Sport

"Ich hatte verdammtes Glück" Querschnittsgelähmte Vogel hadert nicht

a454489f78f14816ef97709ec3ccaa8a.jpg

Statt auf dem Fahrrad ist sie nun im Rollstuhl unterwegs: Kristina Vogel.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Kristina Vogel stellt sich nach Bekanntwerden ihrer Lähmung der Öffentlichkeit - mit Optimismus, beeindruckender Kraft und ohne Selbstmitleid. Die ehemalige Bahnradsprinterin arbeitet auf neue Ziele hin und ist dabei ungeduldig wie immer.

"Sie ist wieder da" - das sagt Kristina Vogel über sich selbst. Gut zwei Monate hatte sich die elfmalige Bahnrad-Weltmeisterin aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Aus gutem Grund: Seit ihrem Unfall am 26. Juni in Cottbus, als sie mit einem niederländischen Fahrer kollidierte, ist sie querschnittsgelähmt. Nun sitzt die Frau, die sich bei Instagram schon selbst als "Sportlerin und Tussi" bezeichnete, schick gekleidet in weißer Bluse zur schwarzen Hose und roten Pumps im Rollstuhl. Sie stellt sich erstmals seit Bekanntwerden ihrer Querschnittslähmung der Öffentlichkeit. "Ich weiß, dass ich in meinem Leben nicht mehr selbstständig werde laufen können", sagt die 27-Jährige und wirkt dabei völlig reflektiert. Diese schockierende Diagnose hat sie nicht ihren Optimismus gekostet. Es gebe jetzt sicher andere Aufgaben für sie, andere Herausforderungen und "neue Ziele, die ich abarbeiten kann".

5603c0fb89fedc78d1e29857df29f401.jpg

Zwei olympische Goldmedaillen und elf WM-Titel kann Vogel ihr Eigen nennen.

(Foto: imago/PanoramiC)

"Um 180 Grad gedreht" hat sich ihr Leben dennoch. Der Unfall beim Training war "ein krasser Einschnitt", so Vogel. Kontakt zum anderen Fahrer habe sie nicht. Weder er noch der niederländische Verband hätten sich bislang gemeldet. Dass es ihr nicht um Schuld geht, macht die frühere Olympiasiegerin deutlich. Sie sei nur froh, dass andere die Situation des Unfalls für sie aufklärten.

"Ich taste mich langsam wieder heran. Ich habe die Zeit gebraucht, aber jetzt möchte ich mich wieder stellen", begründet sie das "Spiegel"-Interview, mit dem sie ihre neue Lebenssituation öffentlich machte und den Grund für die Pressekonferenz im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn, wo sie noch immer behandelt wird. Die bis dahin selbst auferlegte Nachrichtensperre habe ihr geholfen, mit der neuen Situation klarzukommen. Doch sie habe sich gewünscht, wieder rausgehen zu können. "Ich darf am Wochenende Heimaturlaub antreten und möchte auf meiner Terrasse sitzen, ohne Angst vor Paparazzi zu haben", so die Erfurterin. "Ich freue mich unheimlich auf die Rückkehr. Eigenes Bett, selbst kochen, mit der Familie allein sein."

Die Reise nach Hause hat auch einen ganz praktischen Grund: In ihrem Haus findet eine Begehung statt. Es muss umgebaut werden, Treppen kann sie nicht mehr bewältigen, Küche und Bad müssen behindertengerecht eingerichtet werden. "Ich will ins Leben zurück und auf so viel Hilfe wie möglich verzichten", sagt Vogel.

Genervt vom Appell, geduldig zu sein

Ein bestimmendes Thema: Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Dafür trainiert sie schon wieder. Im Bewegungsbad ist sie unterwegs - und im Rollstuhl beim Fahrtraining, bei dem sie direkt mal "herausgeplumpst" sei, weil sie zu schnell machen wollte. Statt Schmerzen habe sie derzeit Muskelkater, sagt Vogel und wirkt dabei ehrlich fröhlich. Eins nerve sie allerdings: Dass immer alle sagen, sie müsse geduldig sein. Hätte sie sich nicht endlich bewegen dürfen, hätte sie "randaliert", sagt sie leicht entschuldigend grinsend in Richtung ihrer Ärzte. Es sei schließlich gemein, dass sie jahrelang für ihre Muskulatur gekämpft habe und nun alles weg sei.

Im Unfallkrankenhaus präsentiert sich eine beeindruckende Frau. Stark, kämpferisch, nicht hadernd. "Es ist, wie es ist", sagt Vogel, "was soll ich mich da selbst bemitleiden?". Es hätte schließlich viel schlimmer kommen können. "Ich hätte tot sein können, ich hatte verdammtes Glück." Zusätzlich zum siebten Brustwirbel, der das Rückenmark irreparabel gequetscht hat, war auch der erste Halswirbel gebrochen, hatte sich aber glücklicherweise nicht verschoben, so ihre Ärzte. Sonst hätte Vogel halsabwärts gelähmt sein können, dann wären auch ihre Arme beeinträchtigt. Als sie die Bilder ihrer Wirbelsäule gesehen habe, sei sie erschrocken. So sollte keine Wirbelsäule aussehen, sagt Vogel bestimmt. Das bestätigt auch Andreas Niedeggen, Chefarzt des Behandlungszentrums für Rückenmarksverletzte. Trotz der "schweren Wirbelsäulenverletzung" bescheinigt er seiner Patientin, dass sie wieder "eigenständig" werden wird. Auch wenn sie zukünftig "kein Bier aus dem Keller holen und keine Gardinen mehr aufhängen" kann.

Freund Michael ist immer an ihrer Seite

5f3f96b19cd16701f7a43ff9133e3730.jpg

Die zwölfte Goldmedaille bleibt ihr - zumindest im Radsport - verwehrt.

(Foto: imago/Thomas Frey)

Vogel blickt optimistisch nach vorn, hat das ehrgeizige Ziel, zu Weihnachten wieder zu Hause zu sein. Sie will lernen, mit dem Rollstuhl Treppen zu fahren, auch wenn ihre Mutter davor Angst habe. Ausgerechnet die Frau, von der Vogel sagt, dass sie ihr wohl die Kraft vermacht habe, dies alles durchzustehen.

Nur einmal muss die 27-Jährige die Tränen zurückhalten: Als sie über ihren Lebensgefährten Michael Seidenbecher spricht, der die ersten Nächte auf einem Stuhl neben ihrem Bett geschlafen habe. "Ich habe in ihm einen unheimlichen Halt. Er ist immer für mich da." Der ehemalige Bahnrad-Fahrer ist seit 2009 mit Vogel liiert, musste nun schon den zweiten schweren Unfall seiner Freundin miterleben. Schon nach dem ersten im Mai 2009, als sie auf dem Rad mit einem Kleinlaster zusammenprallte, lag sie im künstlichen Koma, hatte Kiefer- und Brustwirbelbrüche, verlor mehrere Zähne. Heute sagt sie: "Vielleicht war 2009 die Vorbereitung auf jetzt." Die Kraft, die sie damals erlangt habe, habe ihr nun geholfen.

Doch sie braucht nicht nur Kraft, sondern auch Geld. Für den Hausumbau, für ein behindertengerechtes Auto, für "einen geilen Rollstuhl mit Karbonfelgen", der am besten optisch zu ihr als modebewusster Frau passen soll. Knapp 120.000 Euro sind durch die Aktion #staystrongkristina, die ihre Freunde und Trainingskollegen um Maximilian Levy ins Leben gerufen hatten, schon zusammengekommen. Als sie davon gehört habe, habe sie geweint. "Es ist blöd, dass man erst merkt, wie wichtig man der Welt ist, wenn man in einer solchen Situation ist." Weitere 150.000 Euro erhält sie von der Sportversicherung. Zudem wird sie von ihrem Arbeitgeber, der Bundespolizei, unterstützt, schließlich zählt ihr Unglück als Dienstunfall. Außerdem, so erklärt Vogel, war sie "schon immer lieber überversichert als unterversichert".  

Musste lernen, Tränen zuzulassen

Ihre Behinderung hat Vogel bereits angenommen, das ist ihr anzumerken. Doch auch sie sei keine Maschine. Es habe mehr als nur einen Moment gegeben, in dem sie "lernen musste, Tränen zuzulassen". So auch, als sie erstmals Besuch einer "Fremden" erhalten habe. Es war Kirsten Bruhn, ehemalige Weltklasse-Para-Schwimmerin und heutige Mitarbeiterin des Unfallkrankenhauses. Die 48-Jährige sitzt ebenfalls im Rollstuhl. Zwischen vielen Fragen zu deren Unfall und zum Leben im Rollstuhl hätten beide zusammen Tränen verdrückt, erklärt die Erfurterin. Den Rat ihrer Therapeuten, ihren Para-Freundeskreis zu erweitern, wolle sie annehmen.

Es ist dieser Beistand von Freunden und der Familie, der ihr hilft, bekräftigt sie. Wenn sie traurig sei, rufe sie jemanden an. In den ersten Wochen sei sogar immer jemand bei ihr gewesen. Ihre Schwester etwa habe Hörbücher mit ihr gemeinsam gehört. Ihr Freund habe recherchiert, welche Innovationen es für Querschnittsgelähmte gibt: Etwa Exoskelette, mit denen man trotz Lähmung etwas laufen kann - da hätte sie Lust drauf, das auszuprobieren. "Der Kampf zurück ins Leben ist härter als der Kampf um Goldmedaillen", gibt Vogel zu, die zu gern ihren Traum, mit einem zwölften WM-Titel alleinige Rekordhalterin im Bahnradsport zu werden, verwirklicht hätte. Dieses Ziel ist nun abgehakt. Dem Radsport möchte sie trotz ihrer Lähmung treu bleiben und sich weiterhin als Athletensprecherin des Weltverbandes UCI engagieren. Und dann sagt sie noch: "Vielleicht gewinne ich meine zwölfte Goldmedaille einfach woanders."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema