Sport

Empörte Männerwelt Mehr Kommentatorinnen, bitte!

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Claudia Neumann kommentiert für das ZDF.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das ZDF hat Claudia Neumann – jawoll, eine Frau! – ein Hammerspiel der Champions League kommentieren lassen. Mutig und definitiv richtig.

Sie kennen doch bestimmt Kleopatra VII., Jeanne d'Arc, Maria Stuart, Katharina II. die Große und Florence Nightingale. Lauter Frauen, die in die Geschichte eingegangen sind. Und kennen Sie Claudia Neumann? Ja? Nein? Müssten Sie aber. Denn über sie hieß es bei der Fußball-Europameisterschaft 2016 in deutschen Medien: "ZDF-Sportreporterin Claudia Neumann sorgte bei der EM für einen historischen Moment. Als erste Frau kommentierte sie ein Spiel bei den Männern."

Man kann sich also gut vorstellen, wie Kinder im Jahr 2050 in der Schule lernen (müssen), wer Claudia Neumann aus Düren in Nordrhein-Westfalen war. Ja, liebe Schüler, sie hat nicht nur als erste Frau ein Spiel bei der Fußball-EM der Männer in Frankreich live besprochen, sondern auch als erste Frau im deutschen Fernsehen ein Spiel der Champions League der Männer mit ihrer Stimme versehen.

Wow, die erste Frau, die… Wie cool ist das denn? Die Antwort: Null. Es ist – oder besser: sollte – stinknormal sein. Müsste man meinen. Aber nicht wenige Männer ertragen eine Fußball-Reporterin nicht und betrachten Neumann nach wie vor als Alien, der nicht in ihre (beschränkte) Herrenwelt passt, noch nicht mal in ihren Vorgarten.

"Gar nicht so übel für ein Weib"

Das ZDF sah sich ein paar Minuten nach dem Schlusspfiff der Partie Real Madrid vs. Paris Saint-Germain am Mittwochabend genötigt, auf seiner Facebook-Seite Zuschauer zur Mäßigung aufzurufen: "Wir verstehen, dass Fußball eine Sportart ist, die die Emotionen gerne hochkochen lässt. Aber Drohungen und Beleidigungen gegen unsere Reporterin Claudia Neumann können und werden wir nicht dulden! Bleibt bitte sachlich! Wir mussten der Netiquette entsprechend bereits einige Kommentare löschen. Danke!" Und an einen Daniel gerichtet: "Drohungen und Beleidigungen – auch anderen Usern gegenüber – können und werden wir nicht dulden!"

Führt man sich die EM 2016 vor Augen, ahnt man, was Daniel und Konsorten für Sprachmüll gepostet haben dürften. Damals schüttete ein Teil des männlichen Publikums in den (a)sozialen Medien über die ZDF-Frau kübelweise Hohn und Spott aus, bedachte sie mit plumpen, aggressiven und sexistischen Sprüchen, dass man sich in den 60er-Jahren wähnte. Der Sender machte einige wenige publik. "Hat die überhaupt ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?" Oder: "Zeit, Abendessen zu machen, liebe Frau." Dass derlei Sprüche mit Smileys versehen waren, machte die Sache nicht besser.

Immerhin: War es 2016 noch zu einem Shithurricane gekommen, war es Mittwochabend maximal ein Shitstorm. Zudem kritisierten und beurteilten viele Facebook-Nutzer Neumann als Reporterin und nicht als Frau. Neumann erhielt auch Lob. Allerdings schimmerte manches Mal der Gedanke durch: "Gar nicht mal so übel für ein Weib."

Gefangen im Neandertal

Leider befanden sich aber auch jede Menge Kommentare darunter, die vermuten lassen, dass in Neandertal nicht über die #Metoo-Debatte berichtet worden ist. Einige sogenannte User sprachen Neumann absurderweise per se das Recht ab, Fußballspiele mit Männern zu kommentieren – schlicht deshalb, weil sie eine Frau ist. Besonders gruselig wurde es, wenn der Zuschauer sein schräges Frauenbild in verlogenes Wertschätzungsgeschwafel packte. "Bei allem Respekt gegenüber der Dame, aber da gehört absolut keine Frau hin!!" Ein "Verpiss dich, Tussi!" höflich zu formulieren, macht es nicht weniger fies.

In solchen Debatten zeigt sich auch jedes Mal ein hohes Maß an Selbstgerechtigkeit und Anmaßung. Ungeachtet eklatanter Rechtschreibschwächen bescheinigen sich solche Klugscheißer, besser als Neumann zu sein, womit gemeint ist, in der gesellschaftlichen Hackordnung über ihr zu stehen. "Die sieht nichtmal dass das fast ein eigentor war. Es war nicht benzema." 

Bedenklich ist die Selbstüberschätzung, nicht nur über den Dingen zu stehen, sondern Sprecher einer (gefühlten) Mehrheit einer unterdrückten Masse zu sein. Das klingt dann so: Mit Neumann als Kommentatorin "tut ihr euch keinen gefallen (...) aber das ist euch eh egal wie fussballfans das beurteilen. Ihr fahrt euren stiefel und fertig." Oder das ZDF wird verdächtigt, seinen Bildungsauftrag falsch zu interpretieren. Man ahnt, was der Facebook-Schreiber mit seinem Gestammel zum Ausdruck bringen will, der da schreibt:  "jetzt instrumentalisieren sie beim ZDF schon den Fussball um genderecht umzuerziehen." Gender! Umerziehung! Böses ZDF! Böse Weltverschwörung!

Mehr Spiele bitte!

Krass auch, dass Männer Fußball über andere Sportarten stellen und der Meinung sind, dass deshalb (!) jene angeblich minderen körperlichen Ertüchtigungen für Neumann (sprich: Frau) als Reporterin in Frage kämen. "Die soll Wintersport kommentieren oder schlafen gehen." Das soll wohl heißen: Männer dürfen, können, müssen frauentypische Sportarten beurteilen, während Frauen das Maul halten sollen, wenn Männersport im Fernsehen läuft. Nach dieser Sichtweise muss auch verurteilt werden, wenn Frau Mann nachzueifern trachtet. Ein Kommentar auf der ZDF-Facebookseite beklagte sich, es sei "anstrengend", dass Neumann "versucht, wie ein Mann zu klingen“.

Ganz klar: Man darf Claudia Neumann ​sachlich kritisieren, so wie auch ihre männliche Kollegen gescholten werden dürfen, wenn sie Quatsch reden. Neumann und das ZDF aber aus der Grundhaltung heraus zu attackieren, dass Frauen an die Wiege oder den Herd gehörten und nicht an den Rand eines Fußballspiels, ist ein nicht hinnehmbares Unding. Und solange es Männer gibt, die solchen Quark reden, tut das ZDF gut daran, Neumann weiter absolute Spitzenspiele des Herren(welt)fußballs kommentieren zu lassen. Das bringt vermutlich mehr als jeder Aufschrei und jede schwarze Designer-Klamotte auf Hollywood-Galas.

Sollten die Sender verstärkt auf Kommentatorinnen setzen? Diskutieren Sie auf der Facebook-Seite von ntv Sport.

Quelle: ntv.de

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