Sport

Verwunderung bei "stern TV" "Stepis" schwieriges Plädoyer für Djokovic

Dragoslav Stepanovic ist eine Bundesliga-Legende: Der kauzige Trainer hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Fußball-Fans gebrannt. Mit einem Auftritt in der RTL-Sendung "stern TV" tat er sich allerdings wohl keinen Gefallen.

Dragoslav Stepanovic ist der Inbegriff des "Kulttrainers": Der Serbe, früher selbst Fußballprofi bei Eintracht Frankfurt, trainierte die Hessen in der Bundesliga, später verantwortete er die Geschicke von Bayer Leverkusen. In seiner Bundesligazeit prägte der listige "Stepi" manches Bonmot, sein "Lebbe geht weider", das er nach der haarscharf verpassten Meisterschaft 1992 prägte, ist längst deutsche Fußball-Folklore. Mit seinem Auftritt in der Sendung "stern TV" am Sonntagabend auf RTL präsentierte Stepanovic allerdings eine abenteuerliche These zum "Fall Djokovic".

"Zu 100 Prozent ist Djokovic das Opfer politischer Machenschaften", schimpfte Stepanovic in der Diskussionsrunde auf eine entsprechende Frage von Moderator Nikolaus Blome. "Wenn es eine Ausnahmegenehmigung gibt, und er bringt alle Dokumente mit, dann muss er rein dürfen." Zur Erinnerung: Novak Djokovic war an der Einreise nach Australien gehindert worden, der Fall ging zweimal vor ein Gericht, bevor die Entscheidung des Einwanderungsministers Alex Hawke endgültig bestätigt worden war: Djokovics Visum wurde annulliert, der ungeimpfte Weltranglistenerste hat das Land inzwischen verlassen. Djokovic selbst hatte eingeräumt, dass auf seinem Visumsantrag falsche Angaben gemacht wurden - versehentlich, "menschliche Fehler", wie der Serbe in einem Instagram-Beitrag geschrieben hatte.

"Nicht so nett für die Menschen in Australien"

Außerdem hatte Djokovic zugegeben, dass er sich nach einem positiven Corona-Test im Dezember in Serbien nicht an Isolationsvorschriften gehalten hatte, indem er Journalisten zum Interview traf. Djokovics Einreise könne eine "Anti-Impf-Stimmung" fördern, hatte die australische Regierung als einen Grund angegeben, warum Hawke das Visum von Djokovic erneut für ungültig erklärt hatte. Außerdem könne Djokovics Verhalten nach seiner Infektion "insbesondere andere dazu ermutigen oder beeinflussen, sein früheres Verhalten nachzuahmen und nach einem positiven Corona-Test die angemessenen Gesundheitsmaßnahmen nicht zu befolgen, was wiederum zur Übertragung der Krankheit und zu einer ernsten Gefahr für ihre Gesundheit und die anderer führen könnte", sagte Minister Hawke.

Die Politik hatte sich eingemischt und geltendes Recht angewandt und umgesetzt. Eine Verschwörungstheorie ist das nicht. Der Sport hätte Djokovic gerne in Australien gesehen, der australische Tennisverband machte als Veranstalter der Australian Open in der Kommunikation eine ganz schlechte Figur. Er sei nicht der Einzige, der wahrscheinlich in diesem Fall Dinge falsch gemacht habe, sagte am Morgen Tennisprofi Rafael Nadal über Djokovic. Natürlich gebe es mehrere Verantwortliche in der schrecklichen Situation der vergangenen zwei Wochen. "Aber natürlich ist er auch einer der Verantwortlichen."

Warum die australische Regierung Djokovic außer Landes schaffen wollte? Fußball-Weltenbummler Stepanovic präsentierte eine These: "Er hat neun Mal die Australian Open gewonnen. Wenn er sie zum zehnten Mal gewinnt, dann müssten sie eine Büste vor das Stadion stellen und die Arena auf seinen Namen umbenennen. Das kostet ein paar Euro und ist nicht so nett für die Menschen, die in Australien leben."

Die Ausnahmegenehmigung, mit der der Impfskeptiker Djokovic nach Australien geflogen war, hatte in dem Land, das mit die härtesten Einschränkungen für Einreise und Alltag verhängt hatte, für Empörung gesorgt. "Es ist mir egal, wie gut er als Tennisspieler ist. Wenn er sich weigert, sich impfen zu lassen, sollte er nicht reingelassen werden", betonte der prominente Arzt Stephen Parnis aus dem Bundesstaat Victoria. Die Ausnahmegenehmigung für den serbischen Tennisstar sei "eine erschreckende Botschaft" an Millionen Australier.

Der Sportreporter Andy Maher aus Melbourne erklärte, selbst zahlreichen Australiern sei zwei Jahre lang eine solche Ausnahmegenehmigung zur Einreise in ihr Heimatland verweigert worden, "aber dieser Kerl - der sich angesichts des Coronavirus außergewöhnliche Freiheiten herausgenommen hat - bekommt seine Ausnahme". Djokovic sei ein großartiger Sportler, "aber er ist nicht unverzichtbar". Mitdiskutant und Studiogast Joachim Llambi entgegnete Stepanovic, er "verstehe nicht, wie sich Menschen wie Djokovic über das Gesetz stellen wollen. Ich finde das respektlos allen Australiern gegenüber."

Stepanovic und Kyrgios sind sich einig

Fakt ist aber auch: Ausgerechnet Nick Kyrgios war in den vergangenen Tagen einer der aktivsten Streiter für das Bleiberecht von Djokovic in der gesamten Tennisszene. Wo sich zahlreiche Kollegen distanziert und genervt gezeigt hatten, ergriff der Australier immer wieder Partei für den Weltranglistenersten. "Schauen Sie, ich glaube definitiv daran, Maßnahmen zu ergreifen, ich wurde wegen anderer und für die Gesundheit meiner Mutter geimpft", hatte der 26-Jährige zuvor geschrieben. "Aber wie wir mit Novaks Situation umgehen, ist schlecht, wirklich schlecht." Djokovic sei "einer unserer größten Champions - aber am Ende des Tages ist er ein Mensch." Kyrgios war während der Affäre einer der engsten Verbündeten von Djokovic. "Peinlich" sei die Angelegenheit und das lange Hin und Her für Australien, sagte Kyrgios.

Dass die australische Regierung in der Causa ein schlechtes Bild abgegeben hat, ist unumstritten. Stepanovic sieht das so wie Kyrgios. "Die haben ganz viele Behauptungen aufgestellt, die nicht stimmen". Etwa, dass in Serbien nur 50 Prozent der Menschen geimpft seien. Dabei seien es 62 Prozent. Ähnlich äußerte sich die serbische Ministerpräsidentin Ana Brnabic. Sie ereiferte sich darüber, dass der Anwalt der Regierung im Verfahren vor dem Bundesgericht darlegte, dass in Serbien weniger als 50 Prozent der Bevölkerung doppelt geimpft seien.

Dies sei eine "offene Lüge", meinte Brnabic. "Wir haben derzeit 58 Prozent vollständig geimpft, und 37 Prozent erhielten den Booster." Die Zahlen, die Brnabic - und Stepanovic - angaben, bezogen sich aber wahrscheinlich auf den Anteil der Geimpften unter der erwachsenen Bevölkerung. Unter der Gesamtbevölkerung hatte er nach Angaben von "Our World in Data" zuletzt 47 Prozent betragen. In Australien sind nach Angaben der Regierung über 92 Prozent der Über-Sechzehnjährigen zweifach geimpft.

Stepanovic selbst ist übrigens Impfbefürworter. Im Interview mit einem Sportwettendienst sagte er, er habe "gedacht, von der Arbeitsweise, von der Disziplin, wird Deutschland das erste Land sein, das es schafft, diesen Virus wegzubekommen. Ich möchte den Leuten sagen, wenn wir in Kinos gehen wollen, in Restaurants gehen wollen, zum Fußball gehen wollen, dann müssen wir uns impfen. Wenn wir zu 80 Prozent geimpft sind, dann Lebbe geht weider."

"Novak hat überall geholfen"

Dass Djokovic einen Diplomatenpass besitzt, wie Stepanovic berichtete, stimmt. "Er kann rein und raus, wann immer er will", versicherte er in der Sendung. Ob der Profi, der den Pass bereits 2011 als Mitglied des serbischen Davis-Cup-Teams erhalten hatte, ihn diesmal versucht hat einzusetzen, ist nicht bekannt. Jedenfalls niemandem außer Stepanovic. "Er hat ihn nur nicht vorgezeigt, weil er so fair war", sagte der einstige Fußball-Trainer.

Fraglich ist allerdings, ob es ihm überhaupt etwas genutzt hätte. Kian Bone, vielzitierter australischer Anwalt und Experte für Einwanderungsrecht, hatte am Freitag unter anderem der "Herald Sun" erklärt, dass Djokovic keinen Vorteil aus seinem Diplomatenpass ziehen könne, da er weder als Diplomat in das Land eingereist sei noch sich auf einem offiziellen Staatsbesuch befinde. "Jeder Anspruch auf diplomatische Immunität gilt nur für diplomatische Vertreter und nicht für einen serbischen Privatmann".

Wie auch immer: Die Regierung sei undankbar, schimpfte Stepanovic noch. "Der Novak Djokovic hat überall geholfen. Hat der australischen Regierung Geld gegeben, als Feuer war." Nun ist wieder Feuer. Wenn auch nur in den Beziehungen zwischen Australien und dem erfolgreichsten Spieler der Tennisgeschichte.

Quelle: ntv.de, ter

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