Sport

Perfekte Inszenierung Olympische Spiele beendet

Die Olympischen Spiele in Peking sind beendet. Um 20.58 Uhr Ortszeit setzte IOC-Präsident Jacques Rogge mit der traditionellen Formel den offiziellen Schlusspunkt unter das größte Sportfest der Welt und rief dabei "die Jugend der Welt" auf, sich in vier Jahren zur Feier der XXX. Olympiade in London zu versammeln.

Die britische Hauptstadt ist 2012 Gastgeber der nächsten Sommerspiele. Rogge lobte in seiner Ansprache die chinesischen Olympia-Ausrichter: "Das waren wahrlich außergewöhnliche Spiele."

In Peking setzte China mit fast beängstigender Perfektion neue olympische Standards: Nahezu fehlerlose Organisation, hochmoderne Prachtbauten und ein einzigartiges olympisches Dorf schufen Festspiele für die Athleten. Doch die Realität blieb meist ausgesperrt.

Mit der Schlussfeier im "Vogelnest" endeten die Spiele so, wie sie sich über 17 Tage der Welt dargestellt hatten: Eine genau geplante Inszenierung, begleitet von kontrollierter Ausgelassenheit. Bei der Rekordbeteiligung von 11.249 Athleten aus 204 Ländern haben 87 verschiedene Nationen Medaillen gewonnen und damit eine nie dagewesene Universalität demonstriert. "Wunder wurden geschaffen und Träume erfüllt", brüstete sich Chinas Führung. Nur nach dem Scheitern des nationalen Hürden-Helden Liu Xiang weinte das Land.

Nur Oberfläche war makellos

Mit dem Erlöschen des olympischen Feuers wird die Zwiespältigkeit der Spiele allerdings nicht aufgelöst. Die makellose Oberfläche des "Planeten Olympia" konnte die dunklen politischen Aspekte nicht völlig überstrahlen: Fehlende Meinungsfreiheit, Internet-Zensur, Bombenanschläge im Nordwesten, Festnahmen ausländischer Tibet-Aktivisten und Verfolgung von aufmüpfigen Pekingern. Sogar zwei fast 80-jährige Frauen wurden mit Lagerhaft auf Bewährung bestraft, weil sie die offiziell eingerichteten Protestzonen nutzen wollten. 77 Anträge für Demonstrationen wurden eingereicht. Genehmigt wurde keiner.

China wollte Leidenschaft erzeugen und gleichzeitig verhindern. Die olympische Begeisterung sollte anstecken und doch in Grenzen bleiben. In dieser Einheit der Widersprüche begegneten sich die olympische Idee und die bemerkenswerte Präzision und Kontrollwut der chinesischen Olympia-Macher. Selbst das Wetter wurde beeinflusst. Das Amt für Wettermodifikation sorgte in Chinas Hauptstadt für die sauberste Luft der vergangenen zehn Jahre. Der Propaganda-Apparat ist stolz. "Wir haben das Vertrauen der Welt erfüllt", kommentierte die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua.

Neue Nr. 1 im Sport

43 Milliarden Dollar hat das Land, in dem viele Bürger in tiefer Armut leben, in die olympische Infrastruktur investiert und den Großauftrag für die Runderneuerung Pekings genutzt. Die Sport-Asse haben im Auftrag Chinas gesiegt und das bevölkerungsreichste Land der Welt mit 51 Mal Gold, 21 Mal Silber und 28 Mal Bronze zur neuen Nummer eins gemacht. Das US-Team konnte als Zweiter (36/38/36) nur demütig gratulieren. Wenigstens der Superstar der Spiele kommt aus Baltimore. US-Schwimm-Ikone Michael Phelps, nach seinen acht Goldmedaillen von Peking mit 14 Olympiasiegen dekoriert, ist "ein Außerirdischer" (China Daily") - und der erfolgreichste Athlet der Olympia-Geschichte.

Auch Jamaikas tanzender Sprint-König Usain Bolt taugt mit seinem Gold-Triple zur Pekinger Sehenswürdigkeit. Das futuristische Nationalstadion "Vogelnest" (91.000) war die perfekte Kulisse für Bolts laufende Vorführungen und das omnipräsente Misstrauen. Vom ersten Tag an staunten Experten über teilweise sagenhafte Formsteigerungen, Leistungsexplosionen und insgesamt 43 Weltrekorde. Die befürchtete Doping-Lawine ist ausgeblieben, zumindest ist sie nicht sichtbar geworden. Nur sechs Athleten wurden bei der Rekordzahl von mehr als 5.000 Doping-Kontrollen erwischt. Hinzu kommen vier gedopte Pferde.

Quo vadis Olympia?

Der Ohnmacht der Ringe-Organisation im schwierigen Joint Venture mit der beratungsresistenten chinesischen Staatsmacht ist sich IOC-Chef Rogge bewusst. Kommentieren wollte er sie nicht mehr. Auch die vielen leeren Plätze in den angeblichen ausverkauften Arenen nicht. Auf seiner Abschlusspressekonferenz blieb der Belgier seinem Credo der "stillen Diplomatie" und offenen Anpassung treu. "Als IOC-Präsident wird man immer kritisiert, das nehme ich nicht persönlich", sagte er. Rogge scheint entschlossen, sich 2009 für eine weitere Amtszeit an der IOC-Spitze zur Verfügung zu stellen. Neben der IOC-Identitätskrise im Frühjahr waren die Enteignung des olympischen Fackellaufs und der PR-Alptraum in der Kontroverse um den freien Internetzugang eine schmerzhafte Erfahrung. Wenigstens ihre "ausgeliehenen Spiele" haben die Olympier nun wieder im Besitz.

Quo vadis Olympia? In vier Jahren kehrt die globale Leistungsschau nach Europa zurück, vom 27. Juli bis 12. August 2012 wird London zum dritten Mal nach 1908 und 1948 Olympia-Schauplatz sein. "China hat die Latte sehr hoch gelegt, und das wird eine Herausforderung für die nächsten Gastgeber", betonte Rogge, aber jeder Ausrichter habe Besonderheiten. Nur ein paar Dinge könne London nicht leisten. Zum Beispiel eineinhalb Millionen Freiwillige mobilisieren, die mit unermüdlichem Einsatz alle Olympia-Gäste begeistern. Das kann nur China.

Quelle: n-tv.de, (mit Sven Busch, dpa)

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