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Größte deutsche Sportlerkarriere Niederlagen schufen die Legende Nowitzki

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Goodbye, Mister Maverick.

(Foto: USA TODAY Sports)

Standing Ovations, Tränen, Lobeshymnen: Dirk Nowitzki tritt mit Festspielen von der Bühne ab. Der Würzburger feierte unglaubliche Erfolge - aber vor allem seine Niederlagen erklären, warum er in eine Reihe mit Max Schmeling, Steffi Graf und Michael Schumacher gehört.

Dirk Nowitzki sah aus, als hätte er ein Gespenst gesehen. Wie in Trance wankte er nach dem Schlusspfiff zur Bank, die Mitspieler jubelten, schlugen ihrem Superstar mit der Hand auf die Brust. Er hatte sie gerettet, die Chance auf die Meisterschaft 2011 gewahrt. Mit 15 Punkten hatten seine Mavs hier in Miami kurz vor Schluss zurückgelegen, das 0:2 in den Finals drohte. Doch Nowitzki ließ die Niederlage, ließ die gefühlte Vorentscheidung nicht zu. Nicht dieses Mal. Die Mavs drehten das Spiel, Nowitzki erzielte die letzten neun Punkte, er sorgte für das 1:1 in der Serie. Für den ersten Meilenstein auf dem Weg zum Titel.

Dirk Nowitzki sah an diesem Juni-Tag in Miami aus, als hätte er ein Gespenst gesehen, weil er eins gesehen hatte: Das Gespenst seiner größten Niederlage 2006, auch gegen Miami, auch in den Finals, es war plötzlich wieder aufgetaucht. Er sollte es vertreiben. Und damit aus einer außergewöhnlichen Karriere die vielleicht größte machen, die je ein deutscher Sportler hingelegt hat.

Auf einer Ebene mit Graf, Becker, Schmeling, Schumacher

In seiner letzten Saison verehrten die NBA-Fans Nowitzki wie einen Heiligen. Nicht nur in Dallas, in jeder Arena forderte das Publikum bei den Mavs-Gastspielen seine Einwechslung, bejubelte seine Punkte gegen ihr Team, buhte die anderen Mavs-Spieler aus, wenn sie den Ball nicht zu Nowitzki passten. Selbst bei seinem allerletzten Auftritt in dieser Nacht beim Erzrivalen in San Antonio, gegen die er so viele Schlachten ausgefochten hatte. Die Spurs ehrten ihn mit einem Video, Nowitzki konnte die Tränen nicht zurückhalten. Trainer-Legende Gregg Popovich zeigte seinen Respekt für den Wettkämpfer Nowitzki auf seine Weise: Er ließ den 40-Jährigen – abgesehen vom allerletzten Wurf - den ganzen Abend über von zwei bis drei Verteidigern bewachen. Wie in den alten Zeiten.

In all der Zuneigung, in all dem Lob der Legenden, die Nowitzki nun zuteil werden, geht fast ein wenig unter, wie hart er sich diese Anerkennung erarbeiten musste. Als er 1998 mit 20 Jahren in die Liga kam, war er ein 2,13-Meter-Schlaks aus Europa, den keiner kannte, zu dünn, zu soft. Zehn Jahre später war er ein etablierter Star, ein tödlicher Scorer – aber eben auch Dirk "Nowinski", der Typ, der nichts gewinnt. Und wer diesen "Nowinski" nicht kennt, kann kaum verstehen, wie hoch die Lebensleistung des Würzburgers anzusiedeln ist: Auf einer Ebene mit den ganz Großen des deutschen Sports, mit Steffi Graf, Boris Becker, Max Schmeling, Michael Schumacher.

Ein Superstar, den kaum einer sah

Nowitzki war stets beliebt unter den deutschen Sportfans, wirklich präsent war er nicht. Als er über den Großen Teich ging, verschwand er ins Nachtprogramm und sehr schnell auch aus dem Free-TV. Die Deutschen haben sich in den Neunzigern Wecker gestellt, um Michael Schumacher in Suzuka gewinnen zu sehen. Sie haben – ohne Second Screen, was waren das für Zeiten – ganze Nachmittage lang Boris Becker angefeuert. Sie gucken Skispringen, Biathlon, und Fußball bis in die vierte Liga. Dirk Nowitzki hingegen haben wahrscheinlich mehr deutsche Sportfans die Fahne bei Olympia 2008 tragen sehen, als ihn jemals beim Sprungwurf bestaunt haben.   

Basketball hat es in Deutschland nie in den Kreis der beliebtesten Fernsehsportarten geschafft. Rund 4.500 Zuschauer pro Spiel kommen in die Hallen der Basketball-Bundesliga, fast genauso viele wie in der Handball-Bundesliga. Aber von einem Quotenmärchen wie bei der Handball-Heim-WM mit zehn Millionen Zuschauern können die Basketballer nur träumen. Nowitzkis letzten Auftritt in der Nationalmannschaft 2015 in Berlin verfolgten gerade einmal eine Million Zuschauer.  

Ein vergebener Freiwurf zu viel

Nur eine halbe Million waren es 2005, als Nowitzki im Alleingang die Nationalmannschaft zur Silbermedaille bei der EM in Belgrad warf. Der Gamewinner gegen Spanien im Halbfinale gehört zu Nowitzkis ikonischen Momenten, trotz der Finalniederlage gegen Griechenland kürten ihn die Experten zum besten Spieler des Turniers. Auch in der NBA wuchs sein Status – aber damit auch die Bürde. Die beste Liga der Welt ist eine Knochenmühle. 82 Spiele in der regulären Saison sprechen für sich. Und dann beginnen erst die Playoffs.

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Shaquille O´Neal und die Miami Heat stoppten Nowitzkis Mavericks 2006 im Finale.

30 Teams balgen sich jedes Jahr um den Titel. Wer als echter Superstar gilt, muss ihn früher oder später gewinnen. Erst der Ring, der den Champions anstelle von Medaillen verliehen wird, komplettiert eine Karriere. Einige der besten Spieler aller Zeiten blieben unvollendet: Elgin Baylor, Patrick Ewing, Karl Malone, Charles Barkley. Es fehlte nicht viel, und auch Nowitzki wäre auf dieser Liste gelandet.

2006 cruisten Nowitzki und die Mavs dem Titel entgegen, sie führten im Finale 2:0 gegen Miami, der exzentrische Boss Mark Cuban plante schon die Route für die Siegesparade durch Dallas. In Spiel drei zog Nowitzki beim Stand von 93:95 zwei Freiwürfe – und vergab den zweiten. Das Momentum war gebrochen, die Serie ging 2:4 verloren, auch wegen einiger extrem zweifelhafter Pfiffe gegen die Mavs. Aber Nowitzki nahm die Schuld auf sich. Bis zu den Finals hatte er 31,3 Punkte im Schnitt in den Playoffs erzielt, gegen Miami waren es nur noch 22,8. Ein Jahr später rasten die Mavs durch die Liga wie auf einem Rachefeldzug. Mit der besten Bilanz der Liga gingen sie in die Playoffs, Nowitzki als MVP, als wertvollster Spieler. Und flogen schon in Runde eins raus, gegen den krassen Außenseiter aus Golden State. "Nowinski" war jetzt keine Beleidigung mehr, sondern ein Label: Mit dem würden es die Mavs nie schaffen.

Ein Ring, die Schatten zu vertreiben

Der Druck, endlich diesen Titel zu holen, verwandelte einige Legenden in "Ring Hunter": Sie wechseln zu Klubs mit besseren Aussichten auf den Titel. Karl Malone schloss sich den Lakers an, Charles Barkley versuchte es in Houston. LeBron James, der beste Basketballer seit Michael Jordan, verließ 2011 seinen Heimatverein Cleveland Cavaliers, um bei den Miami Heat ein Dreamteam mit Dwyane Wade und Chris Bosh zu bilden. Nowitzki blieb in Dallas. Er verzichtete im Verlaufe seiner Karriere sogar auf rund 200 Millionen Dollar Gehalt, um Platz im Budget freizuräumen für Verstärkungen.

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2011 wurde aus "Nowinski" endlich wieder Nowitzki: Der Titel führte den Deutschen direkt ins Weiße Haus.

(Foto: imago images / UPI Photo)

Und ausgerechnet im Jahr, als LeBron sein Superteam in Miami versammelte, führte das Schicksal Nowitzki und die Heat wieder in den Finals zusammen. Oder besser gesagt: gegeneinander. Und plötzlich war es wieder da, Nowitzkis Gespenst. Spiel zwei, noch sieben Minuten zu spielen, Miami liegt mit 15 Punkten vorn. Aber dieses Mal hielt Nowitzki dem Druck stand. Er war die ganzen Playoffs über schon "Clutch", wie die Amerikaner sagen: Wenn es in den letzten Sekunden auf einen Wurf ankam, nahm er den Ball in die Hände. Und traf meistens auch. Allein in den letzten Vierteln der sechs Finals-Duelle erzielte er insgesamt 62 Punkte. LeBron James kam in dieser Zeit nur auf 19 Punkte.

"Es ist unglaublich, dass uns das niemand jemals wegnehmen kann", sagte Nowitzki nach dem Titelgewinn. Für seine Karriere bedeutet diese Meisterschaft noch so viel mehr: "Nowinski" war tot, kein großes "Aber" hing mehr wie ein Schatten über seinen überragenden Leistungen. Ab diesem Moment lautete die Frage nicht mehr, ob er einer der größten Spieler aller Zeiten ist – sondern nur noch, wo genau er sich einordnen würde.

Sein Erbe bleibt in der Liga

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Nicht zu verteidigen: Nowitzkis "Flamingo-Shot" war all die Jahre das Markenzeichen des Deutschen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Zahlen geben einen guten Hinweis: 2011 NBA-Champion und bester Spieler der Finalserie (MVP), 2007 MVP der regulären Saison, 14 mal im All Star Game, dem Showspiel der Besten der Besten. 21 Saisons bei einem Team. Einer von sieben Spielern, die mehr als 30.000 Punkte erzielt haben. Insgesamt Rang sechs der Scorer-Liste, nur 732 Punkte hinter Michael Jordan, dem Größten aller Zeiten.

Dieses Spiel hat viele Ausnahmespieler gesehen, Nowitzki steht sicher unter den 30 Besten der Besten. Aber Nowitzki hat viel mehr verändert als nur die Reihenfolge von ein paar Rekordlisten: Er hat das Spiel revolutioniert. Es ist jetzt okay, ein dünner Schlaks zu sein, sogar ein dünner Schlaks aus Europa, solange man werfen kann. Bevor er in die Liga kam, wurden die großen Leute unter dem Korb geparkt. Jetzt stehen sie draußen an der Dreierlinie. Seinen ikonischen Flamingo-Shot, den einbeinigen Wurf im Rückwärtsfallen, adelte niemand Geringeres als LeBron James als einen der "most unguardable shots" aller Zeiten, als einen der am schwersten zu verteidigenden Würfe aller Zeiten. James ist bei Weitem nicht der Einzige, der den Wurf in sein Repertoire aufgenommen hat. So wird er der Liga irgendwie doch erhalten bleiben, selbst wenn es, wie sein Trainer Rick Carlisle sagte, vielleicht keinen mehr geben wird wie ihn.

Quelle: ntv.de