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Frauenrugby in Deutschland "Mit einhundert Prozent umrotzen"

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"Ich bin rechts dabei", Anne Lormis unterstützt ihre Mitspielerin im Spiel gegen die British Army.

Anne Lormis spielt für die deutsche Nationalmannschaft - im Rugby. Vierzehn Jahre hat die Eventmanagerin fast alles diesem Sport untergeordnet. Es ist die Liebe zu harten Tackles und die Sucht nach Erfolg - warum die Potsdamerin noch lange nicht ans Aufhören denkt.

Anne Lormis heizt im Vollspeed über den Rasen, beugt ihren Oberkörper nach vorne. Sie hat die Oberschenkel der ebenfalls sprintenden Gegnerin im Visier. Lormis springt ab. Ihre Arme umschlingen die Beine der Ballträgerin, die Schultern geben den letzten Impuls und sorgen für den Knall. "Umrotzen", so nennt Lormis das, "mit einhundert Prozent". Um im Rugby die Gegnerin zu stoppen und anschließend den Ball zu erobern, muss man genau das: umrotzen, tackeln, also den Gegner zu Boden bringen.

Rugby in Deutschland

Der Deutsche Rugby-Verband hat 16.000 Mitglieder. Die Männer spielen in der 1. und 2. Bundesliga, sowie in den Regionalligen 15er Rugby. Knapp 2000 Frauen treten in einer 15er-Bundesliga und einer 7er-Liga an, ohne Auf- und Abstiegsmöglichkeiten. Auf der Website des Verbandes sind alle deutschen Vereine aufgelistet.

Hier auf dem Trainingsplatz des USV Potsdam neben dem Schloss Sanssouci und der Universität knallt es heute öfter, 15 Frauen rasen an einem Montagabend in kurzen Hosen und Trikot über den Rasen. Auch Lormis wird von ihrer Mitspielerin getackelt, knallt auf den Boden und sagt: "Ja, das war sehr gut!" Lormis' verdreckte Hose war Mal weiß.

Das Umrotzen muss trainiert werden. Damit hat die 36 Jahre alte Potsdamerin genau auf diesem Platz begonnen, vor 14 Jahren. Den Sport hat sie jedoch schon viel früher kennengelernt. Nachdem sie im Abitur eine Freistunde mit einem Klassenkameraden verbrachte und ihn nach seinem Hobby fragte, fing er an von Rugby zu erzählen, "es sprudelte nur so aus ihm heraus", erinnert sich Lormis. Sie wurde neugierig, begleitete ihm zum Spiel, war angefixt. Heimspiele der Herrenmannschaft, Auswärtsfahrten, Trainingslager der Jugend - Lormis war dabei, als Fan oder Betreuerin, sechs Jahre lang. Sie lernte schnell, was ein gutes Tackle ist.

Teil einer großen Rugby-Familie

Ohne Rugby selber zu spielen, war die heutige Eventmanagerin glücklich, Teil dieses Vereins, dieser "Rugby-Familie" zu sein. Zu Beginn war es "die soziale Komponente, die waren alle so integrativ, es war egal, ob du nur Zuschauer warst. Wir wurden sofort alle besten Freunde." Die Frauenmannschaft des USV Potsdam hat vergeblich versucht Lormis zu rekrutieren, aber Volleyball hatte ihr damals genügt - bis zu dem Tag im Strandbad.

Ein paar Jungs des USV trafen sich, um für ein Beach-Rugby-Turnier zu trainieren. Ein Spieler hatte für die Partie im Sand gefehlt, sie provozierten die damalige Studentin mitzumachen. Und, so Lormis, "ich hab mich natürlich provozieren lassen!" Sie tackelte einen zwei Meter großen Mann um, "danach war es um mich geschehen".

Wenn sie heute davon erzählt, sagt sie Dinge wie: "Ich hatte etwas gefunden, bei dem ich gar nicht wusste, dass es mir gefehlt hat." Und: "In den ersten zwei Wochen hatte sich meine Lunge im Training einmal von Innen komplett nach Außen gedreht". Die sechs Jahre als Zuschauerin hatten aber auch einen Vorteil: "Wie Rugby funktioniert, musste mir keiner mehr erklären."

Sieg beim allerersten Turnier

Zurück auf dem Sportgelände der Uni Potsdam: Lormis fällt auf beim Training, nicht nur durch ihr neongrünes Trikot oder ihrer Körpergröße von 1,80 Meter, mit der sie alle überschaut. Beim Training ist sie die lauteste, die Spielerin, die am meisten spricht. Sie lobt ein gutes Tackle, schreit "hier, ich bin links", wenn sie den Ball im Spiel haben will, gibt den jüngeren Spielerinnen Tipps. Unermüdlich, 90 Minuten lang. Einmal gibt Lormis zu, dass sie nicht die beste Stepperin ist, also nicht so gut anderen Spielerinnen ausweichen kann und wirft danach einen 20 Meter langen, perfekten Pass.

Der USV Potsdam spielt in der deutschen 7er-Rugby-Liga. Auf einem Rasenplatz mit der Größe eines Fußballfeldes stehen sich sieben Spieler zweier Mannschaften gegenüber. Dabei ist es das Ziel, den ovalen Ball in der gegenüberliegenden Endzone, dem sogenannten Malfeld, abzulegen. Der Unterschied zum verwandten American Football liegt darin, dass man in die Richtung des Malfeldes läuft, aber den Ball nur nach hinten passen kann. Außerdem darf nur der Ballträger attackiert werden. Fällt das Rugby-Ei nach vorne, bilden drei Spielerinnen je Team ein sogenanntes Gedränge; geht der Ball ins Aus, wird er ebenfalls zu sechs Spielerinnen in eine Gasse eingeworfen.

In der 7er-Variante holte Lormis bei ihrem allerersten Rugby-Turnier, der deutschen Hochschulmeisterschaft, den Titel. "Das Gefühl war toll, dass musste ich wiederholen." Es gelang ihr mit dem Wechsel zum damals stärkeren Rugby Klub 03 Berlin: sieben Jahre in Folge blieben sie in der 7er Liga Ost ungeschlagen, 2011 holten sie den Deutschen Meister-Titel, "da hab ich zum ersten Mal wegen Rugby geweint". Bei internationalen Turnieren schlugen sie als Klubmannschaft die Nationalmannschaften aus Norwegen, Dänemark und dem Iran.

Sieg beim ersten Deutschlandspiel

Auf dem Uni-Sportgelände wird es immer dunkler, das Flutlicht funktioniert nur auf einer Seite des Platzes. Was bei den Potsdamerinnen noch auf dem Trainingsplan steht: Ein Trainingsspiel gegen das U16-Team der Jungs. Wieder ist es die Nationalspielerin die heraussticht. Nach nur wenigen Minuten gelingt es ihr die Verteidigungswand der Jungs zu durchbrechen, ihr Trainer und die Spielerinnen am Seitenrand feuern sie laut an. Wenn Lormis rennt, dann breitet sich die Körperspannung bis in die Fingerspitzen aus, die Hände sind gestreckt, die Finger eng zusammen. Ihre Mitspielerinnen sprechen vom "Luft durchschneiden". Es ist so etwas wie Lormis' Wiedererkennungsmerkmal. Ihr Durchbruch ist erfolgreich, die Nationalspielerin legt den 'Versuch' - das heißt, sie legt den Ball in der Endzone ab und holt die ersten fünf Punkte für ihre Mannschaft.

Anne Lormis spielt für die Rugby-Nationalmannschaft

Anne Lormis spielt für die Rugby-Nationalmannschaft

(Foto: Fernando Fath)

Manche ihrer Mitspielerinnen sind extrem gute Tacklerinnen, andere haben eine extrem gute Spielübersicht, Lormis ist gut im Versuche legen. Das verhalf ihren Teams zu unzähligen Siegen und brachte sie in die 15er-Nationalmannschaft, die "Krönung meiner Karriere", schwärmt sie.

"Ich hatte die Hosen voll. Egal wie alt man ist, wenn man für sein Land auflaufen darf, dann wird man ganz klein mit Hut", sagt Lormis. Bei ihrem ersten Testspiel ging es für sie direkt gegen das Rugby-Mutterland, gegen die Mannschaft der British Army. Das ist so, als wenn die Deutsche Fußballnationalmannschaft gegen Österreich antritt. "Die Spielerinnen der Britisch Army waren ja alles Schränke!", erinnert sich Lormis. Trotzdem gewann Deutschland mit 78:5 und auf die Frage, ob sie in diesem Spiel einen Versuch gelegt hat, schallt ein lautes: "Na klar!"

"Solange noch kein Braten im Ofen ist"

Noch erfolgreicher als die olympische 7er-Variante füllt Rugby mit 15 Spielern pro Seite riesige Stadien in Rugby-Nationen wie Neuseeland, England oder Südafrika. Das Finale der Herren-Weltmeisterschaft vergangenen Jahres in Japan zwischen Südafrika und England sahen fast 45 Millionen Menschen weltweit. Die deutschen Frauen haben 1998 und 2002 an der Weltmeisterschaft teilgenommen, die Männer noch nie. Ende vergangenen Jahres hat der Deutsche Rugby-Verband (DRV) die Nationalmannschaft der Frauen aus finanziellen Gründen aus der Europameisterschaft zurückgezogen.

Lormis startete daraufhin zusammen mit anderen Nationalspielerinnen eine Crowdfunding-Aktion. Unter dem Motto 'Germany wants to play rugby' erreichten sie innerhalb von zwei Wochen das Ziel von 10.000 Euro und sammelten Geld für zwei Lehrgänge. Lormis möchte dafür sorgen, dass andere Frauen die gleichen tollen Erfahrungen machen können, die sie gemacht hat. "Andere Sportarten sind auch toll", sagt sie. Aber "Rugby ist nun mal zufälligerweise der tollste Sport der Welt."

Dafür ist sie zehn Jahre lang, mindestens zweimal pro Woche 90 Minuten von Potsdam nach Berlin zum Training gefahren. Zwei Jahrzehnte lang hat sie alles dem Sport untergeordnet, doch jetzt rückt die Familienplanung näher. Deswegen möchte sie diese Saison drauf verzichten mit der Regionalbahn zum RK03 Berlin zum Training zu fahren. So wie an diesem Montagabend, steigt sie in Zukunft lieber auf ihr rotes Cruiser-Bike und fährt zehn Minuten gemütlich durch Park Sanssouci nach Hause.

Trotzdem gilt weiterhin für sie, mit Potsdam nochmal alles geben und hoffentlich auch nochmal mit der Nationalmannschaft, "solange noch kein Braten im Ofen ist!"

Quelle: ntv.de