DHB-Team vor historischem AusDeutsches EM-Fiasko kann noch vermieden werden

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft steht vor dem Aus bei der EM. Der Kollaps gegen Serbien sorgt für gewaltigen Druck, am Ende muss gerechnet werden. Im schwersten Vorrundenspiel gegen Spanien gilt: Verlieren verboten.
Es war ein gewaltiger Schock: Mit der völlig unnötigen Vorrundenpleite gegen Serbien (27:30), die man sich durch eine desaströse zweite Hälfte eingebrockt hatte, muss die deutsche Nationalmannschaft bei der EM gewaltig um den Einzug in die Hauptrunde zittern. Und da würde für das DHB-Team, so war man sich vor dem Beginn des Turniers einig, der Albtraum erst so richtig losgehen. Gelänge das Weiterkommen, würden Topstar Juri Knorr und seine Kollegen den unschlagbar scheinenden Dänen und den bislang beeindruckenden französischen Tormaschinen völlig ungeschützt gegenübertreten müssen. Aber der Weg dorthin ist vor dem abschließenden Vorrundenspiel gegen Spanien (Montag, 20.30 Uhr/ARD und im Liveticker auf ntv.de) noch weit.
"Wir müssen die Spanier mit drei Toren schlagen, was alles andere als einfach ist. Aber das müssen wir machen, wenn wir nicht rausfliegen wollen", rechnete der am Samstagabend äußerst unglücklich agierende Bundestrainer Alfred Gislason vor und sprach von einer "maximal schweren Aufgabe, die wir jetzt bekommen. Bislang haben sich die Spanier als die stärkste Mannschaft dieser Gruppe gezeigt." Der deutschen Mannschaft, die gegen die keinesfalls überragenden Serben die zweite Halbzeit mit 10:17 verloren hatte, droht das erste EM-Vorrunden-Aus überhaupt im aktuellen Modus.
"Frustration"
Die Spanier, gegen die die deutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr denkbar knapp durch ein 25:24 ins Endspiel eingezogen war, haben sich bislang keinerlei Blöße gegeben, schlugen Serbien (29:27) und Österreich (30:25) souverän. Nach dem Kollaps des deutschen Angriffsspiels in der zweiten Halbzeit gegen Serbien, fehlt derzeit die Fantasie, wie die deutsche Mannschaft gegen stabile, gut sortierte Spanier einen deutlichen Sieg herauswerfen soll. "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand und müssen einfach Energie schöpfen aus der Frustration, die jetzt da ist", sagte der sichtbar geladene Spielmacher Juri Knorr, dem sein eigener Bundestrainer in der nervenaufreibenden Schlussphase durch einen Blackout den Treffer zum 26:26 geraubt hatte.
Nach zwei Spieltagen rangiert die deutsche Mannschaft (2:2 Punkte) auf Rang drei in ihrer Vierergruppe A, punktgleich mit Serbien und hinter den bislang souveränen Spaniern (4:0 Punkte). Österreich ist mit zwei Niederlagen Letzter – hat aber selbst noch theoretische Chancen aufs Weiterkommen. Das könnte Deutschland helfen.
Deutschland erreicht die Hauptrunde, wenn ...
... Serbien im Vorspiel gegen Österreich verliert und das DHB-Team gegen Spanien anschließend mindestens unentschieden spielt. Dann nimmt Deutschland die Punkte aus dem Duell mit Spanien mit in die Hauptrunde.
... Serbien im Vorspiel höchstens unentschieden spielt und Deutschland Spanien egal mit welchem Ergebnis schlägt. Dann nimmt Deutschland als Gruppensieger aufgrund des gewonnenen direkten Vergleichs zwei Punkte aus dem Duell mit Spanien mit in die Hauptrunde.
... Serbien Österreich schlägt und Deutschland gegen Spanien mit mindestens drei Toren Unterschied gewinnt. Dann zieht Deutschland als Gruppenzweiter gemeinsam mit Serbien in die Hauptrunde ein, nimmt allerdings keine Punkte mit.
... die DHB-Auswahl gegen Spanien verliert und Österreich gegen Serbien mit drei Toren Vorsprung gewinnt, das Ergebnis dabei aber nicht höher als 29:26 ausfällt. In diesem Fall wären Deutschland, Österreich und Serbien punktgleich und würden auch die gleiche Tordifferenz aufweisen. Die DHB-Auswahl hätte im Dreiervergleich aber die meisten Treffer erzielt und würde als Gruppenzweiter mit 0:2 Zählern weiterkommen
"Hatten selten solchen Druck"
Deutschland verpasst die Hauptrunde in jedem Fall, wenn das DHB-Team auch gegen Spanien verliert. In diesem Fall können sogar die bislang abgehängten Österreicher noch auf den ganz großen Coup hoffen: Schlagen die von Deutschlands Torwart Andreas Wolff arg abgekanzelten ("Anti-Handball!", "Will keiner sehen!", "Angriffsspiel in seiner ganzen Hässlichkeit!") Außenseiter gegen Serbien mit vier oder mehr Toren Unterschied, gewinnt das Team von Trainer Iker Romero den Dreiervergleich mit Serbien und dem DHB-Team – und ist weiter.
Der beste Fall für die deutsche Mannschaft wäre eine Niederlage Serbiens und ein eigener Sieg gegen Spanien. Dann geht die deutsche Mannschaft, die als Ziel das Halbfinale plus X ausgerufen und sich in der Vorbereitung so viel Selbstvertrauen erspielt hatte, mit zwei Punkten bewaffnet in den Kampf mit den Schwergewichten der Handball-Welt. Dann könnte man sich auch eine Niederlage gegen Serien-Weltmeister Dänemark erlauben, ohne dass alle Träume vorzeitig platzen. Besonders wahrscheinlich ist dieses Szenario nicht.
"Wir hatten selten solch einen Druck und müssen schauen, dass wir gegen Spanien ein anderes Gesicht zeigen. Es gilt, sich gegenseitig Mut zu machen und top motiviert ins Feld zu ziehen", appellierte Torhüter Andreas Wolff noch an seine Mitspieler. Sonst endet eine EM, für die sich alle so viel vorgenommen hatten, in einem kompletten Desaster. In jedem Falle gilt: Verlieren verboten.