüpel, der nicht in die feine Welt des Rasen-Klassikers passen will. Der immer wieder an sich selbst scheitert. An den Dämonen seiner Vergangenheit. Mit Selbstmordgedanken. Mit Drogenkonsum. Sein ehemaliger Manager John Morris glaubt, dass der 27-Jährige das rüpelhafte Image ganz bewusst einsetzt - und eigentlich ein netter, sensibler Junge ist. "In vielerlei Hinsicht ist das sein Alter Ego für die Bühne", sagte er dem "Sydney Morning Herald" und befand: "Aber er schützt sich auch damit." Aber wovor? Diese Frage blieb unbeantwortet. Klar ist nur: Nicht immer hilft ihm die ungehobelte Seite seines Charakters.

Wann spielt Djokovic wieder einen Grand Slam?

Djokovic nahm das gelassen hin. Er hatte das Spiel nun unter Kontrolle, auch weil sein Gegenüber eben außer Kontrolle war. So ging das Duell seinen Weg. Der Serbe holte sich nach 3:01 Stunden auf dem Centre Court, auf dem er seit 2013 kein Duell mehr verloren hat, den siebten Triumph beim Rasenklassiker. Er hat jetzt genauso viele London-Titel wie sein Kindheitsidol Pete Sampras aus den USA. Zu Rekordmann Roger Federer fehlt ihm noch ein weiterer Erfolg. Vielleicht noch wichtiger für den 35-Jährigen: Beim Kampf um die Grand-Slam-Krone (meiste Titel aller Zeiten) holte er auf, liegt mit 21 Siegen nur noch einen hinter Rafael Nadal, der in Wimbledon vor dem Halbfinale gegen Kyrgios aufgeben musste.

Ob und wann Djokovic den Spanier einholt, das ist völlig offen. Die US Open (ab Ende August) wird er vermutlich verpassen, er verweigert weiter die Impfung gegen das Coronavirus und darf somit eigentlich nicht einreisen. Ob er dann bei den Australian Open Anfang 2023 starten darf, auch das scheint nicht sicher. In diesem Jahr lieferte er sich einen verstörenden Einreisestreit mit den Behörden, der ihn im Land und in großen Teilen der Tenniswelt (fanseitig) zur Persona noch grata machte. Er wurde stattdessen zur Symbolfigur der die Gesellschaft spaltenden Pandemie-Konfliktlinie.

"Er ist ein bisschen wie ein Gott"

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Die ist für viele auch Kyrgios. Kaum ein Spieler spaltet mit seiner Art die Tennisszene. Die einen bewundern ihn für sein Talent und seine Show. Die anderen verteufeln ihn für seine ungehobelte und unverschämte Art. "Du hast gezeigt, dass Du einer der besten Spieler der Welt bist", sagte der Serbe: "Ich respektiere Dich sehr und hätte nie gedacht, dass ich so viele nette Dinge über Dich sagen werde." In der Vergangenheit hatte der Serbe mehrfach Pöbeleien des Australiers erdulden müssen, ehe er ihm im Impfstreit in seiner Heimat zur Seite sprang und dann eine "Bromance" ausrief, eine Männerfreundschaft. So fand auch Kyrgios schmeichelnde Worte für seinen neuen Kumpel. "Er ist ein bisschen wie ein Gott", sagte er: "Selbst wenn Du den ersten Satz gewinnst, fühlt es sich so an, als müsstest Du den Mount Everest erklimmen."

Wie es für Kyrgios weitergeht, der in der Weltrangliste nur auf Rang 45 gelistet ist? Niemand weiß es. Niemand kann es wissen. Denn nichts ist schwieriger, als den Weg des Australiers zu prognostizieren. Er selbst sagt: "Ich kann noch eine Menge in meinem Spiel verbessern, nicht nur die Gelassenheit. Mein Vorhand-Return muss besser werden, daran arbeite ich viel. Man kann immer stärker werden, immer fitter." Der Glaube an die eigene Stärke, mit dem sein Gegner das Finale souverän an sich gerissen hatte, komme aber nur mit Erfahrung, findet Kyrgios. "Das Wimbledon-Finale habe ich schon mal eingesammelt." Und dem eigenen Bekunden zufolge ja auch noch Motivation ...

Quelle: ntv.de

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