Sport

Corona und der Olympia-Traum Der zermürbende Kampf von Simone Biles

70f151960dab5a33573e81d0bb5068c2.jpg

Die Beste der Besten: Simone Biles.

(Foto: AP)

Eigentlich will Simone Biles ihre überragende Turn-Karriere in Tokio mit weiteren Olympiasiegen vergolden - und beenden. Nun beschleichen die Amerikanerin nach der Verschiebung auf 2021 Zweifel, ob sie die Belastung noch ein Jahr länger durchhalten kann.

Als ein schrilles Rasseln auf ihrem Handy die Eilmeldung von der Olympiaverschiebung verkündete, hockte Simone Biles nach dem Training erschöpft in der Umkleidekabine. Zuerst kam die Schockstarre, dann liefen die Tränen. Und schiere Ratlosigkeit erfasste die gerade einmal 1,42 Meter große Ausnahmeturnerin.

"Ich wusste nicht, was ich fühlen sollte. Ich saß einfach nur da und weinte", sagte die dreimalige Weltsportlerin des Jahres, nachdem sie sich wieder ein wenig gefangen hatte. Und doch: Noch immer ringt die erfolgreichste Kunstturnerin der Geschichte darum, sich mental auf eine Verlängerung ihrer beispiellosen Karriere bis Sommer 2021 einzustellen.

Das brutal harte Training, die langsam zunehmende Zahl von kleineren Blessuren - all das wollte die Rekordweltmeisterin nach den Spielen von Tokio hinter sich lassen, einen Haken daran setzen. Nun gilt es für die Amerikanerin, wegen der Folgen der Coronavirus-Pandemie weitere zwölf Monate durchzuhalten.

"Mental noch nicht vollständig bereit"

Physisch, da ist sich die viermalige Olympiasiegerin ziemlich sicher, sei das kein Problem für sie. Aber mental sei sie derzeit noch nicht vollständig bereit dazu, sich dieser Herausforderung zu stellen. Biles: "Das empfinde ich schon als eine Last. Ich war darauf eingestellt, meinen Tank auf dem Weg nach Tokio schon in diesem Jahr leer zu fahren."

Denn im fernöstlichen Kaiserreich wollte sich die 23-Jährige auch auf der olympischen Bühne zur erfolgreichsten Gerätartistin in der Historie der fünf Ringe krönen. Nach vier Olympiasiegen 2016 in Rio de Janeiro plante Biles den Gewinn aller sechs erreichbaren Goldmedaillen. Sie würde damit die Ukrainerin Larissa Latynina, die zwischen 1956 und 1964 neun Olympiasiege für die Sowjetunion holte, übertrumpfen.

Mittlerweile ist die mit 25 WM-Medaillen dekorierte Sportlerin im heimischen Texas wieder im Training, doch ohne konkrete Aussichten auf ein Wettkampf-Comeback fällt die Motivation nicht leicht: "Körperlich, aber vor allem eben geistig." Dafür bleibt wenigstens ein bisschen Zeit, um die weltweite Fan-Community zu bespaßen. Ein You-Tube-Video, bei dem sich Biles aus dem Handstand heraus binnen 55 Sekunden ihrer Trainingsleggings entledigt, löste im Netz große Begeisterung aus.

Auf den Spuren von Vera Caslavska

Aber der Jubel ihrer zumeist weiblichen Anhänger wäre noch viel größer, wenn das Jahrhundert-Talent sich seiner allerletzten olympischen Herausforderung tatsächlich stellen würde. Zweimal Mehrkampf-Gold bei Olympia (1964 und 1968) gelang bislang nur der 2016 im Alter von 74 Jahren verstorbenen tschechischen Kunstturn-Legende Vera Caslavska.

Und Biles verließe als ein Superstar dieser Spiele das internationale Turnpodium. Mit einer vollendeten Karriere und der Gewissheit, ihrem so geliebten Sport optimal gedient zu haben. Für diese schier grenzenlose Hingabe wird sie seit Jahren von der meist chancenlosen Konkurrenz fast schon verehrt. "Was Simone zeigt, gibt dem Turnen weltweit einen Schub. Wenn man jemanden hat, der so viel Aufmerksamkeit erzeugt, tut das diesem Sport nur gut", sagte die deutsche Rekordmeisterin Elisabeth Seitz im SID-Interview.

Biles sollte also einfach noch einmal nachtanken...

Quelle: ntv.de, Andreas Frank, sid