Sport
Video
Freitag, 10. August 2018

"Deutsche Präzisionsarbeit": Speerwerfer verzücken mit Gold und Silber

Von Anja Rau, Berlin

Gold an Deutschland, Silber an Deutschland - die beiden Speerwerfer Thomas Röhler und Andreas Hofmann halten dem Erwartungsdruck bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin stand. Der Sieger geht am Ende trotzdem baden.

Und platsch! Speerwerfer Thomas Röhler geht erst einen Schritt am Wassergraben der Hindernisläufer vorbei, dann macht er kehrt und wirft sich ausgelassen wie ein kleines Kind hinein. Er kommt wieder heraus, reißt die Arme hoch und schreit seine Freude über den Europameistertitel heraus. 39.355 Zuschauer im Olympiastadion brüllen mit ihm. "Das war so spontan. Ich habe den ganzen Wettkampf über immer aufgepasst, dass ich da nicht reinfalle", erklärt der 26-Jährige. Schließlich bewege er sich während eines Wettkampfs "wie ein Tiger im Käfig. Dann kam der Moment, wo ich nicht mehr aufpassen musste und zack, rein da".

Andreas Hofmann in Aktion.
Andreas Hofmann in Aktion.(Foto: picture alliance/dpa)

Dass bei der Leichtathletik-EM in Berlin ein deutscher Speerwerfer die Goldmedaille gewinnt, damit rechnete vorher jeder. Sogar der Medaillensweep, also alle drei Plaketten für die Deutschen, schien möglich. Die drei sind die einzigen im Feld, die bereits über 90 Meter geworfen haben, alle drei haben das in diesem Jahr schon bestätigt. Seit mehr als einem Jahr dominieren sie. Aber wer setzt sich durch? Andreas Hofmann, der Deutsche Meister, Johannes Vetter, der Weltmeister des vergangenen Jahres oder eben Röhler, der Olympiasieger von 2016? Der Jenaer, der mit Abstand Schmalste der drei, gewinnt mit 89,74 Metern.  Für Hofmann gibt es für die Weite von 87,60 Meter Silber, Dritter wird der Este Magnus Kirt mit 85,96 Metern.

Vetter bleibt mit 83,27 Metern nur Rang fünf.  "Bronze hätte es sein müssen, mindestens." Lange hatte sich der Offenburger mit einer Oberschenkelverletzung geplagt. "Der ganze Wettkampf war überhaupt nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich habe heute viel probiert, das ging leider nach hinten los." Seinen Konkurrenten, Kollegen und außerhalb des Wettkampf Kumpels gratuliert er aber: "Für die anderen freut es mich, keine Frage. Thomas hat das ganze Jahr sehr stabil durchgezogen und ist auf den Punkt topfit geworden. Und für Andi freut es mich persönlich auch sehr, weil er seine erste internationale Medaille feiern konnte."

Für den Mannheimer Hofmann ist dieses EM-Silber von Berlin nach dem Universiade-Sieg 2017 tatsächlich der erste große Gewinn. "Die ganzen letzten Jahre wieder hochgekämpft, wieder rangekämpft, das ist im ersten Moment unbeschreiblich", so der Längste der drei Muske(l)tiere, wie sie gern genannt werden. Und so macht sich Hofmann eeuphorisiert mit Röhler auf die Ehrenrunde im Olympiastadion. Das sieht schon fast niedlich aus, weil sich die beiden großen Männer eine kleine Deutschland-Fahne teilen, bis jemand im Publikum eine zweite rausrückt.

Röhler: Einfach fokussiert geblieben

Vom Regen, der mit einer Unwetterfront über dem Stadion aufzieht, lass sich die beiden bei ihrer Feier im Stadionrund nicht verschrecken. Sie wollen, so scheint es beinahe, erst allen Zuschauern persönlich für die gute Stimmung danken. Für das Klatschen, das Mitschreien, das erwartungsvolle Ooohhh, das nach jedem Abwurf durchs Stadion raunt, für die Ekstase, nachdem die Medaillen verteilt sind. "Ich habe es jetzt schon mal definiert als die geilsten und emotionalsten Europameisterschaften, die ich wahrscheinlich in meiner Karriere erleben werde. Das Stadion hat getobt, die Menschen haben das Speerwerfen heute geliebt", sagt Röhler.

Seinen Sieg erklärt er so: "Ich glaube, heute habe ich gewonnen, weil ich einfach fokussiert geblieben bin. Ich hatte keine direkte Vorgabe, ich wollte einfach nur technisch korrekt und präzise werfen und so sind die Speere geflogen." Markig fügt er an: "Das war deutsche Präzisionsarbeit." Diese Präzision ist hart erarbeitet, Scheitern gehört auf dem Weg zum Fernziel Olympia 2020 in Tokio für ihn und seinen Trainer Harro Schwuchow dazu. "Wir haben viele Experimente gemacht dieses Jahr. Wir haben Sachen gemacht, die von außen nicht jeder verstanden hat. Wir haben den Wurfstil stellenweise angepasst, sind aber komplett zurück zu dem gekommen, wo der Röhler am besten ist und das ist einfach nur, diesen Speer zum Fliegen zu bringen. So wird man Europameister."

Europameister wird er auch, weil die deutschen Speerwerfer ein gutes Team bilden, wie sie selbst immer wieder betonen, sich austauschen und gegenseitig pushen. Klar, im Wettkampf sind sie Gegner, aber außerhalb können sie gut miteinander, reden auch über Alltägliches. "Viele Jahre habe ich versucht, aus den vielen Individualisten ein Team zu formen. Wir wollen unser Know-how gegenseitig nutzbar machen", erklärt Bundestrainer Boris Obergföll schon im Juli 2017 gegenüber n-tv.de - als die Überlegenheit seiner Schützlinge offenbar wird. Und er sagt damals auch: "Diese Speerwurf-Generation ist außergewöhnlich." Sie beweist es wieder einmal bei dieser Europameisterschaft.

Quelle: n-tv.de