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Die Medaille ist in ReichweiteWarum Deutschlands EM-"Albtraum" gar nicht zum Fürchten ist

16.01.2026, 18:15 Uhr
imageVon Till Erdenberger & Anja Rau
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Einer für alle, alle für einen - die deutschen Handballer mit dem Musketier-Motto. (Foto: IMAGO/Maximilian Koch)

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft startet erfolgreich in die EM. Der Auftaktsieg gegen Angstgegner Österreich war Pflicht, macht aber Mut. Fünf Thesen, warum es aus dem "Albtraum" kein böses Erwachen geben wird.

Der "Albtraum"-Baum hilft Deutschland

Allzu oft meinten es die Losfeen bei den vergangenen Turnieren äußerst freundlich mit der deutschen Mannschaft, der Weg zu größeren Zielen war oft geebnet. Nun gab es eine böse Klatsche von Fortuna, aber das könnte sich auszahlen. Gegen Österreich wartete direkt zum Auftakt ein Angstgegner, gegen den das deutsche Team zuletzt nie glänzen konnte. Der 30:27-Erfolg dürfte pushen. Anders als bei der WM im vergangenen Jahr, als das DHB-Team gegen schwächere Gegner wie Polen, Tschechien oder Italien immer wieder furchtbare Anlaufprobleme zeigte - im Wissen, die Dinge durch die größere Klasse stets noch regeln zu können.

Als es in die K.-o.-Phase ging, konnten die Spieler von Bundestrainer Alfred Gislason den Schalter aber nicht umlegen. Das Aus gegen den Außenseiter Portugal ist allen noch in furchtbarer Erinnerung: Nur ein Tor erzielte die deutsche Mannschaft in den ersten zehn Minuten, mit 13:19 ging es in die Halbzeit. Die Aufholjagd kostete viel Kraft, die dann in der dramatischen Verlängerung (30:31) fehlte. Diesmal müssen die Sinne in jedem Spiel von Anfang an geschärft sein. Es ist der schnellste Weg, um auf Turnierniveau zu kommen. Nach den Brocken Österreich und Spanien sowie Serbien in der Vorrunde kommt es mit voraussichtlich Überfavorit Dänemark, Titelverteidiger Frankreich, Co-Gastgeber Norwegen sowie wieder den Portugiesen ganz dicke.

"Wichtig ist, dass wir schon in der Vorrunde stabil spielen", forderte der gegen Österreich gewohnt überragende Wolff unmissverständlich: "Wir müssen eine Euphorie entfachen, ein Selbstbewusstsein aufbauen, das uns - wie 2016 - ermöglicht, ins Halbfinale zu kommen." Damals stand die arg gebeutelte deutsche Mannschaft nach der Auftaktniederlage gegen Spanien in jedem einzelnen Spiel vor dem Turnier-Aus - und kämpfte sich völlig überraschend zum Titel. Diesmal ist der Auftakt gemacht, der Weg klar gezeichnet - es zählen nur Siege.

Deutschland hat eine Medaillen-Abwehr

Beim letzten Titel des Teams gab es eine ganz klare Regel für die Abwehr: "Wir haben da alles verprügelt, was auch nur ansatzweise in den Neuner reinkommen wollte", erinnert sich Jannik Kohlbacher an die EM 2016. Er ist gemeinsam mit Torhüter Andreas Wolff und Außen Rune Dahmke einer von drei "Bad Boys", die auch noch zehn Jahre später beim Turnier dabei sind. Und die Devise ist auch nach einer Dekade dieselbe, das zeigte sich gegen Österreich vor allem in der ersten Halbzeit. Österreich kam in den ersten 30 Minuten zu gerade einmal acht Toren. Immer hatte ein Deutscher seine Finger dran - spätestens Torhüter Andreas Wolff. "Phänomenale Abwehr", lobte der sonst nicht zum Überschwang neigende Gislason in der ersten Auszeit.

Die aktuelle Abwehr ist ein "Bollwerk", urteilte Kohlbacher schon vor Turnierstart. Der 30-Jährige ist einer von drei "überragenden" Kreisläufern im DHB-Kader, wie Bob Hanning, Italiens Nationaltrainer und Geschäftsführer des Bundesligisten Füchse Berlin, bei ntv/RTL urteilt. Die anderen: Kapitän Johannes Golla und der 22-jährige Justus Fischer. Hanning weiter: "Ja, herzlichen Glückwunsch. Da soll mir mal ein anderes Land zeigen, dass es da mithalten kann." Österreich kam schon mal nicht mit - und dabei konnte Kohlbacher, der allerdings vor allem offensiv zum Einsatz kommen wird, über die volle Spielzeit auf der Bank geschont werden.

Im Defensivblock ist auch Julian Köster eine feste Größe, er teilte sich die Aufgabe bei der letztjährigen WM mit Golla - und beide waren nahezu überspielt. "Einer von beiden musste immer auf dem Feld stehen. Heute sieht das anders aus", sagte Bundestrainer Gislason. Denn mit Tom Kiesler und Matthes Langhoff stehen auch zwei Turnier-Debütanten im Kader, die als Abwehrspezialisten geführt werden. Und beide überzeugten gegen Österreich bei ihrem ersten EM-Spiel. Kiesler nahm direkt neben dem überragenden Golla die Position im Innenblock ein, Langhoff setzte in Halbzeit zwei Akzente. In der Abwehr hat Gislasons Team "deutlich mehr Breite". Der Schlüssel zum Erfolg beim Auftakt.

Juri Knorr wird nicht kollabieren

Juri Knorr ist einer der besten Handballer seiner Generation, der 25-Jährige wurde in den ersten Jahren seiner Karriere immer wieder in die All-Star-Teams der großen Turniere gewählt. Deutschlands bester Torschütze war der Regisseur sowieso. Doch in deutschen Mannschaften, die weit von der absoluten Weltspitze entfernt waren, wurde für Knorr seine außergewöhnliche Begabung immer wieder zur schweren Bürde. Der Rechtshänder lud sich die Last des deutschen Angriffs auf die Schultern - und zerbrach immer wieder unter aller Augen.

Unvergessen, wie Knorr sich bei der Heim-EM 2024 nach dem Halbfinal-Aus selbst vernichtete. "Das Gefühl, in solch einem großen Spiel nicht alles rausgehauen zu haben, enttäuscht mich so. Es tut einfach weh, nicht alles gegeben zu haben", verkündete ein völlig aufgelöster Profi. "Ich wollte mir im Nachhinein nichts vorwerfen müssen. Leider werfe ich mir was vor." Seine Abrechnung mit sich selbst passte nicht zum Einsatz, den er zeigte und zur Bedeutung für seine Mannschaft. Auch bei diesem Turnier führte ihn seine Leistung ins All-Star-Team, nur zwei Spieler erzielten mehr Tore.

Nun hat sich Knorrs Rolle im DHB-Ensemble geändert, die Last des deutschen Spiels ist auf viele Schultern verteilt. Gegen Österreich startete er sogar von der Bank. Um den Druck von seinen Schultern zu nehmen, die deutschen Handball-Hoffnungen unter aller Augen tragen zu müssen, war er im Sommer nach Aalborg gewechselt. Der Ausflug zum dänischen Spitzenteam tut dem stets äußerst reflektierten Grübler, der zur Härte gegen sich selbst neigt, äußerst gut. Knorrs Kopf ist wohl so bereit wie nie für die besonderen Momente, die er kreieren kann. Und sein Körper, der allzu oft durch die gnadenlosen Härten eines Turniers in der entscheidenden Phase ausgezehrt war, auch.

Variabilität ist der Schlüssel

Knorr zu Beginn nur auf der Bank, Köster "nur" auf der Halbposition in der Deckung, nicht im Innenblock, wo es nochmal deutlich härter zur Sache geht. Uscins bekommt kurze Pausen. Das nennt sich Ressourcenschonen. Die Variabilität der Rückraumspieler kann noch zum großen Pfund des DHB-Teams werden. Sie können sich abwechseln, sie können sich gegenseitig zu Verschnaufpausen verhelfen. Und mit ihrer variablen Einsatzfähigkeit sind sie natürlich auch schwerer ausrechenbar für jeden Gegner.

Die Hochgeschwindigkeitswürfe von Turnier-Neuling Miro Schluroff sind ein neues Element im DHB-Angriff, dass Köster in der Defensive etwas geschont werden kann, bringt ihm mehr Kraft für die Offensive, wo er in der Mitte anstatt von Knorr den Drahtzieher geben kann. Sollte der Fuß von Nils Lichtlein schnell heilen, nachdem ihm im letzten Training in der Vorbereitung ein Teamkollege draufgefallen war, ist der Spielmacher der Füchse Berlin mit seinen Hochgeschwindigkeitspässen und klugen Ballverteilung ebenfalls ein weiterer anderer Typ Spieler, der die Variabilität erweitert. Obwohl Gislason ihm bislang extrem wenig Einsatzzeit im Nationalteam zugesteht, überzeugt Lichtlein alle Experten.

Gislason, das zeigt schon das Spiel gegen Österreich, wo er früh beginnt, den Rückraum nach und nach durchzutauschen, hat aus der WM vergangenes Jahr gelernt. Damals hatte er - teilweise auch aus Personalnot - seine erste Sieben zusammen und die spielte mehr oder weniger gnadenlos durch. Es führte dazu, dass Uscins im Viertelfinale quasi bis zum Umfallen spielte - und im entscheidenden Moment den Fehler machte. Dies dem jungen Talent anzukreiden, ist unfair, der Tank war einfach leer. Nun scheint es, als würde während der EM immer darauf geachtet werden können, dass niemand auf Reserve läuft.

Quelle: ntv.de

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