Was Chang damit zu tun hatUnbekannter Überflieger bedroht Zverevs großen Traum

Learner Tien fällt wenig auf. Im Vorfeld der Australian Open 2026 wurde über andere Spieler gesprochen. Die aber sind auf dem Weg nach Hause. Tien hingegen spielt gegen Alexander Zverev in der Nacht zum Dienstag das größte Match seiner Karriere. Das hat auch mit seinem Trainer zu tun: Michael Chang.
Privatsphäre ist für die Organisatoren der Australian Open ein Fremdwort. Die Kameras hinter den Kulissen verfolgen die Profis auf Schritt und Tritt, kaum etwas bleibt unbemerkt. Man erlebt, wie sich die Spielerinnen und Spieler aufwärmen, wie sie die Golf-Karts besteigen, um zu den Außenplätzen gebracht zu werden. Auch beim Cool down, der aktiven Erholung nach Matchende auf den Fahrradtrainern, sind die Kameras dabei.
Nach seinem klaren wie imponierenden Sieg gegen Daniil Medvedev, früherer Finalist im Melbourne Park, sah man Learner Tien auf dem Fahrrad, Handtuch um die Schultern, das Smartphone in der Hand. Er lächelte. Lachte laut. Schaute stolz. Offensichtlich hatte Tien nach erstmaligem Erreichen des Viertelfinals bei einem Grand Slam viel damit zu tun, Glückwunschnachrichten zu lesen. Die Glückwünsche waren berechtigt. Tien spielte gegen Medvedev mit einer Gelassenheit, Konsequenz und einem Spielwitz, wie man es einem Spieler, der erst seit knapp zwei Jahren auf der ATP-Tour spielt, nicht zutraut.
Nur eine Sache stoppt Tien gegen Medvedev
Das Einzige, was den Kalifornier an diesem lauen Sommerabend in Melbourne stoppen konnte, war Nasenbluten. Früh im ersten Satz brauchte er schon eine kleine Auszeit, um die Blutung zu stoppen: "Ich hatte vor ein paar Wochen in Brisbane Nasenbluten und jetzt hier. Ich glaube, dass das nur an der trockenen Luft lag", gab er in der Pressekonferenz schon Entwarnung.
Medvedev probierte alles, um in den Kopf Tiens zu kommen. Im dritten Satz versuchte er sich an einem Aufschlag von unten, für den nächsten Aufschlag stellte er sich nach ganz außen. Der Russe kennt alle Kniffe. Gegen Tien halfen sie nichts. Der US-Amerikaner macht auch mental einen sehr erwachsenen Eindruck: "Ich habe nicht zu viel darüber nachgedacht. Ich habe gut gespielt, hatte Momentum und ich wollte mich nicht verunsichern lassen. Natürlich versucht er alles. Und wenn du gegen ihn spielst, fühlt sich keine Führung sicher an. Ich bin aber fokussiert geblieben und habe mein Spiel weitergespielt."
Alexander Zverev, nächster Gegner von Tien, ist gewarnt. Er spielte sein Achtelfinale gegen den Argentinier Francisco Cerundolo zeitgleich mit Tien, war in seiner Pressekonferenz jedoch voll des Lobes über seinen kommenden Gegner: "Learner ist ein großartiger Spieler. Er ist im gleichen Alter wie einige andere, die gerade nach oben kommen. Über die wird mehr gesprochen, aber hier ist er der, der durchkommt. Ich habe riesigen Respekt für ihn und die Arbeit, die er in den Sport steckt."
Es stimmt. Joao Fonseca, Übertalent aus Brasilien, bekam in den Tagen vor dem ersten Grand Slam des Jahres deutlich mehr Schlagzeilen als Tien. Fonseca schied in der 1. Runde aus. Jakub Mensik aus Tschechien musste sein Achtelfinalmatch gegen Großmeister Novak Djokovic wegen einer Verletzung aufgeben. Andere Spieler in der Altersklasse wie zum Beispiel auch der Deutsche Justin Engel sind längst noch nicht so weit wie der 20-Jährige.
Tien, der noch bei seinen Eltern wohnt ("Dieses Jahr werde ich wohl ausziehen, aber meine Familie ist nach wie vor ein sehr großer Teil in meinem Leben"), wurde schon früh entdeckt. Mit fünf Jahren spielte er in seinem Heimatort Irvine sein erstes Turnier, wenige Monate später schon gewann er ein Schülerturnier. In der Jugend hatte er dem Sport teilweise entsagt, kam aber wieder zurück. Die Pause schadete nicht. Der Sohn vietnamesischer Einwanderer feierte Erfolge bei den Junioren. 2023 verlor er in einem spektakulären Junioren-Finale bei den Australian Open gegen den Belgier Alexander Blockx im Tiebreak des dritten Satzes, das US-Open-Finale im gleichen Jahr verlor er gegen Joao Fonseca. Drei Jahre nach dem Erreichen des Finals bei den Junioren jetzt also das Viertelfinale bei den Herren gegen Alexander Zverev. Ein langer Weg, schnell zurückgelegt.
Einer wie Michael Chang
Michael Chang ist seit August 2025 der Coach von Tien und wenn man das Spiel des 20-Jährigen sieht, fällt einem niemand ein, der dessen Spiel besser auf das nächste Level heben kann. Chang spielte in den 90ern ein ähnliches Tennis wie Tien, vielleicht noch ein bisschen defensiver. Es waren andere Zeiten. Aber nicht nur spielerisch scheint die Zusammenarbeit zu passen. Chang strahlt eine große Ruhe aus. Auch wenn es zwischendurch auf dem Platz ein bisschen lauter werden kann: "Ich sage Michael immer, er soll mich ruhig anschnauzen, wenn ich etwas offensichtlich falsch mache. Es ist aber schön, dass es jemanden gibt, der mich zwischendurch mal weckt, wenn ich in der Hitze des Gefechts etwas verpasse."
Das Match gegen Alexander Zverev wird die ganz große Bühne für den bescheiden wirkenden Tien. Die beiden trafen bislang zwei Mal aufeinander. Bei den French Open im vergangenen Jahr gewann Zverev sicher in drei Sätzen. Doch zwei Monate zuvor gewann Tien in der schwülen Hitze von Acapulco sicher gegen den Weltranglistendritten. Zverev hatte damals über Unwohlsein geklagt, mehrere Spieler hatten sich in der Woche in Acapulco den Magen verdorben.
Zverevs unglaubliche Bilanz gegen Linkshänder, aber ...
Der Hamburger, der sich endlich den großen Traum von einem Grand-Slam-Triumph erfüllen möchte, muss dennoch gewarnt sein. Zu gut spielte Tien gegen den bisweilen überfordert wirkenden Medvedev. Die beiden hatten sich vor Jahresfrist erst in Melbourne getroffen. Ein Match, das mitten in der Nacht endete, gewann Tien mit 7:6 im fünften Satz. In frühen Profijahren ist die Lernkurve naturgemäß größer bei jungen Spielern, doch die vom 20-jährigen Kalifornier ist bemerkenswert. Er überzeugte gegen Medvedev nicht nur mit seinem hochvariablen Spiel. Sein Return hatte eine überragende Qualität. Zwischendurch gewann Tien elf Spiele am Stück.
Tien ist der große Außenseiter am Dienstag. Das liegt auch an der Spezialität Zverevs, gegen Linkshänder zu spielen. Zverev, der seine Kindheit damit verbrachte, mit seinem linkshändigen Bruder Mischa zu trainieren, hat seit Anfang 2023 nur zwei Matches gegen Spieler verloren, die mit der linken Hand spielen. Eins davon gegen Tien.
Aufgrund der großen Hitze wird das Dach wohl früh geschlossen werden, Alexander Zverev ist ein herausragender Spieler in der Halle. Doch wenn er nicht zu seinem Spiel findet, könnte es trotz Zverevs Vorliebe gegen Linkshänder ganz schnell gehen. Und dann sieht man Learner Tien wieder selig lächelnd Nachrichten auf seinem Smartphone lesen. Und die Organisatoren werden die Kameras draufhalten.