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Saubere Tour de France? Mafiöse Doping-Szene schützt Radstars

Tour de France 2018

Wer ist sauber, wer hat nachgeholfen? Das Hauptfeld während der Tour de France 2018.

(Foto: imago/Belga)

Immer wieder erschüttern positive Dopingtests den Radsport. Bei der Tour de France ist es dagegen seit Jahren erstaunlich ruhig. Ein Erfolg im Anti-Doping-Kampf? Wohl kaum, wie Experten und Ex-Profis kurz vor dem Start der 106. Frankreich-Rundfahrt sagen.

Der letzte schwerwiegende Dopingfall bei der Tour de France liegt schon sieben Jahre zurück. Eine halbe Ewigkeit im Vergleich zu Zeiten, als die Skandale nahezu täglich das französische National-Heiligtum erschütterten. Alles sauber also inzwischen bei der zugkräftigsten Veranstaltung des Radsport-Kalenders? Mitnichten.

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Stefan Schumacher trug bei der Tour de France im Jahr 2008 zwei Tage lang das Gelbe Trikot des Gesamtführenden.

(Foto: imago sportfotodienst)

Das ist jedenfalls die Meinung von Experten wie Fritz Sörgel oder geständigen Dopingsündern wie Stefan Schumacher und Jörg Jaksche. Sie verweisen auf die "Operation Aderlass" bei der Nordischen Ski-WM in Seefeld, die auch in den Radsport ausstrahlte und neue Dopingbetrüger auf zwei Rädern entlarvte. "Die aktuellen Ereignisse mit zahlreichen Dopingfällen im Radsport, aber auch anderen Sportarten zeigen, dass sich nicht wirklich etwas geändert hat. Es trifft komischerweise hauptsächlich Leute aus der zweiten Reihe und so gut wie nie bei den großen Rennen wie der Tour", sagte Schumacher vor dem Start der 106. Frankreich-Rundfahrt.

Ähnlich sieht es Jörg Jaksche. "Es wird fast so schnell gefahren wie zu den Doping-Hochzeiten. Die Athleten greifen immer noch dazu. Weil es gewollt ist und weil es erwartet wird", erklärte der Doping-Kronzeuge in der TV-Sendung "Sport im Osten" des "MDR".

Selten erwischt es die Stars

Die geringere Anzahl an Dopingfällen ist für Fachmann Sörgel eher ein Anzeichen, dass sich die Szene professionalisiert hat. "Wenn die Zahl der Tests erhöht oder intelligent getestet wird, dann trifft es die ohne mafiösen Schutz", sagte der Pharmakologe. Die Fahrer aus der zweiten und dritten Kategorie seien "bedauernswerte Personen in dem Millionenspiel und dienen dazu für das 'Schau her, die Dopingverfolgung funktioniert'."

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Hoffnungsträger: Nils Politt.

(Foto: imago images / Mario Stiehl International)

So sind im Erfurter Blutdopingskandal um den Arzt Mark S. große Namen bislang ausgeblieben. Die Österreicher Georg Preidler und Stefan Denifl, die inzwischen für vier Jahre gesperrt wurden, gehörten eher der Kategorie "Helfer" an. Und die früheren Topsprinter Danilo Hondo und Alessandro Petacchi befanden sich in den letzten Zügen ihrer Karriere, als sie Dopingkunde gewesen sein sollen.

Aufgewirbelt hat es die Branche gleichwohl. "Das war natürlich ein Riesenschock, dass es noch so etwas gibt", sagt Nils Politt, der zu den hoffnungsvollen Jungstars im deutschen Radsport zählt und eine strikte Anti-Doping-Haltung vertritt: "Ich fand es gut, dass es aufgeflogen ist. Was der Arzt da getrieben hat, war einfach unglaublich. Daher hoffe ich, dass, wenn es noch mehr Namen gibt, diese auch an die Öffentlichkeit kommen."

Vor der Tour ab in die Versenkung

An die Öffentlichkeit gekommen ist der Fall durch das Eingreifen der staatlichen Ermittler. Darin sieht Sörgel auch die Zukunft. Es müssten von der Verfolgerseite Grenzen überschritten werden, sagt Sörgel. Er ist verwundert, dass es vielen Radprofis wochenlang vor der Tour "möglich ist, sozusagen in den Funkschatten zu verschwinden, unerreichbar, optimal abgeschirmt".

Die Wochen vor der Tour sind für die Fahnder die entscheidende Phase. Ist das Rennen erstmal gestartet, wird kaum ein Profi mehr erwischt. Der letzte Dopingsünder bei der Tour war der Italiener Luca Paolini 2015 - jedoch wegen Kokainmissbrauchs. Davor flog der Luxemburger Fränk Schleck 2012 auf.

Dabei sind die Kontrollen immer besser geworden. Und jüngst ist es dem Labor im französischen Châtenay-Malabry gelungen, Mikrodosierungen von Epo bis zu 48 statt wie bisher 24 Stunden nach der Einnahme festzustellen. Und dann wäre da noch der Biologische Pass. Über Sinn und Unsinn des Instruments streiten sich die Experten. Der dänische Ex-Doper Michael Rasmussen konnte jedenfalls aufzeigen, dass seine Werte trotz Dopings nicht verdächtig waren.

Kleine überführt, Große beschützt?

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Viermal Toursieger, einmal trotz positiven Tests freigesprochen: Chris Froome.

(Foto: imago images / Sirotti)

"Ich glaube nicht, dass der Blutpass nur ein PR-Gag ist", sagt Politt. Der deutsche Meister Maximilian Schachmann ergänzte: "Ob dieses Vorgehen total lückenlos ist oder abschreckend wirkt, kann ich nicht genau sagen. Aber zumindest schließt es Vorgänge aus, die es früher gab."

Das sieht auch der Weltverband UCI so und überführte Juan José Cobo wegen verdächtiger Werte aus dem Jahr 2011. Der Spanier bekam den Vuelta-Sieg aberkannt, Nutznießer ist der damalige Zweite Chris Froome, was für Schumacher eine "Farce" ist: "Solange weiterhin bestimmte Leute zum Bauernopfer gemacht werden, während andere protegiert werden, hat das nichts mit glaubwürdigem Anti-Dopingkampf zu tun."

Quelle: n-tv.de, tsi/dpa

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