Bundestrainer coacht EM-Desaster weg"Nix mit 'Auf Wiedersehen, Deutschland'"

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft steht vor dem Finale ihrer EM-Vorrunde mit dem Rücken zur Wand - und liefert dann unter maximalem Druck ihre beste Turnierleistung. Auch für den Bundestrainer ist es ein großer Sieg.
"Nix mit 'Auf Wiedersehen, Deutschland!'", jubelte Silvio Heinevetter schon weit vor Ablauf der Spielzeit des "Endspiels" der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Der ehemalige National-Torhüter hatte als Experte des Senders "Dyn" zuvor mitgezittert, als das DHB-Team gegen Spanien zum Siegen verdammt war. Und dann rutschte es aus Heinevetter raus, dieses vertonte Gefühl von Genugtuung, stellvertretend für die deutsche Mannschaft und den Bundestrainer.
Am Ende gewann Deutschland die Nervenschlacht 34:32 (17:15) und statt ein historisches EM-Desaster zu erleben, zieht das Team des zuvor öffentlich arg angezählten Bundestrainer Alfred Gislason als Gruppensieger in die Hauptrunde ein. Nur 48 Stunden, nachdem eine ganze Lawine des Zweifels über den so hoch ambitionierten Tross niedergegangen war.
Als um 18 Uhr das Vorrundenspiel der Serben gegen Österreich angepfiffen wurde, saß die deutsche Mannschaft schon halb im Mannschaftsbus. Hätten die Serben ihrem Sieg über das DHB-Team den nächsten Coup folgen lassen, wäre Deutschland bestenfalls unbewaffnet in die gnadenlose Hauptrundengruppe eingezogen. Oder selbst bei einem knappen Sieg ausgeschieden. Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte. Doch Außenseiter Österreich ließ den serbischen Traum vom Weiterkommen platzen. Und für Deutschland war auf einmal wieder alles möglich. Das Ausscheiden war, so präsentierte sich die deutsche Mannschaft nach Österreichs 26:25-Coup von der ersten Minute an, keine Option mehr.
"Bin sehr, sehr stolz"
"Ich bin erleichtert und sehr, sehr stolz auf die Jungs, dass sie dieses Spiel gewinnen konnten. Vor allem wie: Sie waren im Angriff wie Abwehr überragend. Wir haben gegen die Spanier mehr aus der zweiten Welle gemacht, es ist normalerweise ihre große Stärke, das zu unterbinden", kommentierte Gislason im ZDF. Zuvor hatte er mit Blick auf das "Endspiel", das ein Jahr vor der Heim-WM wohl auch ein persönliches war, von seinem Team gefordert: "Wir müssen eine Klasseleistung bringen, mit viel Herz und noch mehr Kopf." Und genau das bekam er.
Dabei hatten sie sich noch mit einer desaströsen zweiten Halbzeit aus dem Duell gegen die Serben verabschiedet, das Spiel ging 27:30 verloren - und mit ihm eine Menge Euphorie und Leichtigkeit. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Zweifel, ob die "beste deutsche Nationalmannschaft, in der ich je gespielt habe" (Europameister Andreas Wolff) ihre unbestrittene Qualität auch unter Turnierbedingungen auf die Platte bekommen kann. Spielmacher Juri Knorr beschwerte sich über mangelnde Spielzeit ("Verstehe ich nicht ganz"), Weltmeister Mimi Kraus verkündete: "Scheiße gecoacht, Alfred!"
Doch diesmal zeigte Gislason unter maximalem Druck eine Masterclass in Sachen Spielmanagement: Der Bundestrainer beorderte situativ immer wieder neue Spieler aufs Feld. Mit Nils Lichtlein schickte er einen Turnierdebütanten überraschend früh ins Rennen, am Kreis löste Justus Fischer den schwer beschäftigten Kapitän Johannes Golla länger als ursprünglich geplant ab. Julian Köster spielte mal auf der Mitte, meistens im linken Rückraum. Der überragende Renars Uscins durfte immer wieder verschnaufen, um dann in der Crunchtime wieder Akzente zu setzen. Für den Hannoveraner durfte wieder Lichtlein ran, der dem deutschen Spiel Ruhe, Ballsicherheit und Breite brachte. Der Berliner Matthes Langhoff rückte von der Tribüne ohne Umwege ins Abwehr-Bollwerk. Und als Torwart-Titan Andreas Wolff seinen Zauber verloren hatte, rückte David Späth zwischen die Pfosten. "Wir haben uns vorgenommen, etwas gutzumachen und weiterzukommen. Wir haben es geschafft, das Serbien-Spiel aus dem Kopf zu streichen", sagte Späth, der schnell zwei wichtige Bälle hielt.
Jede Änderung stellte die Spanier vor neue Aufgaben und wo Gislason gegen Serbien mit seinen Wechseln die Statik des deutschen Spiels einriss, wirkte das wilde Rochieren gegen Spanien als Teil eines großen Plans. Einer, der glänzend aufging und begeisternd direkt in die Hauptrunde führte. Mit Fischer (fünf Treffer), Uscins (acht), Köster (sechs) und Knorr (fünf) erzielten gleich vier Spieler fünf oder mehr Tore.
"Ziel bleibt das Halbfinale"
Weil sich die Spanier, für die es durch die Niederlage der Serben zwar nicht mehr ums Weiterkommen, dafür aber um die wichtigen Punkte für die Hauptrunde ging, nie abschütteln ließen, musste das deutsche Team allerdings auch über nahezu die komplette Distanz hochtourig laufen. Die hochgelobte Breite im deutschen Kader, die den Bundestrainer kurz zuvor noch kurzzeitig überfordert zu haben schien, sorgte nun für die nötigen PS bis in die Schlusssekunden. Entschieden war das Spiel erst knapp drei Minuten vor Schluss, als Deutschland mit vier Treffern in Führung gegangen war. Während Gislason noch vor 48 Stunden die Hände über dem Kopf zusammenschlug, gönnte er sich diesmal schon vor Spielende ein Grinsen.
Auch, weil sein Team und er die schwierigen Stunden offenbar gut genutzt hatten: "Mir macht Angst, wie wir angreifen. Wir sind so unkreativ und ohne Lösung im Angriff, ohne Flow. Ich sehe mir das Spiel an und frage mich: Wo wollen wir hin? Was ist die Idee?", hatte Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar nach dem Serbien-Flop noch zurecht geschimpft. Besonders sauer war dem ehemaligen Weltklasse-Linksaußen aufgestoßen, dass die deutschen Außenspieler überhaupt nur zu einem Torwurf kamen. "Auf Außen hätten heute auch der Busfahrer und der Physiotherapeut stehen können. Da kam ja gar kein Ball hin."
Nun erzielten die deutschen Außen Lukas Mertens (vier Treffer), Lukas Zerbe (drei, davon ein Siebenmeter) und Mathis Häseler (eins) satte sieben Feldtore aus acht Versuchen. Auch das ist ein für die kommenden schweren Spiele ein ermutigendes Signal: Dinge können repariert werden, wenn sie nicht funktionieren.
Statt eines EM-Desasters, das man vornehmlich ihm angekreidet hätte, durfte Gislason nun voller Überzeugung den weiteren Weg seines Teams kommentieren: "Wir haben jetzt einen super Gegner nach dem anderen. Jetzt darf nicht viel passieren, wenn wir unser Ziel erreichen wollen, und das bleibt das Halbfinale." Für die Niederlage gegen Serbien hatte Gislason noch alleine die Verantwortung übernommen, nun ist es mehr als auch sein Sieg. Nix mit "auf Wiedersehen, Deutschland". Und nix mit "Auf Wiedersehen, Alfred Gislason".