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"Brutal hart, pures Chaos"Schluss mit hyggelig: Dänen kämpfen EM-Katastrophe erstmal weg

23.01.2026, 11:08 Uhr
imageVon Till Erdenberger, Herning
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Mathias Gidsel hat immer Stress. (Foto: picture alliance / Ritzau Scanpix)

Dass die dänische Nationalmannschaft im eigenen Land Handball-Europameister wird, gilt als ausgemachte Sache. Doch dann kommt es zu einem unvorhergesehenen Ereignis, und auf einmal herrscht Stress. Was folgt, ist nichts Geringeres als das Giganten-Duell.

Es war noch keine Untergangsstimmung, die nach der sensationellen 29:31-Niederlage im EM-Vorrundenspiel gegen Portugal in Dänemarks Handballseele gekrochen war, aber die erste Pleite seit zwölf Jahren in der mächtigen Jyske Bank Boxen hatte doch für Unwohlsein beim Gastgeber gesorgt. Hier in Herning, in der Boxen, schlägt das Herz des dänischen Handballs, hier sind sie eigentlich noch mehr eine Macht als überall anders auf der Welt. Angetrieben von Tausenden, die das eigene Team nach vorne und jeden Gegner gegen eine Wand schreien wollen. Verlieren kommt hier nicht vor. Und doch passierte es.

Die Niederlage hatte am Selbstverständnis der als unschlagbar geltenden Goldenen Generation des Serien-Weltmeisters gerüttelt. "Inakzeptabel" nannte Weltstar Mathias Gidsel die Pleite, die heimische Presse beschwor eine "Katastrophe". Auf einmal schien der GAU, das Verpassen des fest eingeplanten ersten EM-Titels seit 2012, möglich. Und dann kommt zum ersten Hauptrundenspiel ausgerechnet Frankreich, um die Boxen gegen das Weltklasse-Ensemble und 13.000 dänische Fans in Rot und Weiß zu stürmen. Es gelang fast, mit zwei Toren führte der Europameister noch neun Minuten vor Schluss.

"Gesund für uns"

Doch dann schaltete die Boxen, die zuvor zitterte vor dem Sterben der Träume, die Sitzreihen vibrierten und diese mächtige Handball-Gottheit Dänemark erhob sich unwiderstehlich. 32:29 rangen sie am Ende Frankreich nieder, die Tormaschine, den Rivalen, der ihnen 2024 im dramatischen EM-Finale von Köln die letzte Pflichtspielniederlage beigebracht hatte. In jedem Torschrei steckt hier die pure Emotion: Angst, Frust, Trotz, Stolz und Liebe. Nein, heute wollten sie ihren Traum nicht sterben sehen. Als Gidsel und Co. neun Minuten vor dem Ende eines faszinierenden Duells anzogen und mit einem 7:3-Lauf jeden leisen Zweifel an der eigenen Extraklasse wegwischten, war das Selbstverständnis wieder da.

Ein Triumphzug ist dieses Turnier nicht, ein Selbstläufer schon gar nicht. Sie sind jetzt zwei Spiele lang nicht geflogen, hart gelandet sind sie nicht. "Ich glaube, es ist sehr gesund für uns zu spüren, dass wir tatsächlich ein wenig mehr von uns selbst und als Team geben müssen", hatte Gidsel zuletzt gesagt.

Zu Tausenden waren seine Landsleute schon nachmittags in die Arena neben Fußballstadion und Autobahn geströmt. Sie feierten sich warm in der Fanzone, einer gigantischen monothematischen Messehalle rund um die Großartigkeit des dänischen Handballs. Die hochkarätigen Vorspiele von Deutschen und Portugiesen (32:30), der dramatische Kampf zwischen Spaniern und Norwegern (34:35)? Bestenfalls Durchlauferhitzer fürs große Finale. Der Däne duldet keine Handball-Gottheiten neben denen in Rot und Weiß. Und wenn doch, interessiert er sich nicht besonders für sie.

Gegen die Franzosen zeigten sich die Dänen allerdings zu Beginn ungewohnt nervös, viele Selbstverständlichkeiten funktionierten nicht. So kroch die Nervosität in die Boxen. Und hätte nicht Wunder-Torwart Emil Nielsen irgendwann auf Kampfmodus umgestellt, Dänemark, dieses Ensemble, in dem sich ausschließlich absolute Weltklasse versammelt hat, hätte zur Halbzeit deutlich zurückgelegen.

"Brutal hart"

Hygge, das dänische Lebensgefühl, das Gemütlichkeit und Gelassenheit beschreibt, ist bis in die Schlussminuten nirgends spürbar. Nicht bei den entfesselten Massen auf der Tribüne, nicht auf dem Feld und schon gar nicht an der Seitenlinie, wo Nationaltrainer Nikolaj Jacobsen über nahezu die komplette Distanz des Spiels mit hochrotem Kopf schreiend auf das Giganten-Duell vor seinen Augen einwirken will. "Heute war es brutal hart und unglaublich schwierig. Es war der pure Wahnsinn und Chaos", sagte Jacobsen, der Dänemark zu vier WM-Titeln in Serie geführt hat. "Ich bin so glücklich und stolz auf das Team, dass wir jetzt mit zwei Punkten hier stehen." Gidsel war einfach "sehr erleichtert". Damit bleibt die Chance auf den Halbfinaleinzug - und damit auf den ersehnten Titel - intakt.

Viele von uns versuchten, die Initiative zu ergreifen, um die Halle in Schwung zu bringen, und ich finde, dass die Halle fantastisch auf die Signale reagiert, die wir aussenden. Am Ende kann ich fast nichts mehr hören, weil in der Halle so viel los ist. Das war es, was wir versucht haben, und das war es, was wir erreichen wollten.Hinterher war in der Mixed Zone - wo sich Spieler und Journalisten zum Gespräch treffen - öfter vom Druck die Rede, der immer auf den Dänen laste. Und von einem "Warnschuss", zu dem die Portugal-Pleite gedeutet wurde. Welche Aufregung die Niederlage ausgelöst hat, lässt sich in einer Wahnsinnsdiskussion ermessen: Welthandballer Gidsel hatte die Portugiesen während eines hitzigen Disputs zur Ruhe gemahnt, schließlich ging es "nur um Handball".

"Gesund für uns"

Im Boulevard wurde dem Superstar daraus ein Strick gedreht, mangelnde Ernsthaftigkeit und fehlender Kampfgeist fürs große Ziel angedichtet. Jenem Gidsel, der in jedem Spiel permanent an der Grenze zur gefährlichen Körperverletzung mit sich selbst als Opfer operiert, der die großen Spiele auf die eigenen Schultern lädt und auch das Superstar-Duell mit den Weltklasse-Franzosen deutlich für sich entschied - und am Ende mit neun Treffern mal wieder bester Werfer der Partie war.

"Vielleicht ist es sehr gesund für uns zu spüren, dass wir auch verlieren können. Vielleicht ist es auch gesund für euch zu spüren, dass wir verlieren können", hatte Gidsel noch zu den Pressevertretern gesagt, dann ließ seine Mannschaft das dänische Handballherz mächtig schlagen. "Viele von uns versuchten, die Initiative zu ergreifen, um die Halle in Schwung zu bringen, und ich finde, dass die Halle fantastisch auf die Signale reagiert, die wir aussenden", staunte Rückraumstar Simon Pytlick über die Atmosphäre. "Am Ende kann ich fast nichts mehr hören, weil in der Halle so viel los ist. Das war es, was wir versucht haben, und das war es, was wir erreichen wollten."

Die Situation freilich ist weiterhin prekär, jede weitere Niederlage in der brutal schweren Hauptrundengruppe kann den Schubs in den Abgrund bedeuten. Am kommenden Montag muss Dänemark gegen die deutsche Mannschaft ran (20.30 Uhr/ARD und im Liveticker auf ntv.de).

Ja, es ist wahrlich Schluss mit der Hyggeligkeit. Auf dem falschen Fuß wird man den Favoriten nicht mehr erwischen können. Dänemark ist im handballerischen Kampfmodus, die Sinne sind geschärft. Für alle anderen Nationen ist das eine schlechte Nachricht.

Quelle: ntv.de

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