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Novum beim America's Cup Segler radeln übers Wasser

Beim Segel-Finale des America's Cups zieht Herausforderer Neuseeland derzeit Titelverteidiger USA davon. Alle vier bisher gefahrenen Rennen konnten die Kiwis für sich entscheiden. Radsportler sorgen dabei für den Unterschied.

Die Formel 1 der Segler wird in diesem Jahr vielleicht von Radsportlern entschieden. Denn beim Finale des America's Cups vor Bermuda hat das Team Neuseeland vier Radfahrer an Bord. Der bekannteste unter ihnen: Simon van Velthooven. Der Neuseeländer hat bei den Olympischen Spielen 2012 Bronze im Bahnrad-Wettbewerb Keirin gewonnen. Jetzt kämpft der 28-Jährige nicht mehr mit seinen Gegnern auf der Bahn, sondern mit Wind, Wellen und dem Hydrauliksystem.

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Ein neuer Anblick beim America's Cup: Für das Team Neuseeland sorgen Radfahrer für den Hydraulikdruck.

(Foto: imago/Americas Cup)

Denn für perfektes Segeln wird Schwerstarbeit verlangt. Das Hydrauliksystem darf nur mit reiner Muskelkraft angetrieben werden. Motoren und Speichersysteme sind auf den Booten nicht erlaubt. Also müssen die Grinder - so nennt man die Männer, die an der Kurbel den hydraulischen Druck erzeugen, - ordentlich Gas geben. Und eben hierfür ist van Velthooven verpflichtet worden.

Unfall wie bei Looping eines Flugzeugs ist möglich

Mittels des Hydraulikdrucks werden alle Systeme und damit auch die Tragflächen bewegt, auf denen die Boote übers Wasser fliegen. Denn die Hightech-Katamarane liegen nicht wie normale Boote mit dem Rumpf im Wasser. "Das Boot liegt auf den vorderen Tragflächen und wird mit den Tragflächen des Ruderblatts im Wasser gehalten, sodass es gerade fährt", erklärt Boris Hepp, Technischer Leiter beim Deutschen Segelverband, gegenüber n-tv.de. "Der Steuermann kann zudem mithilfe kleiner Bedienelemente am Steuerrad den Anstellwinkel der vorderen Ruderblätter und des Ruders regeln."

Die 15 Meter langen und zwei Tonnen schweren Katamarane erheben sich also und gleiten ähnlich wie Flugobjekte über die Wellen hinweg. So können sie deutlich höhere Geschwindigkeiten erreichen. 50 Knoten - mehr als 90 Stundenkilometer - sind möglich.

Allerdings muss die gesamte Crew dafür sorgen, dass das Boot in Fahrlage bleibt. Sobald ein kleiner Fehler passiert, etwa "das Ruder nach oben knallt, taucht der Bug ins Wasser und das Boot macht einen Überschlag", so Hepp. Oder wie der erfahrene Regatta-Segler Michael Walther es ausdrückt: "Der Bug bleibt stehen, aber das Segel will weiter." Vergleichbar sei das mit einem Looping beim Flugzeug, allerdings habe das in der Luft ja mehr Platz dafür, so Hepp. Wie schnell etwas schiefläuft, mussten auch die Kiwis im Halbfinal-Duell gegen Großbritannien erleben, als sie in der Vorstartphase kenterten.

Sechs Personen sind an Bord des Katamarans

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Peter Burling gilt als Jahrhunderttalent der Segler.

(Foto: imago/Americas Cup)

Die Crew eines Katamarans besteht aus sechs Personen. Bei den Kiwis fungiert der erst 26-jährige Peter Burling als Steuermann. Er ist bereits Olympiasieger und gilt als Jahrhunderttalent der Segler. Außerdem an Bord ist der Trimmer, der für den maximalen Vortrieb sorgt, indem er das Flügelsegel immer perfekt zum Wind ausrichtet. Hinzu kommen vier Grinder an der Kurbel. Hier setzt das Team USA wie üblich auf Armkraft. Die Kiwis hingegen haben ihr Hightech-Boot komplett neu konzipiert und Fahrradergometer verbaut, auf denen die Radfahrer um van Velthooven in die Pedale treten. Sollte das laut Reglement erlaubt bleiben, sei das eine Methode, die sich durchsetzen wird, so Hepp. Natürlich sei es viel einfach, die Hydraulikdrücke auf dem Fahrrad zu erzeugen.

Auch Neuseelands Fitnesstrainer Hubert Woroniecki erklärt es in einem Video des Teams: "In den Beinen gibt es deutlich größere Muskelgruppen. Und die Jungs können wesentlich mehr Power erzeugen." "Sie können 1000 Watt für eine Minute halten, für 30 Sekunden sogar 1300 Watt. Ich wette du musst kämpfen, die Hälfte mit den Armen zu schaffen", sagt Tim Meldrum, Konstrukteur des neuseeländischen Katamarans der Zeitung "The Daily Telegraph".

Kein leichter Spaziergang übers Deck

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2012 gewann Simon van Velthooven im Keirin noch Olympia-Bronze.

(Foto: imago/PanoramiC)

Doch reine Kraftpakete, die keine Segel-Erfahrung haben, sind auf dem Katamaran fehl am Platz, sind sich Hepp und Walther einig. Auch van Velthooven muss üben, mit den Gegebenheiten des Bootes klarzukommen und bei einem Positionswechsel nicht über Bord zu gehen. "Bei einem 35 Knoten segelnden Katamaran mal eben von der einen auf die andere Seite zu hüpfen, das ist keine Sache, die ein Fahrradfahrer einfach macht", so Walther. Es komme ja auch niemand auf den Gedanken, bei 80 Stundenkilometern auf einem Autodach zu spazieren.

Doch ansonsten gehört van Velthooven zu den Grindern, die ausschließlich in die Pedale treten müssen. "Deren Aufgabe ist es, den Hydraulikdruck herzustellen", so Hepp. Zwei weitere Radfahrer dagegen sind nicht erst vor wenigen Jahren zum Segeln gewechselt - sie sind mit dem Segeln groß geworden. Neben der Druckerzeugung sind sie für hochkomplexe Aufgaben eingeteilt. Einer von ihnen übernimmt die Aufgabe des Taktikers. "Der Job des Taktikers ist, dass er dem Wind ansieht, was er gleich macht. Und zwar an einer Stelle, an der das Boot noch gar nicht ist", erklärt Hepp - und salopp: "Er sagt dem Steuermann, wo er hinfahren soll." Zehn Jahre professionelles Training seien dafür nötig. Auch der Bowman, der sich unter anderem um die Vorsegel kümmert, gehört gleichzeitig zu den Grindern, muss aber ebenfalls langjährige Erfahrung mitbringen. "Er muss wissen, was die Aerodynamik mit dem Segel macht", so Hepp. Sein Fazit: "Ein Segler muss ein Multitalent sein."

Plötzlich kommt es auf neue Muskelgruppen an

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Mit bis zu 50 Knoten rasen die Katamarane übers Wasser.

(Foto: imago/Americas Cup)

Für Taktiker und Bowman kommt hinzu, dass sie seit der spektakulären Innovation der neuseeländischen Crew völlig neue Muskelgruppen trainieren müssen: Statt auf die Arme kommt es nun auf die Beine an. Das wird auch von der Konkurrenz aufmerksam beäugt. Angeblich sollen einige Teams ebenfalls an Fahrradergometer statt Handkurbeln gedacht, die Idee aber aufgrund verschiedener Mängel verworfen haben. Demnach hatten sie befürchtet, das Boot könnte durch die Räder an Stabilität verlieren.

Das Argument der Stabilität sei richtig, sagt Meldrum. Aber kein so schwerwiegendes, als dass man es nicht mit neuen Methoden und der richtigen Konstruktion in den Griff bekommen würde. "Ich denke einer der Hauptgründe, warum andere Teams die Idee verworfen haben, ist der Einfluss der Segler, die sich von der radikalen Veränderung bedroht gefühlt haben", so Meldrum. "Es ist verständlich - was würdest du tun, wenn du in der Vorbereitung sechs Monate dafür trainiert hast, riesige Schultern und schmale Beine zu bekommen und plötzlich kommt ein Designer und sagt dir, du sollt das Bankdrücken weglassen und eine Radlerhose anziehen?"

Angst vor dem Jahrhundert-Comeback im Hinterkopf

Bisher zahlt sich das Experiment der Kiwis aus. Vier Final-Rennen sind gefahren, viermal konnte Neuseeland gewinnen. 30 Sekunden, 1:28 Minuten, 49 Sekunden und 1:12 Minuten - so deutlich war in den Duellen der Vorsprung. Aufgrund des Reglements muss Neuseeland acht Rennen gewinnen, Team USA sieben, um den America's Cup einzuheimsen.

Die klare Führung allerdings sollte die Neuseeländer nicht beruhigen. Bei der 34. Auflage des America's Cup im Jahr 2013 führten die Kiwis bereits 8:1 - und unterlagen dem Team aus den Vereinigten Staaten noch mit 8:9.

 

Quelle: n-tv.de

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