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Handball-Duell gegen Frankreich Nikola Karabatic ist größer als die Nationalmannschaft

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Überstrahlt die französische Nationalmannschaft: Superstar Nikola Karabatic.

(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

Spielt er oder spielt er nicht? Seit Nikola Karabatic nach Berlin gereist ist, um nach überstandener Verletzung eventuell bei der Handball-WM mitzumachen, spricht niemand mehr über die französische Mannschaft, sondern nur noch über den Topstar. Dabei spielt der gegen Deutschland gar nicht.

Die Nachricht des Vormittags war die, dass es keine Nachricht gab. Der französische Handballverband tat einfach nichts und ließ damit die Frist verstreichen, einen Spieleraustausch im eigenen Kader vor dem Duell am Abend (ab 20.30 Uhr im Liveticker auf n-tv.de) gegen Deutschland vorzunehmen. Bis zuletzt hatten die Franzosen offengelassen, ob Topstar Nikola Karabatic schon gegen die Deutschen ins Turnier einsteigen würde. Seit Samstag war darüber wild spekuliert worden.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie Karabatic den Rest der Handball-Welt zu überstrahlen vermag. Der 34-Jährige ist der größte Spieler der Gegenwart, viele meinen der Geschichte. In jedem Fall ist er größer als die eigene Nationalmannschaft. Seit Karabatic angekündigt hat, vielleicht doch bei der Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark mitmachen zu können, ist das übrige Team des Topfavoriten auf die Goldmedaille in den Hintergrund gerückt (worden).

Die Franzosen haben 2009, 2011, 2015 und 2017 die Weltmeisterschaft gewonnen, zwischendurch zwei Mal Olympisches Gold geholt und sind drei Mal Europameister geworden. Die "Équipe Tricolore" steht für maximalen Erfolg und doch hat sich in das Gedächtnis der erfolgreichen Handball-Nation eine Niederlage fest eingebrannt. "Es ist erstaunlich, aber hier spielt das Halbfinale der WM 2007 immer noch eine große Rolle", sagt Kentin Mahé. Der flinke Allrounder spielt inzwischen beim ungarischen Topklub KC Veszprem, in Deutschland ist er durch seine Zeit beim HSV Handball, vor allem aber durch die bei der SG Flensburg-Handewitt bekannt geworden.

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Mahé saß vor zwölf Jahren als junger Kerl auf der Tribüne, als die Franzosen in einem epischen Handball-Drama nach zweimaliger Verlängerung mit 31:32 gegen Deutschland verloren, das wenige Tage später Weltmeister wurde. Es war danach von Betrug die Rede, die Franzosen fühlten sich durch die Schiedsrichter benachteiligt und der damalige Trainer Claude Onesta leitete daraus eine tiefe und anhaltende Abneigung zum deutschen Handball ab. Auch Nikola Karabatic stand in der Kölner Arena auf dem Platz.

Rückkehr-Nachricht kommt überraschend

Es geht für die Franzosen also ein bisschen um eine verspätete Revanche, wenn sich beide Nationen heute in der Mercedes-Benz-Arena gegenüberstehen. Ohne den Superstar. "Ich glaube eher nicht, dass ich schon spielen werde", hatte der erklärt. "Ich muss gucken, wie es im Training läuft. Ob ich der Mannschaft helfen kann." Es war ein nettes Vorspiel für das Duell zwischen Gastgeber und Titelverteidiger, dass die Frage im Raum stand, ob der Superstar aktiv auf dem Feld dabei sein wird.

Karabatic wird von den Franzosen viel eher im weiteren Turnierverlauf gebraucht, wenn es in Richtung der Medaillenspiele geht. Das Risiko, ihn zu früh einzusetzen, wäre zu groß. Erst im Oktober wurde Karabatic wegen einer Fehlstellung eines Zehgelenks operiert, ursprünglich war eine Pause von vier bis sechs Monaten prognostiziert worden. "Die WM haben wir vorbereitet, um sie ohne Nikola zu spielen", hatte Mahé gesagt.

Die Nachricht von der Rückkehr von Karabatic überraschte am vergangenen Samstag daher doch einigermaßen. Schon die Tatsache, dass Trainer Didier Dinart ihn Anfang Dezember in den 28 Mann starken Kader berufen hatte, aus dem er den 16-köpfigen WM-Kader zusammenstellen konnte, entsprach nicht der ursprünglich verkündeten Krankenakte. "Ich fühle mich wie ein kleiner Junge, ich habe alle meine Träume erfüllt, aber ich bin noch nicht satt. Ich will mehr", erklärte Karabatic jetzt im Teamhotel der französischen Mannschaft in Berlin. Der Fokus war ganz auf ihn ausgerichtet, die restlichen Spieler der Mannschaft standen im Schatten.

Großes Talent im französischen Kader

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Auch auf der Tribüne sind alle Augen auf Karabatic gerichtet. Nachwuchstalent Richardson rechts daneben verblasst.

(Foto: imago/Rene Schulz)

Das übergroße Interesse an dem einzigen Handballer, der eine Relevanz über den Handball hinaus erreicht hat, ist nachvollziehbar, wird aber trotzdem nicht dem Rest der Mannschaft gerecht. "Dieser französische Kader ist das Nonplusultra", sagte der dänische Trainer Nikolaj Jacobsen, der selbst über eine exzellente Ansammlung von Spielern verfügt.

Das Talent, das im französischen Team steckt, geht allerdings weit über das aller anderen Favoriten hinaus. Die Tatsache, dass es Melvyn Richardson, der im vergangenen Jahr entscheidend am Champions-League-Gewinn von Montpellier HB beteiligt war und mit 21 Jahren als eines der größten Talente im rechten Rückraum weltweit gilt, es nicht in den 16er-Kader geschafft hat, sagt viel über die Qualität der Franzosen aus. An seiner statt entschied sich Dinart für Dika Mem (21, FC Barcelona) und Nedim Remili (23, Paris Saint Germain).

Richardson ist wie Karabatic in Berlin bei der Mannschaft, um im Notfall nachnominiert zu werden. Beide werden heute voraussichtlich nebeneinander auf der Tribüne sitzen und das eigene Team anfeuern. Beachtung wird der 21-Jährige kaum finden - der größte Handballer der Gegenwart wird ihn überstrahlen.

Quelle: n-tv.de

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