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Darts-Legende wird 60 Jahre alt Phil Taylor feiert die "Triple Twenty"

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Phil Taylor ist als 16-facher Weltmeister eine lebende Darts-Legende.

(Foto: imago images/osnapix)

16 Weltmeister-Titel, rastlos bis zum Karriereende und darüber hinaus: Phil Taylor, der erfolgreichste Dartspieler aller Zeiten, wird 60 Jahre alt. Sein halbes Leben lang hat Taylor die Darts-Szene dominiert, mittlerweile genießt er seinen (Un-)Ruhestand.

Selbst zwei Jahre nach seinem Karriereende ist Phil Taylor immer noch gut genug, um die aktuelle Nummer eins der Darts-Welt, Michael van Gerwen, zu besiegen. Bei einem Show-Turnier in Kiel bezwingt "The Power" im Januar den Niederländer, selbst dreifacher Weltmeister, im entscheidenden Leg. Seit der "Ostsee Darts Gala" zu Beginn des Jahres ist auch im Dartsport wenig, wie es war. Turniere finden, wenn überhaupt, ohne Zuschauer statt. Fangesänge wie "There is only one Phil Taylor ... walking in the Taylor Wonderland" kommen, wenn überhaupt, vom Tonband statt aus den Kehlen Tausender Verrückter im Publikum.

Stattdessen wirft Taylor seit Monaten im eigenen Wohnzimmer Pfeil um Pfeil, tritt gelegentlich im Livestream gegen andere Darts-Ikonen an. Ganz loslassen kann der 16-fache Weltmeister und Dauer-Dominator seiner Sportart auch fast drei Jahre nach seinem offiziellen Karriereende nicht. Aber vielleicht ist das auch logisch, wenn man fast sein ganzes Leben einzig und allein dem Dartsport gewidmet hat.

Toilettenpapier-Halterungen zusammengeschraubt

Als Jugendlicher schuftete Taylor für ein paar mickrige Pfund in den Fabrikhallen von Stoke-on-Trent, einer klassischen britischen Arbeiterstadt. Er schraubte Halterungen für Toilettenpapier zusammen, um über die Runden zu kommen. Von Ruhm, Geld und Ehre war "The Power" weit entfernt. Bis er im Pub vom damaligen Weltranglistenersten Eric Bristow entdeckt wurde. Die Darts-Legende erkannte Taylors Talent, nahm ihn unter seine Fittiche und streckte ihm Geld vor, damit er Turniere spielen und sich verbessern konnte.

Von diesem Moment an begann der Siegeszug des 1,73 Meter kleinen Philip Douglas Taylor. Schon 1990 qualifizierte er sich für seine erste Darts-WM. Und nicht nur das: Taylor spielte sich als ungesetzter Akteur bis ins Finale und traf dort ausgerechnet auf seinen Förderer Eric Bristow. Mit 6:1 schickte ihn der damals 29-jährige Taylor nach Hause. Es war der Auftakt einer beeindruckenden Karriere. Schon im Jahr nach seinem ersten WM-Triumph stürmte er auf Platz eins in der Weltrangliste, 1992 gewann er ein weiteres Mal die Weltmeisterschaft.

Danach verließ er die British Darts Organisation (BDO), weil er unzufrieden mit dem Verband war und der Sport sich seiner Meinung unter dem Dach der BDO nicht entwickeln konnte. Taylor wurde Mitgründer der Professional Darts Corporation (PDC), die den Sport nach und nach von seinem Kneipen-Image befreite und auf die großen Bühnen brachte. "Er hat dafür gesorgt, dass Darts Profisport wurde. Er war der erste, der sich klargemacht hat: Ich muss trainieren, mehr als alle anderen. Und das hat er gemacht", sagt Deutschlands bekanntester Darts-Kommentator Elmar Paulke.

Einer der größten Sport-Dominatoren aller Zeiten

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Phil Taylor und Elmar Paulke bei einem Show-Event in Dortmund im Dezember 2019.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Taylors Trainingseifer machte sich bezahlt. Zwar verlor er das WM-Finale 1994 gegen Dennis Priestley, doch danach war Taylor die Unbesiegbarkeit in Person: Von 1995 bis 2002 gewann er acht Weltmeisterschaften in Serie, in den Endspielen 2001 und 2002 gegen John Part und Peter Manley gab er nicht einen einzigen Satz ab. Auch abseits vom Darts finden sich kaum derartige Dominatoren in der Welt des Sports. "Wenn Taylor ein Turnier gewonnen hatte, wurde da nicht gefeiert. Der gerade geleistete Erfolg war sofort nichts mehr wert, der Fokus ging direkt zum nächsten Turnier. Es war eine stetige Hatz nach Siegen", blickt Paulke zurück.

An die erste Begegnung mit der lebenden Darts-Legende kann sich der Kommentator gut erinnern: "Das war 2006 beim sogenannten 'Meet The Power'-Event in München. Phil Taylor sollte erstmals vor großem Publikum in Deutschland bei einem Show-Turnier mitmachen. Zwei Tage vorher sagt er ab und schickte seinen damals völlig unbekannten Schützling Adrian Lewis vor. Am Abend vor dem Event kam er dann doch. Alles war ganz chaotisch. Wir warteten in einem kleinen italienischen Restaurant, und dann kam da der kleine Phil Taylor rein. Alle haben ihn angeschaut. Der Typ nimmt einfach Raum ein, hat eine unfassbare Aura."

Und diese Aura hat sich am Dartboard ausgezahlt. Kaum ein Spieler schaffte es, Taylor zu besiegen. Über Jahre legte der Engländer eine unvergleichliche Dominanz an den Tag. 1994 richtete die PDC erstmals eine eigene Darts-WM aus, bis einschließlich 2007 stand Phil Taylor jedes Jahr im Finale. "Auf der einen Seite brauchst Du natürlich so ein Zugpferd wie Phil Taylor, aber natürlich lief die PDC zu dem Zeitpunkt auch Gefahr, dass die Tour zu einseitig wird", blickt Paulke zurück.

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Das WM-Finale 2007 zwischen Taylor und van Barneveld gilt als bestes Match aller Zeiten.

(Foto: Action Images)

Erst als 2006 mit Raymond van Barneveld ein anderes Großkaliber zur PDC wechselte, kam Spannung auf. Das epische WM-Finale 2007 zwischen Taylor und "Barney" gilt nach wie vor als das größte und spannendste Spiel aller Zeiten. Taylor verlor im "Sudden Death". Sein großer Ehrgeiz und unbändiger Titelhunger brachten ihm nach dem Viertelfinal-Aus 2008 noch drei weitere Weltmeistertitel ein, der letzte 2013 im Endspiel gegen Michael van Gerwen.

2017 bog Taylor schließlich in das letzte Jahr seiner Karriere ein. Längst trat er nicht mehr als der alles überragende Darts-Dominator auf. Was ihn aber nicht daran hindern sollte, zum ebenfalls 16. Mal das World Matchplay in Blackpool zu gewinnen. Das zweitwichtigste Event des Jahres war Taylors Lieblingsturnier. Prompt spielte er bei seinem letzten Auftritt wie in alten Tagen, besiegte mit Raymond van Barneveld, Michael van Gerwen, Adrian Lewis und Peter Wright vier Weltmeister. Inzwischen ist der Matchplay-Siegerpokal nach ihm benannt - gespielt wird seit 2018 um die "Phil Taylor Trophy".

WM-Finale zum Abschied - und die Karriere nach der Karriere

Ende des Jahres spielte Taylor seine letzte WM und zog auch dort ins Endspiel ein, wo er im Finale am Neujahrsabend 2018 von Rob "Voltage" Cross ausgeschaltet wurde, damit symbolisch den Staffelstab an die jüngere Generation weiterreichte und schließlich zu den Klängen seiner Lieblingsband Coldplay heimlich, still und leise von der Bühne trat. "Typisch Taylor. Er war selbst bei seiner letzten WM kaum emotional. Ihn hat das alles gar nicht wirklich mitgenommen", so Paulke. "Und ich glaube, das war auch der Grund dafür, dass er bei seiner letzten WM noch mal so gut war. Normalerweise kriegt man das mental nicht auf die Kette, weil man immer denkt: Jedes Spiel könnte mein letztes sein."

So außergewöhnlich die Karriere von Phil Taylor ist, so außergewöhnlich verläuft auch sein Ruhestand. Direkt nach dem WM-Endspiel 2018 startete "The Power" gewissermaßen seine zweite Darts-Karriere. "Er hätte sich zur Ruhe setzen können, Zeit mit seinen Enkeln verbringen können. Stattdessen tourt er durch Australien für Show-Turniere", sagt Paulke. "Das ist ja auch anstrengend, aber er hat es runtergerissen, als wäre es nichts."

Zwar verbringt Taylor mittlerweile tatsächlich mehr Zeit mit seiner Familie und tritt nicht nur wegen der Corona-Krise seltener in Show-Matches auf, doch mit einem Comeback kokettiert die Darts-Legende immer wieder mal. Zu Beginn des Jahres hatte er angedacht, die Qualifikation für die UK Open, auch bekannt als "FA Cup des Darts", zu spielen. Allerdings kam ein Show-Wettkampf in Asien dazwischen. Zuletzt gab er im Interview mit der britischen Zeitung "Independent" zu, dass er sich die Teilnahme an einem längeren Turnier nicht mehr vorstellen könne: "Wenn ich ein großes Turnier, was eine Woche dauert, gewinnen wollte, dann hätte ich Probleme. Da muss man Arbeit investieren. Ich spiele gut, aber ich spiele gut für einen Abend."

Und so dürfte der Achtungserfolg gegen Michael van Gerwen in Kiel Anfang des Jahres nicht sein letzter guter Abend gewesen sein. Taylor wird auch mit über 60 Jahren weiter auf die "Triple Twenty", das höchste Feld auf dem Dartboard, zielen.

Quelle: ntv.de