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"LoL"-WM in Berlin Wenn 200 Millionen Chinesen E-Sport gucken

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Das Computerspiel League of Legends, hier der International College Cup 2019 in Hong Kong, zieht die Massen an: In Berlin messen sich bei der WM nun die besten Zocker der Welt.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Morgen startet in Berlin die WM im Spielehit League of Legends in die Gruppenphase. Fabian "GrabbZ" Lohmann gilt als Favorit und könnte die ewige Dominanz der Asiaten brechen. Im Interview mit n-tv.de erklärt der Coach von Europas bestem Team, G2 Esports, worum es bei "LoL" geht, warum allein in China 200 Millionen zuschauen - und wie Sexismus im Internet Frauen vom Zocken abhält.

n-tv.de: Herr Lohmann, heute beginnt in Berlin die Gruppenphase der League-of-Legends-WM: Worum geht es bei dem Spiel?

Fabian Lohmann: Sehr grob gesagt ist das einzige Ziel des Spiels, das Hauptgebäude des anderen Teams zu zerstören. Dabei spielt man in einer Arena fünf gegen fünf - und gegen computergesteuerte Einheiten - und versucht sich immer näher an die Basis heranzukämpfen. Im Verlauf des Spiels erhält man Gold und Erfahrung, die den eigenen Charakter stärker machen. Schaltet man seinen Gegenpart aus, bekommt man mehr von diesen Ressourcen. Darum sind Kämpfe zwischen den Spielercharakteren Mittelpunkt des Spiels.

Im Fußball spricht man von der falschen Neun oder von Gegenpressing: Gibt es für LoL-Spieler vorgeschriebene Rollen und Strategien?

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Jedes Team hat fünf Spieler. Prinzipiell gibt es keine vom Spiel vorgegebenen Rollen, aber im Verlauf der Jahre hat sich eine klar beste Strategie entwickelt. Die daraus resultierenden Rollen lassen sich in Jungle, Top, Mid, Bot und Support unterteilen und sind nach der Position auf der Karte benannt. "Jungle" ist der Spieler, der sich zum Großteil zwischen den Linien (Anm.d.Red: Top steht für oben, Mid für Mitte und Bot für Bottom, also unten. Das sind verschiedene Pfade, die bei LoL die eigene Basis mit der des Gegners verbinden und auf denen der Gegner angegriffen wird) aufhält und die computergesteuerten Gegner bekämpft. Der Support ist die einzige Position, die dafür da ist, nicht selber Ressourcen zu erkämpfen, sondern dabei seine Teammitglieder zu unterstützen. Zusätzlich zu dem Ziel, der gegnerischen Basis näher zu kommen, gibt es "neutrale Objektive" auf der Karte, die dem Team Vorteile einbringen können und welche in der Regel hart umkämpft sind.

Fußballtrainer gestikulieren oft wild am Spielfeldrand und versuchen, von außen Einfluss aufs Spiel und ihre Mannschaft zu nehmen: Wie coachen Sie bei einem LoL-Spiel?

Momentan gibt es in League of Legends laut Regelwerk keine Möglichkeit, mit dem eigenen Team zu kommunizieren - denn theoretisch könnte ein Coach auch die Perspektive des Gegners sehen und seinem Team dadurch einen Vorteil verschaffen. Ähnlich wie in jeder anderen traditionellen Teamsportart trainiert man hauptsächlich Strategien und Abläufe, die in einem Spiel vorkommen können. Großer Bestandteil sind die sogenannten "Scrims", in denen man gegen andere Teams besagte Strategien und Abläufe testet. Anders jedoch als im traditionellen Sport kann man als Trainer keine Situationen nachstellen und somit ist die Nachbearbeitung von gespielten Spielen um einiges wichtiger.

Normalerweise tritt bei einer WM ein nationales Team an, aber Sie leiten eine europäische und keine deutsche Mannschaft.

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Online-Gaming war immer schon Multikulti und frei von Barrieren, die im "realen" Leben das Zusammenspiel verhindern können. In League wird nicht nach Nationen eingeteilt, sondern nach Servern. Es gibt keinen strikt "deutschen" Server. Alle Spieler aus dem westeuropäischen Raum treffen aufeinander und die besten werden von den Teams verpflichtet. Das ist ähnlich wie im Klubfußball, wenn zum Beispiel Bayern München einen großen Teil an deutschen Spielern hat, aber immer internationale Topstars verpflichtet, um in Wettbewerben wie der Champions League mithalten zu können.

Wie bereitet man sich auf so eine WM vor: Nur schlafen, essen, zocken?

So ungefähr. Wir bei G2 Esports haben daneben noch einige Werbeverpflichtungen mit unseren Sponsoren, denen wir nachgehen müssen. Aber der Fokus liegt natürlich hauptsächlich auf dem Sport. Teamtraining, oder "scrimmen", dauert mindestens sechs Stunden täglich und danach begeben sich die Spieler in die sogenannte Solo-Queue, bei der sie auf öffentlichen Servern spielen und an ihren individuellen Fähigkeiten arbeiten. Zusätzlich zur reinen Spielzeit gibt es natürlich etliche Analysen und Vorbereitungen, weshalb ein normaler Vorbereitungstag schon mal zehn Stunden in Anspruch nehmen kann. Wenn ein wichtiges Turnier wie die WM ansteht, können die Tage aber auch mal länger werden.

Normalo-Zocker sitzen zuhause auf dem Sofa: Machen Bühne, Zuschauer und Live-Streams Ihre Spieler nervös?

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Am Anfang der Karriere sind Spieler natürlich aufgeregt, wenn sie auf einer Bühne vor Zuschauern spielen. Auch das erste Mal in einer großen Arena ist ein besonderes Gefühl. Ich erinnere mich an das europäische Frühlings-Finale 2018 in Kopenhagen, für das ich mich mit G2 qualifiziert hatte. Es waren circa 13.000 Zuschauer in der Halle und selbst ich als Trainer war bei der Eröffnungsshow ziemlich nervös. Inzwischen ist aber selbst das "normalisiert", wobei man sich immer freut, in einer vollen Halle zu spielen.

Die Fortnite-WM war nach einem Wochenende zu Ende, das LoL-Turnier dauert fünfeinhalb Wochen.

Ich verfolge Fortnite nicht wirklich, allerdings hat das Spiel den Vorteil, dass man 99 Spieler gleichzeitig gegeneinander spielen lassen kann. Bei League of Legends gibt es eine sehr viel höhere Zahl an Spielen, das ist in der Hinsicht dem Fußball sehr ähnlich. Wie in der Champions League gibt es erst eine Qualifikationsrunde, dann eine Gruppenphase und danach eine K.o.-Phase. Das Finale wird dann in einem Best-of-Five-Modus gespielt. Je nach Ergebnis der Top-Ligen sind bestimmte Teams als feste Teilnehmer in der Gruppenphase gesetzt. In der Qualifikationsphase haben dann kleinere Teams oder Team, die in der Liga schlechter abgeschnitten haben, die Chance sich ebenfalls zu qualifizieren.

E-Sport erhält in Deutschland nicht viel mediale Aufmerksamkeit. Ist LoL hier überhaupt schon richtig angekommen?

E-Sport hängt in Deutschland generell noch etwas hinterher und die deutsche LoL-Übertragung stand lange in der Kritik der Zuschauer, weshalb ein Großteil der deutschen Zuschauerschaft die englische Übertragung verfolgt. So ist es schwer zu sagen, wie viele Deutsche tatsächlich zuschauen. Das WM-Finale 2018 wurde von zwei Millionen Zuschauern im Internet verfolgt, allerdings wird E-Sport in Ländern wie Korea, Brasilien oder Polen auch im Fernsehen ausgestrahlt. China ist immer aus diesen Zahlen ausgeschlossen, da Streamingseiten dort die Zuschauerzahl nicht genau angeben. Allerdings wurde die Zuschauerschaft aus China auf satte 200 Millionen geschätzt. League of Legends generell hatte dieses Jahr mehr Zuschauer als noch 2018, also bin ich sehr gespannt wie die Zahlen wachsen werden - vor allem, wenn sich ein westliches Team für das Finale qualifizieren sollte.

Wie viele Menschen zocken das Spiel weltweit?

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League of Legends ist ab 12 freigegeben, jedoch beläuft sich die Hauptdemographie auf den Raum zwischen 18 und 25 Jahren. Meines Wissens gibt es aber keine genaue Spieleranzahl für den deutschen Raum. Das letzte Mal als der LoL-Entwickler Riot über die Spieleranzahl sprach, war 2016 - und dort belief sich die Zahl auf über 100 Millionen monatliche Nutzer. Dabei muss klar gesagt werden, dass ein sehr großer Teil davon aus China kommt, wo League of Legends bereits Volkssport-Status erreicht hat.

E-Sport ist ein Multimillionen-Geschäft: Was bekommen die Gewinner bei der LoL-WM?

Für die League-WM gibt es keinen festen Preispool. Zu jeder WM veröffentlicht Riot bestimmte "Skins", quasi ein besonderes Aussehen für den jeweiligen Spielcharakter, den sich die Fans kaufen können. Ein Teil von dem Erlös fließt in den Preispool. Es wird geschätzt, dass Invictus Gaming, WM-Sieger 2018, ein Preisgeld von 2,5 Millionen US-Dollar erhalten hat. Spielergehälter fallen natürlich unterschiedlich aus. In China gibt es schon mehrere Spieler, die über eine Million Dollar im Jahr verdienen. In Europa kratzen Topverdiener wohl an der Halbe-Millionen-Marke.

In den WM-Kadern finden sich überhaupt keine Frauen. Warum ist E-Sport so männlich?

Es gibt zwar "Female-Only" Teams, aber es gibt momentan tatsächlich keine Spielerinnen in den hohen Ligen. Es ist eine einfache Rechnung. Als Beispiel: Auf dem EUW-Server spielen circa drei Millionen Spieler den sogenannten "Ranglisten-Modus". Davon ist der Großteil männlich. Wenn man jetzt die 1000 besten Ranglistenspieler betrachtet, gibt es sicherlich einige Frauen unter ihnen. Aber dazu kommt dann auch, dass nicht jeder dieser Spieler daran interessiert ist, Pro-Gamer zu werden. Und selbst aus der Gruppe der Interessenten gibt es einen großen Teil, der mit dem dazugehörigen Lebensstil nicht klarkommt: lange Arbeitszeiten, vergleichbar geringes Gehalt - vor allem am Anfang der Karriere -, sehr wenig Freizeit und noch weniger Zeit, um die Familie zu sehen. Das sind alles Gründe, die potentielle Kandidatinnen abschrecken könnten.

Diese Gründe könnten aber auch männliche Gamer abhalten.

Prinzipiell wäre E-Sport der beste Raum, um Männer und Frauen in gleichen Wettkämpfen spielen zu lassen, jedoch ist die Szene noch nicht soweit. Das Internet ist generell noch ein Ort, in dem Leute die Anonymität nutzen, um vor allem gegen Frauen zu hetzen und beleidigend zu werden. Davon ist die Gaming-Welt leider auch betroffen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es einige Spielerinnen gibt, die das Zeug zum Profi in LoL hätten, aber all diese Gründe könnten sie davon abhalten, die Karriere zu verfolgen oder sich gar als Frau im Internet zu "outen".

Mit Fabian Lohmann sprach David Bedürftig

Quelle: n-tv.de

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