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Bittere Wimbledon-Pleite Soll es das für Federer gewesen sein?

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Roger Federer verlässt den Centre Court von Wimbledon - zum letzten Mal?

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Tennis-Ikone Roger Federer will in Wimbledon Großes erreichen, doch der Schweizer muss eine bittere Klatsche hinnehmen. Deutlich verliert er schon im Viertelfinale. Die große Frage, die die Tenniswelt umtreibt: Kommt er noch einmal zurück?

Nein, so wollen sie den vielleicht größten Spieler, den Wimbledon je erlebt hat, nicht gehen lassen. Nicht für immer jedenfalls. "One more year", bitte "ein weiteres Jahr", flehten die Tennisfans im bis unters Dach gefüllten Centre Court Roger Federer an. Der Schweizer nahm die Ovationen wahr, in sich gekehrt war er aber, als er nach seiner schlimmsten Pleite von seinem geliebten Court schlich. Mit gesenktem Kopf, bitter geschlagen und ratlos. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die krachende Viertelfinal-Pleite gegen den Polen Hubert Hurkacz der letzte Auftritt des achtmaligen Titelträgers in seinem "Wohnzimmer" war.

Federer verließ den Court, wie der große Spieler, der Gentleman, der er ist: Ohne Inszenierung und vor allem ohne dem verdienten Sieger die Show zu stehlen, der gerade einige der größten Momente seiner noch vergleichsweise jungen Laufbahn genoss. Federer winkte kurz ins Publikum, dann war er weg. Hurkacz applaudierte derweil selbst dem schwer Geschlagenen.

"Ich weiß es wirklich nicht"

"Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht", sagte er angesprochen auf den möglichen letzten Abschied aus Wimbledon: "Natürlich würde ich gerne nochmal hier spielen. Aber in meinem Alter weißt du nie, was passiert." 39 Jahre alt ist Federer inzwischen, in rund einem Monat feiert er seinen 40. Geburtstag. 1251 Matches hatte er vor diesem Mittwochnachmittag auf der Tour gewonnen, doch diesmal reichte es nicht. Im Gegenteil: Es war ein trauriges Schauspiel. Der Schweizer, dessen scheinbare Leichtigkeit und Eleganz die Tennisfans seit mehr als zwei Dekaden begeistert und die ihn zu einem der erfolgreichsten Spieler in der Geschichte des Sports gemacht hatten, litt sichtbar gegen den 24-jährigen Polen. Dabei steht Federer doch seit Jahrzehnten für das Schöne im Tennis.

Der 20-malige Grand-Slam-Gewinner traf die Bälle oft unsauber, stand oft schlecht, eine ungewohnte Häufung leichter Fehler kostete ihn den Tiebreak des zweiten Satzes, dominant war er nie - und der dritte Satz war schlicht ein Desaster: Zum zweiten Mal in diesem Jahrtausend und in Wimbledon zum ersten Mal überhaupt verlor er einen Durchgang ohne eigenen Spielgewinn. So stand am Ende ein 3:6, 6:7 (4:7), 0:6. Nicht gegen Novak Djokovic oder Rafael Nadal, die anderen Heroen einer außergewöhnlichen Tennis-Ära, sondern eben gegen den an Nummer 14 gesetzten Hurkacz. Es wäre ein schlimmer Abschied von Wimbledon.

Federer hatte erst vor wenigen Wochen nach zwei Knieoperationen und beinahe einem Jahr Pause sein Comeback gegeben. Nach der Absage der Wimbledon-Auflage des vergangenen Jahres war er "am Boden zerstört" - und beendete seine Saison vorzeitig. Der bald 40-Jährige betonte stets, dass das Rasenturnier in London während seiner Reha immer das große Ziel gewesen sei. "Ich bin sehr glücklich, dass ich dieses Jahr spielen konnte", aber: "Jetzt ist das vorbei und wir müssen uns zusammensetzen und schauen, was gut und was schlecht war", sagte ein sichtbar niedergeschlagener Federer hinterher: "Wie geht es dem Körper, wie geht es dem Geist?"

Natürlich sei die Niederlage "hart". Einen sofortigen Rücktritt schloss er aber aus. Er müsse sich "jetzt erstmal sammeln und mir ein paar Tage Zeit nehmen. Das Ziel ist natürlich weiterzuspielen." Denn natürlich wisse er auch, "dass ich schon bald wieder optimistisch sein werde, ich weiß, wie ich in solchen Situationen reagiere." In ein paar Tagen könne er schon wieder "gut drauf und wieder der Alte sein". Ob er sich aber noch einmal bis nach Wimbledon zurückkämpfen kann, erscheint fraglich. Entscheidend wird aber eben die Analyse sein: "War es so gut, wie ich dachte, oder schlechter?" Er habe "alles probiert, und ich bin zufrieden mit dem, was ich an diesem Turnier hatte."

Nach einem komplizierten Start gegen den Franzosen Adrian Mannarino war Federer tatsächlich immer besser ins Turnier gekommen. "Ich bin sehr zufrieden", sagte der älteste Spieler, der je ein Wimbledon-Viertelfinale erreicht hat, nach dem Achtelfinalsieg über den Briten Cameron Norrie. "Für mich hatte ich das Gefühl, dass ich in der Lage war, ein sehr hohes Spielniveau zu halten. Insgesamt kann ich sehr zufrieden damit sein, wie ich gespielt habe." Vieles habe er sich ja beweisen können, sagte er dann nach dem Aus: "Aber jetzt am Schluss habe ich wieder gemerkt, dass etwas Entscheidendes fehlt." Das könnte der Knackpunkt sein.

Michael Stich, der Wimbledon-Sieger von 1991, mutmaßte bei Sky: Es gehe nur "um sein Gefühl zu sagen: Komme ich nächstes Jahr nochmal nach Wimbledon und verliere vielleicht in der ersten Runde?" Für die Entscheidung, wann der richtige Moment zum Angang gekommen ist, gebe es "keine Anleitung", das sei "ein Bauchgefühl". Es ist schwer vorstellbar, dass der achtfache Champion Federer, der womöglich beste Rasenspieler aller Zeiten, nur noch einmal nach Wimbledon kommt, um nach einer frühen Pleite noch ein letztes Mal ins Publikum winken zu können.

Es wäre immerhin eine schöne Geschichte

"Den Court zu verlassen und zu realisieren, dass ich gegen Roger gewonnen habe, ist ein wahrgewordener Traum - vor allem hier in Wimbledon", schwärmte Hurkacz hinterher. Wäre es wirklich der Pole, der die große Wimbledon-Karriere des Schweizers beendet hätte, es wäre immerhin eine schöne Geschichte zum Abschied: "Roger, was er tut, die Art, wie er spielt, die Titel, die er gewonnen hat - er hat so viele Leute inspiriert", schwärmte Hurkacz vor dem Match. "Da draußen zu sein und im Viertelfinale gegen ihn zu spielen, das ist wirklich unglaublich."

Es war Federer, der Hurkacz - und mit ihm eine ganze Generation an jungen Tennisspielern - inspirierte. 2001 hatte der Schweizer im Achtelfinale von Wimbledon in einer epischen Schlacht zum ersten Mal sein großes Idol Pete Sampras bezwungen und damit dessen außergewöhnliche Dominanz endgültig gebrochen. Siebenmal in den acht Jahren davor hatte Sampras in Wimbledon gewonnen, nach Federers 7:6 (9:7), 5:7, 6:4, 6:7 (2:7), 7:5-Sieg trat er nur noch einmal an der Church Road an und verlor sensationell gegen den Schweizer George Bastl.

Hurkacz machte damals seine ersten Schritte auf dem Tennisplatz, Federer wurde später sein Idol. Der Pole ist längst selbst ein formidabler Spieler, inzwischen steht er auf Platz 18 der Weltrangliste und gewann im Frühjahr in Miami sein erstes Masters-Turnier. Bei einem Grand-Slam-Turnier war er bislang jedoch noch nicht über die dritte Runde hinausgekommen. Nun leitete Hurkacz womöglich endgültig die Götterdämmerung ein. Wie Federer 2001. Die Menschen in Wimbledon und viele, viele Fans rund um die Welt hoffen, dass es anders kommt.

Quelle: ntv.de

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