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Ex-UFC-Fighter Peter Sobotta "MMA ist die Königsdisziplin im Kampfsport"

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Peter Sobotta im Kampf gegen Leon Edwards

(Foto: imago/PRiME Media Images)

Mixed-Martial-Arts wird trotz der späten Übertragungszeiten auch in Deutschland immer beliebter. Der deutsche MMA-Kämpfer Peter Sobotta tritt jahrelang im Weltergewicht in der Elitepromotion UFC an. Im Sommer 2020 beendet der 34-Jährige seine Karriere und betreibt nun eine Schule für Kampfsport. Im Interview mit ntv.de erklärt er, was die Faszination MMA ausmacht, warum die UFC in der Corona-Pandemie eine Vorreiterrolle hat und was Kinder im Kampfsport lernen.

ntv.de: Mixed-Martial-Arts erfährt gerade einen richtigen Hype, angefeuert durch die UFC. Sie betreiben den Sport seit Jahren. Was hat sich verändert?

Peter Sobotta: Der Sport ist in Deutschland verglichen mit anderen Ländern weit hinterher, aber es geht auf jeden Fall in großen Schritten vorwärts. Und die UFC hat sich zu einer Major League entwickelt - vergleichbar mit der NBA. Das betrifft auch den Output, den sie haben. Mittlerweile gibt es jede Woche eine Veranstaltung. Als ich 2009 in der UFC angefangen habe, gab es alle sechs bis acht Wochen eine Veranstaltung. Jetzt wirkt es wie ein richtiger Ligabetrieb und hat ein ganz anderes Level erreicht.

Als Kämpfer stehen Sie zwar nicht mehr aktiv im Ring, MMA bestimmt aber weiterhin Ihren Alltag. Hat sich Ihr Blick auf Mixed-Martial-Arts nach der Niederlage gegen Alex Oliveira und dem darauffolgenden Karriereende verändert?

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Peter Sobotta kommt in seiner MMA-Karriere auf 25 Profikämpfe - 17 davon konnte er für sich entscheiden.

(Foto: imago/Bildbyran)

Nein, nicht wirklich. Ich bin immer noch aktiv in diesem Sport und werde das auch bleiben, weil meine ganze Lebensgrundlage darauf basiert. Ich bin seit Ewigkeiten Kämpfer, habe aber parallel dazu einen Gym aufgebaut. Vor über 10 Jahren habe ich damit angefangen und jetzt habe ich eine der größten Kampfsportschulen in Deutschland, bin Trainer von einigen der besten Kämpfer in Deutschland. Eine Kampfsportveranstaltung habe ich auch schon organisiert. Bei mir dreht sich alles ein bisschen um MMA.

Wie sieht Ihre Rolle als Trainer aus? Sind Sie der erfahrene Veteran, der sein Wissen weitergibt oder gibt es einen strukturellen Aufbau?

Ich mache es ja schon eine ganze Weile und es hat sich in den Jahren ein bisschen geändert. Ich bin einer der Pioniere hier in diesem Land und als als ich angefangen habe, gab es diesen Sport hier in dieser Form noch nicht. Dementsprechend gab es auch keine richtigen MMA-Trainer. Das war eher ein zusammengewürfelter Haufen aus Kampfsportlern unterschiedlicher Disziplinen. Und wir haben uns alle ein bisschen gegenseitig trainiert. Damals war ich halt so der Bodenkampf-Experte, weil ich einfach einen Background im Judo hatte. Jetzt, wo ich quasi nur Trainer bin, baue ich das ganz anders auf. Also mit sehr viel mehr Struktur. Ich leite zwar die Trainingseinheiten, aber ich schaue auch nach Kraft - und Konditionstraining. Ich bin da nicht der einzige, ein Kämpfer hat mittlerweile mehrere Trainer. Ich bin sozusagen der Chefcoach. Aber bei uns im Gym haben wir einen Box-Trainer, der mit den Jungs dann eben nur am Boxen arbeitet. Genauso haben wir Trainer, die sich um Kraft und Kondition kümmern.

Und wie würden Sie jetzt beschreiben, was die Faszination MMA im Gesamten ausmacht? Wie könnte man ein Kind oder einen Jugendlichen überzeugen: Komm doch ins Gym zum MMA, es muss nicht immer Fußball sein.

Das muss man differenziert betrachten. MMA - das ist einfach die Königsdisziplin des Kampfsports. Es vermischt alle Kampfsportarten miteinander. Und dementsprechend ist der beste MMA-Kämpfer auch der beste Kämpfer der Welt. Das ist einfach so. Ich respektiere natürlich alle Kampfsportler. Aber ein Boxer ist beschränkt auf seine Fäuste. Er kann nicht treten, er kann nicht ringen, er kann nicht am Boden kämpfen. Und dieser Gedanke "Wer ist wirklich der beste Kämpfer?" hat mich halt schon immer fasziniert. Bei MMA muss man alles beherrschen. Es ist so ein bisschen wie der Zehnkampf in der Leichtathletik. Und dadurch, dass der Sport so vielseitig ist, ist er eben auch super spannend. Man weiß wirklich sehr häufig nicht, was passiert. Favoriten verlieren ihre Kämpfe, so wie man es jetzt bei Conor McGregor gegen Dustin Poirier gesehen hat. McGregor war der haushohe Favorit und Poirier haut ihn nach zwei Minuten k.o.. Das ist keine Seltenheit. Es passieren einfach unvorhersehbare Dinge. Und die UFC macht natürlich auch einen hervorragenden Job und vermarktet den Sport auf einem hohem Level.

Aber diese professionelle Schiene hat für Kinder gar keine Bedeutung. Da geht es erst einmal darum, ein gutes Workout zu haben. Also ein gutes Training für die Kinder, was nicht nur aus Schlagen und Treten besteht, sondern aus Kraft- und Konditionstraining - mit Fokus auf den körperlichen Attributen. Kinder lernen dabei, respektvoll mit ihren Trainingspartnern und ihren Gegnern umzugehen. Man lernt zu gewinnen, aber man lernt auch zu verlieren. Es schult den Charakter. Und darum geht's bei den Jugendlichen und Kindern. Nebenbei bauen wir Fähigkeiten auf, damit sie im späteren Alter eventuell auch Wettkämpfer werden können.

Das findet aber durch Corona eigentlich nicht statt, oder? Also nochmal: Ihr Gym ist zu.

Mein Gym ist für die normalen Mitglieder geschlossen. Allerdings haben wir hier ein Profiteam mit Wettkämpfern, die auch weiterhin kämpfen. Es finden ja noch Fights statt, nicht nur in der UFC, auch in kleineren Ligen - in Deutschland aber weniger. Vorwiegend in Osteuropa haben unsere Kämpfer noch die Möglichkeit anzutreten. Natürlich müssen wir da auch schauen, dass es immer nur in kleinen Gruppen ist, mit so wenig Kontakten wie möglich.

Da bleibt für Sie quasi nur das Coaching? Welchen Einfluss hat Corona? Ist es für Sie jetzt genauso problematisch wie für ein normales Fitnessstudio oder größere Ketten?

Wir sind nicht so hart davon betroffen, wie ein normales Fitnessstudio. Wobei wir natürlich schon auch hart getroffen sind. Wir sind seit November geschlossen und das Gym finanziert sich zum Großteil aus den Mitgliedsbeiträgen von Hobbysportlern. Das macht einfach die große, große Menge aus. Wir haben hier ein paar Profis. Aber bis ein Profi-Kämpfer mal so viel Geld verdient - und wir nehmen als Trainer nur einen kleinen prozentualen Teil von seiner Gage - und auf dieses Level kommt, wo es wirklich finanziell interessant wird, ist es ein sehr langer Weg und die wenigsten schaffen das. Ich persönlich bin breit aufgestellt. Das Gym ist nur eine Sache, die ich mache. Ich bin noch als Experte und Kommentator bei DAZN tätig und habe noch verschiedene Kooperationen im Eventbereich.

Bei den vielen verschiedenen Disziplinen, die MMA vereint, spielt die Psychologie eine große Rolle. Fights, bei denen zwei Kampfsportler einfach wild aufeinander losgehen, gibt es eher selten.

Der taktische Aspekt ist sehr, sehr wichtig. Man muss sich das so vorstellen: Auf dem Level kann jeder alles relativ gut. Aber trotzdem gibt's Experten. Und wenn du weißt, ein Khabib Nurmagomedov ist ein weltklasse Boden-Kämpfer und ein Weltklasse-Ringer, dann wirst du natürlich probieren, diese Situationen zu vermeiden. Du willst mit ihm nicht ringen. Du willst mit ihm nicht in den Bodenkampf, weil er da wahrscheinlich besser sein wird als du. Deshalb willst du eben lieber im Stand dagegenhalten. Und dann solltest du darauf trainieren und auch mit so einem Gameplan in den Kampf gehen. Möglichst oft deine Stärken ausspielen und möglichst oft die Stärken von deinem Gegner unterbinden. Das ist ein psychologischer, aber eben auch ein technischer und ein taktischer Aspekt.

Das Thema Kondition hatten Sie bereits mehrfach erwähnt. Die Amerikaner sprechen bei den Kämpfen gerne vom "gas tank". Verbraucht das Ringen da nicht mehr an Kondition?

Das kommt ein bisschen darauf an, wie du trainiert bist. Aber wenn der Typ Boxer einmal ein bisschen ringt, werden danach seine Arme wahrscheinlich müde sein und er ist nicht mehr so schnell. Pauschal würde ich schon sagen, dass das Ringen und der Clinch, dieses mürbe Gezerre, am anstrengendsten ist.

Welcher Trainingsansatz ist dann besser? Muss man als MMA-Kämpfer seine Stärken weiter verstärken oder geht es darum, die Schwächen auszumerzen?

Du brauchst beides. Du brauchst deine starken Waffen, mit denen du sozusagen dem Kampf deinen Stempel aufdrücken kannst und mit denen du den Kampf auch idealerweise vorzeitig entscheiden kann. Das ist ja auch das, was die UFC-Fans sehen wollen. Gleichzeitig musst du nach und nach deine Schwächen ausmerzen, weil auf dem Weg nach oben werden die Leute immer stärker und deine Schwächen werden bestraft. Je weniger Schwächen du hast, desto weiter wirst du hochkommen. Es ist ein kontinuierlicher Prozess und ein guter Kämpfer arbeitet immer an allem.

Ich war 17 Jahre aktiver Kämpfer. Da habe ich den Fokus immer wieder mal auf andere Sachen gelegt. In den letzten zwei Jahren habe ich verstärkt Boxen trainiert, weil es ein bisschen meine Schwäche war. Was aber nicht heißt, dass ich die anderen Bereiche dann gar nicht mehr trainiert habe. Wenige Wochen vor dem Kampf hängt das Training ganz stark vom Gegner ab.

Sie hatten zwei Anläufe in der UFC 2010. Da sind Sie mit drei Niederlagen gestartet und dann war's auch schon wieder vorbei.

Als ich das erste Mal bei der UFC unterschrieben habe, muss ich einfach rückblickend sagen: Ich war damals nicht so weit. Ich hatte 2009 ein gutes Jahr auf lokalen Veranstaltungen - und in diesem Jahr kam die UFC das erste Mal nach Deutschland. Für die Veranstaltung in Köln wollten sie auch deutsche Kämpfer präsentieren. Ich hatte eine kleine Siegesserie mit vorzeitigen Entscheidungen. Die anderen Jungs, die eigentlich besser und auch erfahrener waren, haben alle irgendwie verloren. Und so bin ich da reingerutscht. Ich war damals noch Azubi bei der Telekom und plötzlich lag der UFC-Vertrag auf dem Tisch. Da hab ich gesagt: Na klar bin ich dabei. Dann habe ich dreimal verloren, weil ich einfach nicht gut genug war. Danach gab es zwei Optionen: Entweder ich gebe auf oder ich mache weiter, um auf dieses Level zu kommen.

Sie waren damals 21 Jahre alt. Gab es da tatsächlich den Gedanken, die Karriere bereits zu beenden? Immerhin kamen Sie 2014 wieder zurück in die UFC.

Es gibt in der ganzen Geschichte der UFC nur zwei europäische Kämpfer, die jemals ein erfolgreiches Comeback in der UFC hatten. Und einer davon bin ich. Bei europäischen Kämpfern ist es extrem selten, dass sie überhaupt nochmal eine zweite Chance in der UFC bekommen. Das wusste ich damals schon. Es war für mich eine grundsätzliche Lebensentscheidung, was ich jetzt mit meinem Leben anfangen soll. Ich hatte viele Möglichkeiten und viele Optionen, aber habe mich dann für meine Leidenschaft zu MMA entschieden.

Sind Sie rückblickend mit der Karriere zufrieden?

Ich bin stolz auf das, was ich geleistet habe. Vor allem wenn man die Umstände bedenkt. Ich bin nicht in irgendeinem großen Team in den USA trainiert und hochgezüchtet worden, sondern ich habe mit 16 angefangen, meine ersten Fights zu machen. Ich bin einer der Pioniere und musste eben diese Pioniersarbeit leisten. Ich konnte eben nicht so schnelle Fortschritte machen wie jemand, der in einem Land groß wird, wo der Sport einfach den größten Stellenwert hat. Aber natürlich hätte ich es gerne weiter geschafft. Natürlich wäre ich gerne Champion geworden und wäre der Beste in meiner Gewichtsklasse. Mit den Ambitionen bin ich gestartet.

Ihren letzten Kampf haben Sie auf Fight Island bestritten. Sozusagen in der eigens von der UFC geschaffenen Corona-Bubble in Abu Dhabi. Wie haben Sie die Zeit dort erlebt?

Die UFC hat da einen phänomenalen Job gemacht. Sie waren einer der ersten, die überhaupt wieder Sport gemacht haben, mit der Herausforderung, Kämpfer aus aller Welt dafür zusammen zu bekommen. Das haben sie erfolgreich gemacht und gezeigt, wie es gehen kann. Sie haben regelmäßig Veranstaltungen abgehalten und es gab keine Superspreading-Events. Und bei Fight Island haben sie keine Kosten und Mühen gescheut. Einen sicheren Ort als Fight Island gibt es glaube ich nicht. Man geht durch zwei Quarantäne-Stationen, eine in London, eine in Abu Dhabi. Das Hotel ist zwar wie ein 5-Sterne-Gefängnis, weil man isoliert ist. Aber du kannst schon an den Strand oder Golf spielen, ich war zehn Tage da und mir ist jetzt nicht langweilig geworden.

Mit 34 Jahren gehören Sie aber noch nicht zum alten Eisen. Was waren die Gründe für das Karriereende?

Es gab natürlich viele Verletzungen. Ich habe zweieinhalb Jahre nicht gekämpft, weil ich mir die Hand und einen Wirbel gebrochen habe. In der Zeit sind meine zwei Kinder zur Welt gekommen und es hat sich so viel getan, dass es eine Vernunftentscheidung war, zu sagen: So jetzt, jetzt ist der richtige Zeitpunkt um auszusteigen. Es bleibt ein harter und gefährlicher Sport. Wenn man Verantwortung für eine Familie hat, dann überlegt man sich zweimal, ob man nochmal ins Octagon steigt.

Mit Peter Sobotta sprach Michael Bauer

Quelle: ntv.de