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Alles, was Sie wissen müssen Warum die Paralympics so aufregend sind

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Markus Rehm ist wohl der bekannteste Paralympics-Star in Deutschland.

(Foto: imago images/Beautiful Sports)

Ein Jahr später als geplant, ohne Zuschauer - aber sie starten: die Paralympischen Spiele in Tokio. Knapp zwei Wochen Sport von höchster Qualität. Mit neuen Disziplinen, 134 Deutschen, davon vielen Debütanten. Wie ist das mit den Startklassen und was erwartet die Zuschauer? Am Dienstag startet das Großevent mit der Eröffnungsfeier, ab Mittwoch geht es dann um die Medaillen. Das Wichtigste im Überblick.

Was gibts Neues bei den Paralympics?

Leichtathletik, Schwimmen, Tischtennis - klar, diese Sportarten dürfen auch in diesem Jahr bei den Paralympics nicht fehlen. Wie bei den Olympischen Spielen gibt es aber auch bei den Paralympics immer wieder Sportarten, die neu ins Programm aufgenommen werden. Dieses Mal sind Badminton und Taekwondo erstmals dabei. Im Para-Badminton treten Rollstuhlfahrer*innen, Kleinwüchsige sowie Menschen mit Einschränkungen an Armen oder Beinen im Einzel, Doppel und Mixed an. Im Taekwondo gibt es Wettkämpfe für Menschen mit Beeinträchtigungen an den Armen wie etwa Fehlbildungen oder Amputationen.

Da wie bei den Spielen 2016 23 Sportarten im Programm sind, wurden andere gestrichen: Es traf die Segel-Wettbewerbe sowie der CP-Fußball, also der Fußball für Sportler*innen mit Infantiler Zerebralparese und anderen neurologischen Krankheiten wie Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma, die etwa Gehschwierigkeiten und Lähmungen haben.

In den 23 verschiedenen Sportarten gibt es insgesamt 540 Wettbewerbe und damit 540 Mal Gold, Silber und Bronze. Die vielen Wettbewerbe kommen durch die verschiedenen Startklassen zustande, denn wer ein Handicap am Arm hat, kann aus Fairnessgründen nicht mit einem Menschen im Rollstuhl um die gleiche Medaille kämpfen (mehr dazu siehe unten).

Welche Sportarten sind dabei?

Die meisten Sportarten der Paralympics gab es auch bei den Olympischen Spielen bereits zu sehen. Radsport auf der Straße und der Bahn, Leichtathletik, Kanu, Rudern, Tischtennis, Tennis, Schwimmen, Bogenschießen, Schießen, Triathlon, Powerlifting, Reiten, Judo und Fechten. Natürlich mit Anpassungen gibt es die Mannschaftssportarten Rollstuhlbasketball, Rollstuhlrugby, Sitzvolleyball und Blindenfußball. Zusätzlich gibt es Goalball, eine traditionelle Para-Sportart, die schon seit 1976 (Männer) beziehungsweise 1984 (Frauen) im Programm der Paralympics dabei ist, und Boccia, das ebenfalls bereits seit 1984 auf der großen Bühne gespielt wird. In diesem Jahr hat sich erstmals ein deutsches Team qualifizieren können.

Goalball gilt als die weltweit beliebteste Ballsportart für Menschen mit Sehbehinderung. Ziel ist es, einen 1,25 Kilogramm schweren Hartgummiball mit einer eingearbeiteten Klingel in das gegnerische Tor zu werfen, was das andere Team verhindern will, indem sich die Spielerinnen und Spieler dem Ball in den Weg werfen. Alle tragen dabei zur Chancengleichheit komplett lichtundurchlässige Brillen.

Wie war das nochmal mit den Startklassen?

Im Para-Sport gibt es die Herausforderung, Wettbewerbe so gerecht und gleichzeitig so wenig vorhersehbar und einseitig wie möglich zu gestalten. Ziel kann es nicht sein, dass der am wenigsten beeinträchtigte Athlet gewinnt. Sichergestellt werden soll im Gegenteil, dass die sportliche Leistung darüber entscheidet, wer die Medaillen gewinnt. Daher gibt es sportartenspezifisch verschiedene Startklassen. Im Grunde ist dies vergleichbar mit Einteilungen nach Alter, Geschlecht oder Gewicht.

Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) unterteilt in folgende Behinderungen:

  • Beeinträchtigung der Muskelkraft: etwa bei Lähmungen, Muskelschwund, den Folgen von Kinderlähmung und Spina Bifida.
  • Beeinträchtigung des passiven Bewegungsapparats: etwa bei Gelenksteife.
  • Fehlen von Gliedmaßen: etwa Fehlbildungen oder Amputationen.
  • Unterschiedliche Beinlänge
  • Kleinwuchs
  • Muskelhypertonie, eine erhöhte Spannung der Muskulatur bei reduzierter Fähigkeit, den Muskel zu strecken. Tritt infolge von Verletzungen des zentralen Nervensystems auf, etwa nach Schlaganfall oder Zerebralarese.
  • Ataxie, eine Störung der Bewegungskoordination, die infolge von Verletzungen des zentralen Nervensystems auftreten, etwa bei Multipler Sklerose, Schlaganfall und Zerebralparese.
  • Athetose, also anhaltende, unwillkürliche Muskelbewegungen.
  • Beeinträchtigung der Sehfähigkeit
  • Intellektuelle Beeinträchtigung, die das im Alltag erforderliche Anpassungsvermögen einschränkt.

Wer vertritt das Team Deutschland?

Insgesamt werden 134 Athletinnen und Athleten die deutschen Farben in Tokio repräsentieren. Der Deutsche Behindertensportverband hätte sogar mehr Qualifikanten nominieren können, erklärte Karl Quade, der bereits zum 13. Mal als Chef de Mission zu den Paralympics reist. Doch eine verstärkte internationale Konkurrenzsituation sowie schwierige Trainings- und Qualifikationsbedingungen aufgrund der Corona-Pandemie führten zu einem kleineren Team als in Rio 2016, als noch 148 Deutsche dabei waren.

Angeführt wird die deutsche Mannschaft von Rollstuhlbasketballerin Mareike Miller und Radsportler Michael Teuber - die beiden tragen die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier ins Stadion. "Die beiden sind Ausnahme-Athleten", sagte der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands, Friedhelm Julius Beucher. Miller ist Kapitänin ihres Teams, dazu Gesamtaktivensprecherin und ist zum dritten Mal dabei. Ihre Ausbeute bisher: Jeweils einmal Gold und Silber. Teuber ist mit seinen 53 Jahren sogar schon zum sechsten Mal dabei und bereits fünfmal mit Gold und einmal mit Silber dekoriert.

Knapp ein Drittel der Nominierten feiern in Tokio ihr Debüt, acht davon im Schwimmen. Auch zwei Olympioniken gehören zum Team: Sprinter Alexander Kosenkow ist der Guide der sehbehinderten Sprinterin Katrin Müller-Rottgart, Bahnradfahrer Robert Förstemann ist als Pilot des sehbehinderten Kai Kruse auf dem Tandem dabei.

Die größte Abordnung gibt es mit 27 Sportler*innen in der Leichtathletik. Wie die Radfahrer gehören die Leichtathleten zu den erfolgreichsten des Teams. Aus dieser Sportart kommt auch der berühmteste Deutsche: Weitspringer Markus Rehm. Der Weltrekordler, dreimalige Paralmypics-Sieger, sechsfache Weltmeister und Fahnenträger von Rio 2016 muss zwar noch sein Startverbot bei den Olympischen Spielen verdauen, will seinen Titel in Tokio aber auf jeden Fall verteidigen.

Im Judo gibt es eine besondere Schwestern-Konstellation: Die Zwillinge Ramona und Carmen Brussig gehören zu den bekanntesten und erfolgreichsten Judoka. Die sehbehinderten Athletinnen erleben ihre vierten (Carmen) und fünften (Ramona) Spiele und sorgten 2012 für Aufsehen, als sie am gleichen Tag in ihren Gewichtsklassen Gold gewannen. 2016 gelang beiden der Silber-Coup.

Bei den Kanuten geht Edina Müller als Mitfavoritin an den Start. Für die 38-Jährige sind es ebenfalls bereits die vierten Paralympics, in Rio gewann sie Silber im Kajak. 2008 und 2012 war sie noch Basketballspielerin und Teil des Teams, das Silber (2008) und Gold (2012) gewann. Für die junge Mutter war der Weg nach Tokio noch steiniger als für andere - weil die Organisatoren nicht anerkennen wollten, dass sie ihren Sohn, den sie noch stillt, mitnehmen muss. Doch mittlerweile ist sie mit Liam in Japan angekommen.

Einer der Debütanten ist Tim Focken. Der Sportschütze ist der erste deutsche Kriegsversehrte bei den Paralympics. Im Oktober 2010 geriet der frühere Fallschirmjäger in einen Feuerkampf mit den Taliban, sein Leben konnte gerettet werden, aber seitdem ist sein linker Oberarm gelähmt. Wie er auf die Aufmerksamkeit für ihn reagiert? Bescheiden: "Viele sehen in mir eine Art Aushängeschild. Dabei fühle ich mich als einer von ganz vielen. Ich bin genauso ein kleines Licht, wie jeder andere auch."

Wie schnitten die Deutschen in Rio 2016 ab?

18 Mal Gold, 25 Mal Silber und 14 Mal Bronze - das ist die Medaillenausbeute des deutschen Teams von Rio. Insgesamt 57 Medaillen und Platz sechs im Medaillenspiegel. Für die deutschen Funktionäre war das in Ordnung, schließlich hatte man im Medaillenranking besser abgeschnitten als 2012 in London - obwohl es neun Medaillen weniger gab. Besonders erfreut hatten die Leichtathleten sowie die Radsportler, die allein acht Goldmedaillen gewannen.

Ein großes Manko von 2016: "Der internationale Sport hat ein Glaubwürdigkeitsproblem wie nie", hatte Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands, gesagt. Er meinte das Dopingproblem. "Über viele Nationen, die im Medaillenspiegel über uns stehen, schwebt ein berechtigtes Misstrauen. Wenn im Fußball einer Foul spielt, muss er vom Platz. Wenn hier einer Foul spielt, hat er Glück, wenn er zum richtigen Verband gehört." In Rio hatte es eine wahre Weltrekord-Flut gegeben. Fraglich, ob dies in der Pandemie besser geworden ist, wo es an mangelnden Kontrollen bereits während der Olympischen Spiele massive Kritik gegeben hatte. Die Nationale Anti Doping Agentur hat für Deutschland mitgeteilt, die Sportlerinnen und Sportler vor den Paralympics in gewohntem Umfang kontrolliert zu haben. Seit März wurden demnach bei den 134 Athlet*innen und Guides 140 Proben genommen.

Wann gibt es die erste Medaille?

Die erste Medaille für das Land - es ist eine besondere Ehre für die Sportlerin oder den Sportler. Die Aufmerksamkeit ist gewiss, das Lob, die Anerkennung. Denise Schindler könnte ein Name sein, den Sie sich merken sollten. Die Radfahrerin ist die erste Deutsche, die eine realistische Chance hat. Und zwar in der Verfolgung auf der Bahn über 3000 Meter (Mittwoch, 6:45 Uhr MESZ). "Ich denke, in der Verfolgung auf der Bahn habe ich eine Medaillenchance", sagte die 35-Jährige, die bereits zweimal Silber und einmal Bronze gewann, der "Süddeutschen Zeitung". Aber: "Es war zuletzt nicht ganz einfach, ich hatte viel mit Entzündungen am Stumpf in der Prothese zu kämpfen, das war auch mental sehr herausfordernd."

Wer hätte danach eine Chance, sich in die Geschichtsbücher einzutragen? Die Rollstuhlfechter. Für Maurice Schmidt und Sylvi Tauber gilt die Kategorie "Außenseiterchance". Der 27-Jährige war bei der EM 2018 Sechster, seine 20 Jahre ältere Teamkollegin Siebte. Schmidt sagt selbstbewusst: "Geht nicht gibt's nicht."

Und was ist mit Corona?

Die Pandemie ist längst nicht vorüber. Im Gegenteil: In Japan herrscht weiter der Notstand, zuletzt gab täglich rund 25.000 Neuinfektionen - mehr als je zuvor. Angesichts dessen sollen die Maßnahmen bei den Paralympics verschärft werden. Es soll mehr Tests geben für Mitarbeiter, die engen Kontakt zu den Sportler*innen haben. Im Rahmen der Spiele gab es schon vor Start weit mehr als 100 Infektionsfälle, auch einige Athleten sind positiv getestet. Der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees sieht die Spiele aber nicht als Faktor für die steigenden Fallzahlen: "Wir glauben nicht, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen den steigenden Fallzahlen in Japan und den Paralympics gibt." Allerdings wisse jeder, dass man sich strikt an die Regeln halten müsse. Er rechne nicht damit, dass es durch die Paralympics zu einer Zusatzbelastung für die Krankenhäuser komme.

Die Teilnehmenden der Paralympics sind aufgrund ihrer Vorerkrankungen stärker gefährdet als andere. Eine Umfrage der Arbeitsgruppe "Inklusion im Sport" der Universität Paderborn unter den deutschen Kaderathleten ergab, dass etwa ein Drittel zur Risikogruppe gehört. Von ihnen sind wiederum etwa 30 Prozent in Tokio für Deutschland am Start. Stärker als ihre Gefährdung wog in der Vorbereitung auf die Spiele das Problem, nicht wie gehabt trainieren zu können oder an Wettkämpfen teilzunehmen. Alternative Trainingsgelegenheiten waren nicht für alle Para-Athleten zugänglich. Unter den DBS-Athleten konnten seit Beginn der Pandemie bis März 2021 lediglich 57 Prozent der Befragten an Wettkämpfen teilnehmen. Aufgrund der ausbleibenden Trainingseinheiten und Wettbewerbe hätten zehn Prozent der Sportler sogar mit einem Karriereende geliebäugelt, ergab die Studie.

Wo gibts das Ganze zu sehen?

Wie schon bei den Olympischen Spielen sind auch bei den Paralympics keine Zuschauer in den Stadien und Arenen zugelassen. Japan hat den Notstand verlängert, die Corona-Krise greift weiter um sich. Doch im Fernsehen gibt es viel zu sehen - trotz sieben Stunden Zeitverschiebung. ARD und ZDF teilen sich die Berichterstattung, den Auftakt macht die ARD mit der Eröffnungsfeier am Dienstag ab 12.50 Uhr und übernimmt dann auch den ersten Wettkampftag am Mittwoch ab 9 Uhr. Anschließend wechseln sich die Sender ab - gestartet wird immer ab 9 Uhr, bis das ZDF am Sonntag, den 5. September mit der Schlussfeier ab 12.55 Uhr die Paralympics beendet.

Quelle: ntv.de

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